Nº 090 (2016): Ein F zuviel.

Schreibgedanken (LAUT).

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Da war wiedereinmal eine Woche der Versuch, ganz viel in ganz wenig hineinzutun. Vielleicht immer nur einen Satz zu schreiben. Okay, nur einen Absatz – aber auch das hat nicht … Doch ist das nicht egal?

Zwei der sieben Texte waren anders als vorher gedacht, eben weil ich den ursprünglich vierten nicht direkt, nicht in dieser Nacht veröffentlichen wollte, nicht ohne Rücksprache, nicht ohne nocheinmal genauer nachzspüren, wo der fremde Spiegel genau herkam: Seine Wurzeln liegen weit in meiner Vergangenheit, wie auch meine Spiegelkorrekturen bereits weit in meiner Vergangenheit begannen. Und weil mir dann noch dieser Christa-Wolf-Satz dazwischenrutschte, über die Leidenschaft … Der mir übrigens noch immer durch meinen Kopf spukt: Ist es wirklich Leidenschaft wie damals zu Günderrodes Zeiten, wenn ich etwas tu, was ich nicht will? An meiner mühsam aufgebrachten Geduld ist eine Leidenschaft Schuld, ja. Was aber, wenn ich eine ungeliebte Arbeit tun müßte (mußte ich einmal)? Wäre der Grund dafür auch Leidenschaft oder einfach nur ökonomischer oder moralischer oder sozialer Druck? Wenn ich bei einem un-/nicht-mehr-geliebten Menschen bleiben müßte (meinte ich zweimal gemußt zu haben): Leidenschaft oder Konvention/Vernunft oder moralischer oder ökonomischer Druck, oder gar “Verpflichtung”?

Wie steht es um mich, wenn ich diesen Satz auf mich beziehen müßte oder muß?

 

Noch habe ich nicht zuendegedacht. Nicht zu diesem Satz. Wenn ich es recht betrachte, kann ich das im Moment auch nicht zuendedenken. Weil … weil ich damit vielleicht irgendeine Seele verletze, wenn ich laut denke, schreibend denke – und jemand in einer solchen Situation liest es dann und bezieht es auf sich und fühlt sich verraten, angegriffen, bedrängt, gedrängt, zum Handeln gezwungen? Was dann? Bin ich dann Schuld, habe ich dann nicht zumindest eine Mitschuld? Wie schreibe ich über meine Schwierigkeiten so, daß (oder: “, so daß”?) es meine Schwierigkeiten bleiben und sie nicht von jemand anderem auf sich bezogen werden? Wie nur? In der Ich-Form? Dann bezieht der Leser sie auf sich. In der Du-Form? Dann fühlt sich die Leserin direkt angesprochen. In einer Er-Form oder einer Sie-Form? Klar, der will mich nur nicht direkt ansprechen, aber ich durchschau den Schmierfink!

Wo ist meine Unbefangenheit, mit der ich Texte sonst aufs Papier “hinrotze”, am Stück runterschreibe und dann nur noch abtippe ohne große Veränderungen? Habe ich mit dem Nachdenken über meine, über diese Leidenschaft meine (textliche) Unschuld verloren?

 

(Ich war immer versucht, statt nur einem derer zwei “ff” zu schreiben: Leidenschafft.)

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 29. März 2016 waren Gespräche, erledigte Vorarbeit im Radio, ein übernommenes Konzept.
 
Tageskarte 2016-03-30: Die Zehn der Stäbe.

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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7 Antworten zu Nº 090 (2016): Ein F zuviel.

  1. Sofasophia schreibt:

    Nun ja, wer liest, setzt sich immer irgendwelchen Triggern aus. Da überall immer auf allfällige Wörte und Sätze, die jemand möööglicherweise falsch verstehen könnte, Rücksicht zu nehmen, wäre schlimm. Damit tust du niemandem einen Dienst, dir nicht und deiner Freiheit zu schreiben nicht. Und auch nicht dem sich allenfalls betroffen fühlende Menschen. So viel Konjunktiv ist krank und macht krank.
    Von daher: Schreib dein Ding.

    (Aber solltest du tatsächlich wen anders meinen, sag es persönlich. So denke ich darüber.)

    Gefällt 2 Personen

    • Sofasophia schreibt:

      hier noch ein „und“ nach „nicht“ & „deiner“

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    • Der Emil schreibt:

      Also.

      Der Text lag hier vier Tage herum, ich habe vier Tage daran herumge…kaut. Normalerweis schreib ich am Stück und Überarbeitungen betreffen Wortwiederholungen, falsche Zeit- und Partizipformen, Verständlichermachen von verkürzten Aussagen (hier wurde aus „Ich-Form?“ „In der Ich-Form?“ z.B.). Dieser Text aber brauchte schon viel Papier und auch Gespräch, es wurden Passagen eingefügt und wieder gestrichen und wieder eingefügt und nochmal von vorn und und und — völlig untypisch für mich und daher habe ich versucht, den Urzustand wiederherzustellen.

      Gelernt habe ich dabei genau das, was Du schreibst: Ich kann nicht anders als in meiner Textlichen Unschuld (Naivität? Was wäre – analog zu den Naiven Malern – das richtige Wort?) schreiben. Alles andere wird „nur“ Stammeln.

      Gefällt 1 Person

  2. ©lz schreibt:

    Herzlichen Dank für folgen lesen und flanierend im flüchtigen wahrnehmen.
    Willkommen zwischen meinen Dioptrienspuren und ähnlichen Zeichen / wünsche wohles gelingen und flaniere bescheiden auch hier.

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  3. Ulli schreibt:

    In dem Fall entscheide ich mich für die Ich-Form und das dann konsequent, kein verstecktes Du, kein Vorwurf, nur über mich und meine Empfindungen schreibe ich dann. Wenn es sehr heikle Themen sind, dann verstecke ich mich auch schonmal hinter der Sie-Form, aber wer mich kennt, weiss dann eh, dass ich von mir schreibe …
    Ich bewundere ja noch die Leute, die offen über ihre Eltern und Verwandtschaft schreiben, da habe ich immer noch Hemmungen, du auch?

    Gefällt 1 Person

  4. puzzleblume schreibt:

    Leidenschaf(f)t – das ist ein grossartiger Gedankenbogen, den du da geschlagen hast, denn wenn wir etwas wider unseren ureigensten Impuls tun, hat zuvor jemand dafür gesorgt, dass uns das Widersetzen Leiden schafft bzw. eine Spannung erzeugt, die, wie oben geschrieben, „triggert“.
    Es ist eine gehörig schwere Aufgabe, diese Verknüpfungen zu erkennen, und ich empfinde es als noch schwieriger, sich daraus zu lösen, weil es wirkt, als würde man mit dem Ziehen an einem Faden des Netzes, in dem man sich gefangen fühlt, zugleich auch das Netz zerstören, in das man sich bei jeder geforderten Nummer doch immer wieder so sicher vorhersehbar fallen lässt.

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