Nº 122 (2016): Ein Fest feiern.

Guckloch in mein Leben

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Ich saß gerade noch im Schein der Kerzen an meinem Tisch, der mit schwarzem Tuch bedeckt ist. Diese Nacht kenne ich aus dem Heimatdorf als Walpurgis; und im 6000-Einwohnerdorf brannten gut drei Dutzend Feuer – vor dem Anschluß. Danach wurden es schnell immer weniger, am Ende war es (ehe ich von dort verschwand) nur noch eines. Walpurgis, die Nacht zu der sich die Hexen und allerlei anderes Gelichter auf dem deutschesten aller Berge, auf dem Blocksberg, heutzutage Brocken genannt, versammeln und ausschweifend zu feiern verstehen, war im Heimatdorf mit dem Spruch verbunden: “Heit waard de Haax ahgezinndt/vorbrennt!” (Das ‚aa‘ ist ein kurzer Laut irgendwo zwischen A, E und Ä – echt schwierig zu erklären.) Ein großartiges Spektakel war es in meiner Jugendzeit, denn wir bauten die Feuer selbst auf, schleppten mit der Schwalbe und dem Ess-Fuffzich alles mögliche auf die Feldsteinhalden rund ums Dorf. Irgendwann war ich auch mit Freundin dort, mit Bier und Wein und Knutscherei und …

Aber das ging mir verloren, dieses Walpurgis-Feiern. Seit ich mich nämlich intensiver mit “Glaube” auseinandersetzte, tauchten da immer mehr der alten Feste auf, die mich – obschon ich mich Christ nennen lassen könnte – wahrlich faszinieren.

Deshalb feiere ich in der Nacht vom 30. April zum 01. Mai seit Jahren Beltaine, normalerweise ganz für mich allein. Ich zünde Kerzen an, nehme meinen Haindl-Tarot zur Hand und sehe mir an, was der mir zu erzählen hat. (Ähnliches tu ich zu Samhain, in der Nacht, die heute landläufig zum Konsum-Halloween verkommen ist. Ich könnte auch eine zufällige Stelle aus der Bibel auswählen.) Normalerweise ganz allein. Und ich glaube, so deutlich habe ich noch nie erklärt, daß ich “Heidnische” Feste aus dem Keltischen Jahreskreis zelebriere. Nach eigenem Ritus. Ohne mich an Neuheidnische oder Wicca-Abläufe zu halten – und aus diesem Grund nannte mich einstmals jemand, der das selbst war und in diesen Kreisen einen guten Namen hatte, einen “Chaosmagier”. Aber so würde ich mich nie nennen oder nur, wenn sehr, sehr heftig nachgefragt werden würde. (Auf eigenen Wunsch erwachsen evangelisch konfirmiert und Chaosmagie/heidnischer Aberglaube: Wie geht denn das zusammen? Ach, irgendwie paßt das, wenn nichts Dogmatisches stört. Vielleicht bin ich doch viel mehr Chaosmagier als ich wahrhaben will.)

Ach so. Um zurückzukommen zum Punkt: Haindl-Tarot. Nun, ein (meiner Meinung nach!) sehr modernes und vor allem komplexes Deck, das sozusagen mein Feiertagsdeck ist. Üblicherweise bringt es mir an den Hohen Feiertagen, an den Los-Tagen gute Hinweise. Nur gerade eben   gerade eben war mein Kopf beim Betrachten der Karten leer, völlig leer. Da entstand nichts im Kopf. Da war nur das Herz. Meins. Mein sehnsüchtiges Herz. Mein nähesuchendes Herz.

Mein brennendes Herz.

Walpurgis fand diesmal in mir statt.

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 30. April 2016 waren viele notwendige Einkäufe, die Ruhe in der Nacht.
 
Tageskarte 2016-05-01: II – Die Hohepriesterin.

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Über Der Emil

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2 Antworten zu Nº 122 (2016): Ein Fest feiern.

  1. Sofasophia schreibt:

    Ich glaube heute, dass die selbst gefundenen Rituale die wirksamsten sind. Ich habe mich sogar fast ganz von Formen verabschiedet, eigentlich sogar von Daten. Außer vielleicht noch die Sonnwenden und -tagundnachtgleichen.
    Es ist nicht die Form, es ist der Inhalt, der zählt – ist meine Schlussfolgerung.

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  2. alltagsfreak schreibt:

    Du hast eine eigene Lebensweise gefunden, die Dich prägt und das finde ich gut so. Früher bin ich raus gegangen und habe (damals noch in der PDS) beim Auf- und Abbau vom Kinder- und Familienfest, sowie beim Betreuen / Unterhalten der Kinder mtigemacht. Heute feiere ich ihn auch allein in Ruhe und Abgeschiedenheit. Ich wünsche Dir einen schönen Tag!

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