Nº 127 (2016): Reisebegegnung.

Die eine Art

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Und dann sitzt mir im Zug jemand gegenüber, der gerade vom Arzt kommt. Und er muß mir erzählen von der Diagnose, die er gerade bekommen hat (vielleicht Lungenkrebs, jedenfalls ist ein Schatten im Röntgenbild der Lunge zu sehen). Ganz schnell aber ist er bei seinen Rosen, von denen er im Garten auf 430 m² – alles Eigentumsland, kein gepachteter Schrebergarten – beinahe 100 Stöcke stehen hat und die schon Blütenknospen haben, weshalb er sie erst gestern mit Brennesseljauche spritzte – ja, die müffelt etwas, aber ist nicht so giftig wie das Zeug aus der BHG (er benutzt tatsächlich diese Abkürzung für die “Bäuerliche Handelsgenossenschaft”) –, und außerdem hatten seine Rosen noch nie Blattläuse, seit er die mit Brennesseljauche spritzt. Kurz darauf erzählt er schon von seinen nächsten Reiseplänen, es sind die der nächsten zwölf oder dreizehn Jahre, wenn ich das richtig verstehe, und Ostsee ist dabei und Varna am Schwarzen Meer, und Schweden und die Masuren. Früher war er ja gerne in den Ferienlagern unterwegs und hat als fleißiger Pionier auch das eine oder andere Pionierferienlager im Bezirk Suhl mit aufgebaut. In etwa einer Stunde bekomme ich, Wildfremder, der ich bin, von einem Herrn in den Siebzigern die ganze Lebensgeschichte erzählt, all die schönen Erinnerungen. Vielleicht hat er Angst vor der Krankheit und Angst davor, daß all sein Erlebtes mit ihm zusammen verschwinden, unerlebt wird …

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 5. Mai 2016 waren das Eis in Trier, des Hefeweizen in der Alten Ziegelei, der auf einem Hollandrad geholte Sonnenbrand, gemeinsame Zeit.
 
Tageskarte 2016-05-06: Die Zwei der Stäbe.

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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8 Antworten zu Nº 127 (2016): Reisebegegnung.

  1. alltagsfreak schreibt:

    Traurig. Er scheint sich zu verabschieden. Das wäre meine Art es im Zug fremden aber sympatisch wirkenden Menschen meinen Abschied kund zu tun. Durch Deinen Blog lebt er, der unbekannte Mensch weiter!

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  2. Elvira schreibt:

    Sicher hätte der Mann sich auch ohne die drohende Diagnose mit Dir unterhalten. Alleine Rosen und Reisen sind schon interessante Themen. Und mit Dir kommt doch jeder gerne ins Gespräch! Du bist ein guter Zuhörer (dem man auch gerne zuhört).
    Liebe Grüße,
    Elvira

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  3. Xeniana schreibt:

    Vielleicht verlieren die Konventionen am Ende am Wert und es wird sichtbar worauf es ankommt auf die Brenesseljauche, Varna, die Masuren.

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    • Der Emil schreibt:

      Ich hoffe ja, daß es kein Krebs ist, was da festgestellt werden wird. Schatten im Röntgenbild der Lunge kann auch ganz was anderes, harmloses sein.

      Aber ich stimme Dir bzgl. der Konventionen zu: die meisten verlieren mit zunehmendem Alter an Wert.

      P.S.: Varna und die Masuren würde auch ich gern mal sehen; Brennesseljauche allerdings brauch ich nicht (hab ja keinen Garten).

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      • Xeniana schreibt:

        Irgendwie schade das man die Konventionen nicht schon vorher ablegt, jedenfalls in manchen Fällen. Gerade das Erzählen im Zug gehört fast der vergangenheit an. Vielleicht noch beim Taxi oder beim Friseur.

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  4. puzzleblume schreibt:

    Das Erzählen im Zug auf langen Fahrten ist mit der Auflösung der Abteile und den Billigfliegern etwas aus dem Reisealltag verschwunden. Früher, Anfang der Achziger, als ich noch zwei- bis dreimal im Jahr mit dem billigen Ticken übernacht von München bis Hamburg gefahren bin, war das, ausser Schlafen, ganz normal, dass man sich mit sympathischen Fremden austauschte, manchmal passiv zuhörend, manchmal im Dialog. Dieses unverbindliche Plätschernlassen von Gedanken und Worten, bei dem es keine gesellschaftliche Zensur gibt ausser vielleicht etwas Selbstschutz, tut jedem gut. Da reiste man nicht nur auf der Schiene, sondern auch durch die Seele, bei solchen Fahrten.
    Und ja: es waren oft Menschen, die älter waren, die bei solchen Gelegenheiten offen über ihre Angelegenheiten sprachen, also die Generation, die in ihrem Umfeld alle Äusserungen von tieferen Seelenregungen unter Verschluss hielt, gerade Flucht- und Notzeitgeschichten abwiegelten mit „das will doch keiner hören“.
    Mit so manchen alten Heimatvertriebenen habe ich solche Gespräche geführt, von denen ich mehr über Region, Leben dort und Zeitgeschichte mehr erfahren habe, als von meinem Vater.
    Der hat es nur später aufgeschrieben und vererbt, weil das Reden mit der Familie darüber anscheinend so viel schwerer fiel. Vielleicht hat er aber auch in der Bahn ….

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