Nº 135 (2016): Uhrsprungpost.

Und auf einmal muß es sein

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Eine güldene Armbanduhr mit Schweizer Uhrwerk bekam ich zur Jugendweihe. Mein Lieblingsonkel aus der Lübecker Gegend schenkte sie mir 1978. Eine zweite kaufte ich mir selbst zu meiner Konfirmation am zweiten Weihnachtstag 1995, eine Fossil, die mir so verdammt sehr gefiel. Lange aber trug ich auch die nicht, denn als ich hier in Halle zu arbeiten begann, hatte ich keine Lust mehr auf Armbanduhr. Das ist jetzt fast zwanzig Jahre her. Zwischendurch hatte ich es ab und zu nocheinmal versucht – doch immer störten mich die Zeitvergehensanzeiger.

Seit Dienstag dieser Woche allerdings war ich in vielen Läden unterwegs, um mir genau das wieder zu kaufen. Die Schweizer liegt schon lange in meiner Schatzkiste und geht nicht, das Armband hat seine Goldauflage verloren und Gold gefällt mir sowieso nicht. Die Fossil gab ich mal jemandem – ich weiß nicht, was mit ihr weiter geschah … Also: Eine Armbanduhr mußte her, recht groß und kontrastreich das Zifferblatt, schwarz das Armband. Und beileibe keine Digitaluhr! Am allerliebsten hätte ich eine Wortuhr gehabt, die mir Zehn, dreiviertel Zwölf, Fünf vor Drei usw. anzeigte – aber die gibt es nicht bzw. nicht zu passenden Preisen und in Läden vor Ort.

Uhrmacher und Juweliere habe ich besucht und Preise gesehen … Heiligs Blechle! Manche der Zeitvergehensanzeiger (ich liebe dieses Wort!) waren teurer als ein Trabbi auf dem Schwarzmarkt. Manche Zifferblätter waren vollgepackt mit für mich unnützen Anzeigeelementen. Tauchen und schwimmen mag ich mit der Uhr auch nicht, nichteinmal beim Duschen mag ich sie tragen: Deshalb muß meine Uhr auch nicht wasserdicht sein. Den Rückendeckel werde ich sowieso mit klarem Nagellack oder ähnlichem bestreichen müssen, wie ich das auch früher tat, um Reaktionen meiner Haut zu verringern bzw. zu verhindern. Die Billigheimer habe ich abgeklappert und fand bei ihnen nichts, was acuh nur im entferntesten meinen Wünschen entsrochen hätte. Selbst bei den Discountern, die ab und zu Armbanduhren in Sonderangeboten führen, war in dieser Woche nichts zu finden.

Und doch habe ich mir am Freitag, den 13., Uhren gekauft. Eine für die Wand, die die beim letzten Batteriewechsel abgestürzte ersetzt. Einen Wecker, der seinen Namen verdient und der mir auch ohne Brille das Ablesen der Zeit ermöglicht. Die beiden gab es nämlich bei einem der absoluten Billigheimer. Und dann, dann war ich noch im Kaufhaus am Markt. Teures Pflaster für Herrenarmbanduhren. Glitzernde Auslagen mit Preisen, die dem Dasein als EHB nicht wirklich entsprechen. Und dann doch noch für unter 20 Teuro:

 

Neue Armbanduhr

Zeitvergehensmesser an meinem rechten Arm.
Großes silberweißes Zifferblatt mit schwarzen Ziffern, metallisch-sibrige Zeiger, winzige Datumsanzeige; schwarzbraunes Armband. Kratzer auf der Hand und: Ja, das ist ein traditionell getragener “Ring der O”.

 

Aber das ganze Vorgeplänkel war nicht so wichtig wie die in meinem Kopf herumgeisternden Fragen. Wieso muß ich jetzt eine Armbanduhr haben? Wieso ist es jetzt so wichtig für mich, das Vergehen der Zeit in Stunden und Minuten abmessen zu können mit einem solchen Gegenstand, der zur Zeit der Smartphones doch eigentlioch überflüssig zu sein scheint? Nein, kein Frust- oder Belohnungskauf war das, wie sie mir ab und an geschehen. Es war wirklich zwanghaft. Sehr sonderbar. Ich habe das Gefühl, daß ich damit auf etwas gestoßen werden soll (von meinem Un- oder Unterbewußten), das ich (noch) nicht erkenne oder gar verstehe. Aber es wird ganz sicher etwas bedeuten, einen Zweck haben, sich für irgendetwas als nützlich erweisen. Sonst wäre es nicht so dringlich gewesen.

 

Oder mache ich mir einfach zuviele und zu sonderbare Gedanken um solches Geschehen?

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 13. Mai 2016 waren drei neue Uhren, eine ruhige Schicht, der Buchfink.
 
Tageskarte 2016-05-14: Der König der Kelche.

© 2016 – Der Emil. Text & Bilder unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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9 Antworten zu Nº 135 (2016): Uhrsprungpost.

  1. puzzleblume schreibt:

    Dinge, die zu einem gehören sollen, wichtig zu nehmen, gehört, glaube ich, zu bestimmten, immer wieder in Wellen anrollenden Phasen der Selbst(re)konstruktion. Das Thema Uhr / Zeit hat sicherlich darin seinen Platz.
    Nachdem momentan ein Großteil der Passanten und Öffi-Benutzer zur Beantwortung aller Fragen auf das Handy zu glotzen scheint, ist so eine trotzige Nichtdigitaluhr, Chronometer und Anachronismus zugleich, ein Paradoxon, das trotzdem geht. :-)

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    • Der Emil schreibt:

      Selbst wenn ich, um nach der Uhrzeit zu schauen, das Telefon aus der Hosentasche und aus seiner Hülle befreie, habe ich nach dem Verstauen des Gerätes alles getan, nur nicht nach der Uhrzeit gesehen ;-)

      Ein wenig paradox ist es trotzdem, denn ich wollte wegen des ständigen Getriebenseins eben nie wieder eine Uhr haben.

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  2. petra schreibt:

    Weißt du, dein Ring interessiert mich! Ich trage die Uhr von MamS und hatte vorher immer eine Abneigung vor Chronometern – aber jetzt, nachdem sie überholt und fast wie neu ist, muss ich dieses Stück Erinnerung immer bei mir haben…

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  3. Gudrun schreibt:

    Das Ritual des Uhrablegens am Abend lässt die Zeit ein bissel stille stehen.

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