Nº 117 (2016): Alles etwas dunkler.

Auch eine Freiheit.

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Die Weiden am Bach gleichen nicht anderen Weiden, und die Forellen, die man aus diesem Bach herauszieht, scheinen immer aus dunkleren Geheimnissen herausgezogen zu sein, als der tiefe und dunkle Bach sie bergen kann.

Freilich, es gibt auch Freude hier und Lachen, aber alles ist dunkler getönt als anderswo. Die Menschen lieben einander, aber über ihrer Liebe steht das Familiengesetz, und nicht oft hat einer die Kraft, sich ihm zu entziehen. So ist in ihrer Liebe weit mehr noch, als es das allgemein menschliche Gesetz verlangt, Leid und dumpfe Angst. In den Liebesworten, die da gesprochen werden, strömt immer die Dunkelheit des Baches, in dem schon mehr als eine Liebe ihr Ende gefunden hat. Denn das wird ab und zu noch gewagt im äußersten Unglück, die Freiheit des Todes. Daß aber einer die Freiheit des Lebens wage, daß einer wage, er selber zu sein, sich herauszulösen aus der ewigen Verflechtung, das ist weit ungeheuerlicher hier und erscheint weit verwerflicher. Denn so läuft ja das Leben, daß alle, kaum daß sie die eigene Anfechtung nicht zwar überwunden, aber doch von sich abgetan haben, zu Richtern werden über andere Angefochtene.

 

 

Ich sehe ein Dorf vor mir, irgendwo weitab vom Schuß, an einer Grenze. Selten verirren sich Fremde dahin. Und wenn jetzt jemand denkt, daß sei ein Text von mir, so muß ich enttäuschen. Vielleicht paßt er zu meinen Anfängen ungeschriebener Geschichten, aber er ist nicht von mir. Es ist ein Zitat aus Johannes Kirschwegs “Leonie”. (In: Gesammelte Werke zweiter Band. Erzählungen 2, S. 6. © 1976 Verlag “Die Mitte” GmbH, Saarbrücken. ISBN 3-921236-19-2) Johannes Kirschweg, der Klassiker des Saarlandes, von dem ich bis dato nichts wußte, der zwar katholischer Theologe war, als solcher aber nie arbeitete (weil er krank und vom zuständigen Trierer Bischof auf Dauer beurlaubt war). Er lebte von 1933 bis zu seinem Tod als freier Schriftsteller in Wadgassen bei Saarlouis. Und nachdem ich nun nur zwei seiner Erzählungen gelesen habe, weiß ich, daß ich auch all die anderen zehn Bände seiner gesammelten Werke in elf Bänden auf der Straße oder irgendwo finden muß, um zu lesen. So, wie ich Ulla Hahn lesen mußte. Aber den Kirschweng finde ich wahrscheinlich nicht in der Stadtbibliothek …

Falls jemand den Kirschweng kennt: Her mit Meinungen und Informationen!

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 25. April 2016 waren die geschaffte Hausarbeit, das angefangene Buch, der erinnerungsschwangere Dialog.
 
Tageskarte 2016-04-26: VI – Die Liebenden.

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Über Der Emil

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14 Antworten zu Nº 117 (2016): Alles etwas dunkler.

  1. alltagsfreak schreibt:

    Er sagt mir nichts. Was da in besagten „Familiengesetz“ ihn erschaudern lässt bleibt verborgen. Etwa der Fall der Auflösung eines Eheverhältnisses? Das würde sein Wirken in der katholischen Kirche widersprechen. Ich wünsche Dir einen schönen Abend.

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    • Der Emil schreibt:

      Da ist Familie (Herkunftsfamilie) und deren Wohlergehen/Erfolg wichtiger als alles andere: Liebe, Freude, Freundschaft, Glück, Vernunft, Eheschließungen, Religion … Ein Dorf auf der französisch-deutschen Grenze, vielleicht zur Zeit des ersten Weltkrieges oder kurz davor/danach, damals gab es nur das Dorf und vielleicht noch ein Nachbardorf. Die nächste große Stadt war eine Welt entfernt …

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  2. Gudrun schreibt:

    Ein Text, den man erstmal verdauen muss. Vielleicht, weil er an die vielen ungeschriebenen „Gesetze“ erinnert, gesellschaftlich und familiär, die so einschränken können, von denen man sich nur schwerlich lösen kann. Und über die man meist schweigt. Und so bleiben sie halt bestehen, diese Fesseln.

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  3. puzzleblume schreibt:

    Sehr suggestiv, diese Andeutungen von Unterströmungen, die über das Leben der Menschen als ungeschriebene Gesetze gebieten. Gebiet, Gebot, Gebet, …. solche Einflüsse („Bäche“) gibt es überall. Ich verstehe deine Faszination, auch wenn mir der Name des Autors bisher auch unbekannt war. Wahrscheinlich hast du recht mit deiner Vermutung, ihn am ehesten auf richtigen privaten Flohmärkten finden kannst, wo jetzt gerade verstärkt die Nachlässe der 20er und 30er Jahrgangsgeborenen auftauchen. Auch die öffentlichen Buchschränke und – zellen, in denen man austauschen darf, könnte ich mir als möglichen Fundort vorstellen. Zumindest bei uns sind die sehr unmodern bestückt.

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  4. zweitesselbst schreibt:

    Ja, Familiengesetz, ich denk, da muss sich jeder irgendwann entscheiden. Und macher versucht davor zu fliehen. Aber die ohne Familie suchen danach.

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  5. Der Emil schreibt:

    Diese Art „Familiengesetz“, die nur Restriktionen kennt, sucht eher niemand. „Das macht kein von Unsrigen“ und „das haben wir noch nie gemacht“ und „wenn Du das tust, dann …“ sind in aller Regel echt unangnehm.

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    • zweitesselbst schreibt:

      Ja, oke, es gibt da sicher Ausprägungen, die letztendlich niemand sucht. Aber grad hab ich bei einem Blick aus dem Fenster, einen kleinen Jungen, vllt. 4 oder fünf, mit einer Plastiktüte mit 2 Flaschen Bier, die Straße hoch hüpfen sehen. Echt, ganz allein. Ich vermute, irgendein alter Sack war zu träge sich das Bier selbst zu holen, und der Kleine war kühn genug, sich das auch zu zutrauen. Wenn er die Flaschen zu hause abgeliefert hat, sind beide auch noch glücklich. Oke, das kann sich später ändern. Aber ich denk, das entwickelt sich alles immer wieder in Richtungen, die erst gar nicht absehbar sind.

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