Nº 096 (2016): Gucklöcher.

Einmal direkt in mein Leben schauen, bitte.

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Funkstille: Die Situation, da eine Person den Kontakt/eine Beziehung vollständig abbricht und verschwindet, keine Reaktion mehr zeigt, schweigt, nicht mehr erreichbar ist, die eigene Existenz verbirgt/verschleiert, alles verdrängt/vergißt/ablehnt, was mit der Beziehung/dem Kontakt in Zusammenhang stand.

 

 

» Unser Wissen über den anderen ist beschränkt. Hinter dem Augenschein liegt eine Wahrheit, die wir nicht fassen können, auch nicht mithilfe wissenschaftlicher Erklärungen und der sogenannten Vernunft. Doch dies zu erkennen kann schon eine Hilfe dabei sein, souveräner mit dem Unerklärlichen umzugehen. Wo es in Beziehungen zu anderen wehtut, neigen wir dazu auszuweichen. Dann treffen wir einander genau dort nicht, wo wir uns eigentlich suchen. Die Funkstille läßt eine Lücke entstehen. Sie schafft eine Distanz, die manchmal nötig sein mag, um klarer zu sehen. Man kann sich nicht anschauen, wenn man sich zu nah ist. Die Funkstille war dann nur das Drücken einer Pausentaste und kein Schlußstrich. Und: Was könnte aufregender sein, als ein unterbrochenes Leben mit all seinen Versprechungen wieder aufzunehmen? «

Tina Soliman: Funkstille. Wenn Menschen den Kontakt abbrechen. S. 194
© 2011 J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH Stuttgart. ISBN 978-3-608-94562-1

 

 

Ich selbst war einer, der zur Funkstille griff und jeglichen Kontakt verweigerte. Zehn Jahre lang. Während einer Therapie bekam ich dann die Einladung zu einer großen Familienfeier (an der ich nicht teilnehmen konnte). Seitdem näherten wir uns wieder an, ich und Teile meiner Herkunftsfamilie, ich und meine Ausweispersönlichkeit. Dieses Ende der Funkstille war und ist ein komplizierter, langwieriger Prozeß, in dem ich bisher nicht den auslösenden Moment und schon gar nicht die Ursachen für meinen Abbruch finden konnte. Was aber mich noch immer beherrscht, wenn es um diesen Teil meines Lebens geht, sind Scham und Schuldgefühle. Woher die kommen? Naja, ich habe alle Probleme dortgelassen, zwei Kinder, Ratenkredite, Eltern, eine Frau, mit der ich mich innerhalb von drei Jahren Beziehung immer weiter auseinandergelebt statt angenähert hatte … Und mit meinem Ausweisnamen glaubte ich auch alle damit verbundenen Probleme hinter mir gelassen zu haben, denn ich hatte ja eine völlig andere – nein, aber eine in entscheidenden Punkten verbesserte Vergangenheit. Und da war niemand mehr, der mir erzählte, wie ich zu leben habe – glaubte ich …

Was ich aber jetzt zu wissen glaube, ist: Einige Jahre vor meinem Verschwinden hatte ich eine falsche Entscheidung getroffen, mich für die falsche Frau entschieden; und das war bzw. die daraus erstehenden Folgen waren letzendlich ein großes Stück von dem, was mich später zum Weglaufen brachte.

Und ich werde selbst mit dem Ende der Funkstille, das bei mir nur ein teilweises ist, nicht ein Leben mit all seinen Versprechungen wiederaufnehmen können; denn es ist zuviel Zeit vergangen und es bleibt zuwenig Zeit übrig. (In einem ganz konkreten Beispiel haben ich und eine andere Person das versucht, aber dann doch nicht die Wiederaufnahme des Lebens geschafft, sondern nur die Wiederaufnahme des Kontakts und des Austausches.)

 

Und das alles spielt eine Rolle bei dem, was hier im Blog geschieht. Das hat seinen Anteil an den Texten über die erlebten und erfundenen Episoden, an der Auswahl der Zitate und Bilder, an meinem Leben. Und dieser Blog hier, das muß ich jetzt feststellen, läßt (von all meinen anderen “Gucklöchern” im Netz) am leichtesten und weitesten in mein Leben blicken.

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 4. April 2016 waren der Blick zurück, erfaßte Texte, ein Schwätzchen am Abend.
 
Tageskarte 2016-04-05: XVI – Der Turm.

© 2016 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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5 Antworten zu Nº 096 (2016): Gucklöcher.

  1. Sofasophia schreibt:

    Und doch bleiben unsere Versuche, ein anderes Leben auch nur ansatzweise zu vestehen, immer nur Gucklocheinblicke.

    Danke für das Teilen dieser Ausschnitte deines Heilungsweges.

    Gefällt 1 Person

  2. puzzleblume schreibt:

    Du erwähntest so etwas vor Jahren mal und ich erinnere mich vage, vor allem empfinde ich eine grosse Veränderung in der Darstellung. Ich denke, ein Blog hat viel Ähnlichkeit mit einem Fotoalbum aus der Familienzeit, wo man sich als Kind eigentlich auch hauptsächlich selbst beobachtet. Die veröffentlichten seelischen Momentaufnahmen sind ebensolche Mischungen aus Schnappschuss und Pose, wie man sich selbst und anderen (als gedachte Bestätigungs-Instanz) eben da gerade vor- und darstellt. Was ich selbst über die Jahre durch mein Bloggen beobachte, ist aber der konstante dynamische Entwicklungsprozess, das Entwickel von Entwürfen, die sich entweder bewähren oder einschlafen. Das Stichwort „Funkstille“ finde ich darin, unausgesprochen, auch wieder. Ich wende diese Art des Abbruchs auch zuweilen an, wenn Kommunikation eine Sackgasse von nichterfüllbaren Ansprüchen bedeutet, die jemand stellt, der eher den Charakter eines „Verfolgers“ auslebt. Wenn es eine „Schuld“ in solchen Prozessen gibt, habe ich allmählich bemerkt, trägt die nicht einer allein, auch nicht der, der mit seiner Flucht gegen einen ganzen Katalog von Benimmregeln verstösst, sondern auch derjenige, der unfähig war, die Balance zwischen seinen Ansprüchen und der Wesensart des anderen zu finden. Wo die Liebe nicht den jeweiligen Druck erkennen und gegenseitig mildern lässt, hilft doch wirklich nichts anderes als Funkstille? Ein Dialog aus Schuldzuweisungen jedenfalls nicht.

    Gefällt 1 Person

  3. Ulli schreibt:

    Ich bleibe im zitierten Satz genau hier hängen: „Wo es in Beziehungen zu anderen wehtut, neigen wir dazu auszuweichen. Dann treffen wir einander genau dort nicht, wo wir uns eigentlich suchen.“ Das lasse ich jetzt erst einmal wirken.
    Zu dir hin möchte ich mich einfach nur bedanken, dass du deins mit uns teilst.
    Herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 1 Person

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