Nº 137 (2016): Ich habe zuviel geschrieben.

Hier fehlen mir jetzt die Worte

To get a Google translation use this link.

 

 

Erschöpft sehe ich den Stapel der Kladden auf meinem Tisch an und streiche fahrig mit der Hand über den danebenliegenden Zettelhaufen. Die vergangene Woche war anstrengend, hat mich so vieles zu notieren gezwungen – und bei vielem davon waren die damit zusammenhängenden Erinnerungen nicht von der willkommenen Art. Doch es scheint, als mußte das so sein, als rührte sich endlich etwas in mir, wieder. Mein Kopf produzierte, ich schrieb all die ungesagten Worte auf die Rückseiten alter Ausdrucke und Briefe und in die Kladden, ganz so, als könnte jetzt endlich ein Roman entstehen, ein Buch, oder als fänden wenigstens einige Novellen, Erzählungen, Miniaturen den Weg aus mir heraus. Aber das ist nicht geschehen. Immer wieder tauchen Sätze im Text auf, die nicht hineingehören.

Beim Schreiben selbst schien alles schlüssig, flüssig, genau so notwendig zu sein, wie ich es niederschrieb. Jetzt, da ich die Notizen abtippen wollte, mit dem Abschreiben begann, sie in meinem Rechner speichern wollte und dabei alles las, jetzt (emp)finde ich in jedem einzelnen der Texte Störstellen, Bruchstücke, die nicht dazugehören, zuviel von mir selbst preisgeben. Es ist, als spräche ich überflüssige Kommentare, gehässige und abwertende Einwürfe in meine Texte. Da erscheint mitten in der Beschreibung eines Badenachmittages am Baggersee ein Satz, der nicht zum beschriebenen Erleben gehört, sondern eindeutig zu meinen heutigen Phantasien, ein Statz oder ein paar Sätze, mit denen ich heute das damals Erlebte um einen Themenkreis erweitere, den es damals für mich nicht gab. Was sollen zum Beispiel sexualisierte Gedanken in der Beschreibung der Jugendlichen am Strand und im Wasser, Gedanken, die ich (also der Protagonist des Geschriebenen) im Alter von 15 oder 16 Jahren ganz sicher noch nicht hatte? Bin ich (als Schreibender) diesbezüglich so frustriert, daß mir solche Schnitzer im Text passieren?

Es haben sich auch andere Fehler eingeschlichen, denn zur Zeit, da dieser Badetext spielt, existierte die DDR noch. Ich aber fabuliere munter drauflos über das Radio, das da in der Geschichte läuft und Lieder spielt, die es einfach noch nicht gab, und von Sängern und Bands, die damals keiner kannte. Peinlich, peinlich, und doch gut, daß ich solche Fehler jetzt feststelle, da ich nur für mich digitalisiere, was ich zusammenstümperte. (Übrigens meine ich das “stümpern” hier, in diesem Zusammenhang nichteinmal abwertend. Nein, es ist einfach der passendste Ausdruck für dieses Konvolut an Gedanken, die ich festgehalten habe.)

 

Es scheint, bestimmte Themen sind in mir noch nicht so reif, wie ich mein Schreiben gerne habe: an einem Stück, aus einem Guß, ohne nach der Niederschrift noch groß daran herumzuwerkeln. Unprofessionell, ich weiß, aber eben mein Arbeitsideal.

 

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 15. Mai 2016 waren eine ruhige Schicht, bemerkte Fehler, nette Gespräche.
 
Tageskarte 2016-05-16: Die Zwei der Münzen.

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Advertisements

Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
Dieser Beitrag wurde unter 2016, Geschriebenes, One Post a Day abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Nº 137 (2016): Ich habe zuviel geschrieben.

  1. puzzleblume schreibt:

    Vermutlich ist es ein Unterschied, ob man mit einem fest umrissenen Auftragsrahmen ein Werkstück zum Brotwerwerb schreibt, zu dem man etwa so viel Distanz hat wie zum Tapezieren der Wohnung, als wenn man in einer Art schreibendem Traum seine Gedanken fliessen lässt.
    Nach dem Tapetenankleben kann keiner davon ablesen, was du bei der Tätigkeit des Zuschnitts, Einstreichens und Anbringens gedacht hast, aber der kreative Fluss, von dem es so wunderbar ist, sich mitreissen zu lassen, bewegt auch die Kiesel im Bachbett des Unterbewusstseins und nimmt alles mit, was er daraus lösen kann.
    Ich glaube wirklich, dass dies den Unterschied ausmacht zwischen schreibendem Selbstausdruck und dem Erstellen eines Druckerzeugnisses, und dass „professionell“ zu sein, dem Kreativen nicht nur ein Kompliment macht.
    Entweder, du gibst dich dem Schreiben hin, geniesst den Anblick deiner aus dem „Bachbett“ gelösten Fundstücke und filterst nachträglich ohne Groll für die Allgemeinheit, oder du müsstest auf den rauschhaften Zustand verzichten, indem du zuvor ein strenges zeitgeschchtliches Korsett erstellst und dich schon beim Schreiben kontrollierst.
    Ich würde meinen, es hängt von deinen Zielsetzungen ab, oder vielleicht davon, ob du dich, mit einem kleinen Dreh im Geschriebenen eingebettet, nicht als Jetzt-Erzähler bewusst zu erkennen geben möchtest, um der chronologischen „Richtigkeit“ eine Nase zu drehen und weiterhin deine Persönlichkeit schreiben zu lassen und mit ihr zusammenzuarbeiten, statt nur den Anteil des mahnenden Zeitzeugen deine Hand kontrollieren zu lassen.

    Gefällt 2 Personen

    • Der Emil schreibt:

      Ich habe ja (nicht ganz von selbst) die Idee, meine (kurzen) Texte und einige längere Dinge, die bisher nur hier bei mir — also nicht öffentlich — zu lesen sind, doch irgenwann zu irgendeinem Buch(entwurf) zu entwickeln. Dazu muß ich tatsächlich meinen Schreibablauf komplett „professionalisieren“, ich weiß; allerdings ist das ein Korsett, mit dem ich mich nicht recht anfreunden kann, weil mir dabei meine Unbekümmertheit, meine Schreibnaivität abhandenkommt …

      Der kleine Dreh im Geschriebenen ist eine Überlegung wert ;-)

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s