Nº 140 (2016): Einer der leeren Tage.

Aus einem ehrlichen Leben

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Einer dieser leeren Tage ging zuende. Einer von denen, an denen er wie üblich aufsteht, sein Zeug zusammenpackt, losgeht. Einfach losgeht, um etwas zu erleben, etwas zu sehen, etwas zu finden. Um zu leben. Dann sucht er hier und da nach Pfandflaschen, Restgeld in den Fahrscheinautomaten und Gepäckschließfächern in Bibliothek und Bahnhof. Wenn die Taschen voll sind oder er vier Stunden unterwegs war, bringt er die Flaschen und Dosen weg, tauscht sie an mehr oder weniger zuverlässigen Automaten in Wertbons und diese dann an irgendeiner Supermarktkasse in Bargeld um. Von dem Geld geht er zu einer der Suppenküchen. Damals, als er anfing, so zu existieren wie er jetzt noch existiert, damals kostete ein Mittagessen mit Kaffee und Nachschlag fünfzig Cent. Fünfzig Cent! Heutzutage muß er, egal wohin er geht, 1,70 Euro dafür bezahlen. Das sind über drei Mark! West!

An diesem Tag waren die Taschen nicht voll. Und es waren auch nur sehr wenig 25er dabei, hauptsächlich schwere Achter. Naja, fürs Essen hat das Geld gereicht, aber für den Abend hat er nicht viel übrig. Es half nichts, er konnte nicht sehr lange im Foyer des Krankenhauses sitzenbleiben, wo es immer warm und trocken ist, wo es ein sauberes Klo gibt und niemand ihn verjagt. Er mußte eine zweite Sammelrunde absolvieren, wieder vier Stunden mit dem schmerzenden Knie auf den Beinen sein. Nachmittags nahm er einen anderen Weg, durch einen beliebten Park. Gerne geht er dort nicht hin; die Jugendlichen beschimpfen ihn und machen sich über ihn lustig. Manchmal verarschen sie ihn auch richtig. Und als ob er es geahnt hätte, lag da wirklich eine Brieftasche direkt neben einer Bank. Das letze Mal gab es einen kleinen Knall, als er die öffnete, und vor Schreck stieß er seine Taschen um; beinahe alle mühsam gesammelten Flaschen waren zu Bruch gegangen. Der Pulk Halbstarker, die drei Bänke weiter saßen, lachte lauthals. “Warte! Hier haste neue Flaschen!” Kaum hatte einer das gerufen, warfen sie auch schon mit Bierflaschen nach ihm. Er floh, so schnell das mit dem schmerzendem Knie ging, und sie schlenderten eine ganze Weile gemütlich hinter ihm her und warfen ab und zu eine Flasche. Er hatte Glück, daß er damals nicht getroffen wurde.

Aber an diesem leeren Tag waren keine Jugendlichen zu sehen. Nicht drei Bänke weiter, auch nicht irgendwoanders in der Nähe. Also stellte er die Taschen mit den Flaschen ab, bückte sich mühsam und hob auf, was da lag. Wahrscheinlich hätte er das an einem regnerischen Tag nicht getan … Eine Herrenbrieftasche, nicht sehr groß. Im Münzfach einiges Kupfer, keine Scheine. Aber Ausweis, EC- und AOK-Karte und Führerschein waren drin. Alles von ein- und demselben Mann. Und nun? Hm. Auf dem Weg zum Flaschenabgeben mußte er sowieso an der Adresse vorbei.

Hochhaus. Wenn er sich recht erinnerte, eine Erdgeschoßwohnung. Er klingelte. In die Wechselsprechanlage nuschelte er etwas von AOK und Finden. Das Schloß brummte, er drückte die Tür mit der Hüfte auf und ging hinein. Als er um die Ecke bog, stand da ein feiner Pinkel vor einer Wohnungstür. Aber es war der Mann von Ausweis und Führerschein und Krankenkassenkarte. Er stellte seine klirrenden Flaschen vorsichtig ab, zog die Brieftasche umständlich aus seiner Hose und reichte sie hin. Der andere riß sie ihm beinahe aus der Hand, fragte gleichzeitig, wo er ihm die denn geklaut habe und warum und was er mit den 270 Euro gemacht habe … Dann stutze der Piefke. Klauen und dann heimbringen, nein, das sei nichts, was er ihm zutraute, sprach er und wollte wissen, wo denn die Brieftasche lag. Den Bericht über den Fund und das frühere Erlebnis störte keine Zwischenfrage, keine Bemerkung. Danach sollte er sich einen Moment gedulden. Der Typ verschwand mit seinem Portemonnaie in der Wohnung, die Tür fiel ins Schloß. Nach eine Minute sinnlosen Wartens nahm er seine Taschen wieder auf, drehte um und ging weg. Auch nur ein Arschloch, dachte er, dem nicht bewußt ist, was alleine Ausweis, EC-Karte und Krankenkassenkarte an Aufwand und Kosten bei der Wiederbeschaffung verursachten.

Als eine Stimme ihn von hinten zu Stehenbleiben aufforderte, achtete er nicht darauf und ging weiter. Der Andere überholte ihn, stieß dabei an einen der Stoffbeutel mit den Flaschen, so daß es laut klirrte. Er solle, so sagte der jetzt vor ihm Stehende, doch nicht weglaufen. Als Dank dafür, daß er als ehrlicher Finder ihm die Mühen der Wiederbeschaffung ersparte. In der Hand hielt er einen Geldschein, wahrscheinlich fünfzig Euro, die ihm jetzt einfach so in die Hemdtasche geschoben wurden. Mit vielen Worten des Dankes wurde ihm auch noch die Haustür aufgehalten. Und wenn er etwas brauche, dringend brauche, dann solle er sich nicht scheuen, wieder zu klingeln. Die Stufen hinunterschreitend, langsam, denn das Knie schmerzte, schüttelte er innerlich mit dem Kopf. Denn so gut wie sicher würde, selbst wenn er nochmal hier klingelte, niemand zuhause sein …

Vom diesmal abgegebenen Pfand konnte er sich einen Döner kaufen, gleich neben dem Discounter. Und nachdem er gegessen hatte, räumte er die restlichen Münzen in seinen Brustbeutel. Erst da dachte er wieder an den Schein in seiner Brusttasche, nahm ihn, fand ihn seltsam, wollte ihn glattstreichen und stand mit Tränen in den Augen und vier Scheinen in der Hand einfach nur da.

Einer von den leeren Tagen geht zuende. Und das ganz anders, als das sonst immer so war, eher so, wie es Märchen manchmal tun.

 

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 18. Mai 2016 waren erledigte Hausarbeit, Geschriebenes, Sortiertes.
 
Tageskarte 2016-05-19: Die Zwei der Stäbe.

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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4 Antworten zu Nº 140 (2016): Einer der leeren Tage.

  1. Gudrun schreibt:

    Eine gut geschriebene, wahr sein könnende und deshalb traurige Geschichte.
    Schreib, Emil, schreib, schreib, schreib.

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  2. Sofasophia schreibt:

    Mag ich sehr.
    *tränchenwegputzendgeschrieben*

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  3. petra schreibt:

    Am liebsten hätte ich weggelesen – so, wie man wegsehen kann.

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  4. sasou63 schreibt:

    … ich mag deine Geschichten… und hoffe du schreibst noch viele, viele, viele

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