Wie ich in ein Regencape klettere. Nº 219 (2016).

Ultreïa! Tag 4 – mit besonderem Abend.

 

Am Morgen war ich um 5.30 Uhr wach, weil es blitzte und donnerte und durch das offene Dachfenster auf mein Gesicht tropfte. Nun gut, ich nutzte die Gelegenheit, um meinen Krempel schonmal im Rucksack zu verstauen, zu duschen und legte mich dann um 6.30 Uhr doch nochmal in den Schlafsack, gleich auf dem Boden. Um 7.30 Uhr war Frühstück vereinbart – allerdings aß ich nur oben schnell einen Müsliriegel. Doch genoß ich den Kaffee und das Gespräch mit der Herbergsmutter und den beiden Pilgerinnen, denen ich nun seit Görlitz immer wieder begegnete.

Gegen 9.30 Uhr machte auch ich mich dann wieder auf den Weg. Durch Bautzen hindurch, mit zwei mal verirren, falsche Richtung einschlagen, was mir ein paar Meter zuviel einbrachte. Adieu Bautzen, daß sich auf dem Weg aus der Stadt hinaus sehr dörflich zeigte. Unter einer Brücke dann zollte ich dem permanenten Regen Tribut, zu dem sich der Niesel entwickelte. Ich versuchte zum ersten Mal mit dem vollen Rucksack in mein Regencape zu kriechen, was mir schließlich irgendwie gelang. Danach ging ich meinen Weg.

Im ersten Dorf nach Bautzen (nun, heute gehört Salzenforst zur Stadt) kam plötzlich die kurz vor mir gestartete Pilgerin hinter mir her – auch sie hatte in der Stadt den Weg verloren, zusätzlich noch einige Läden besucht. Und während ich mit dem Regen hadernd einen Bauern um Unterschlupf für eine Weile fragte, zog sie wieder von dannen. Mit diesem Unterschlupf wurde es nichts, erst ein paar Regencapewanderkilometer weiter, während denen sich unter dem Cape nicht nur Schweiß, sondern auch ein besonderes Odeur sammelte, fand ich auf einem Gutshof ein großes Schleppdach, unter dem sich ein älteres Pilgerpaar aus Chemnitz gerade zum Weitergehen fertigmachte. Ich warf kurz nach zwölf Uhr alles ab, hängte das Cape an Wand und Bank, das T-Shirt, daß nässer war als es hätte vom Regen sein können, über einen Stuhl und pausierte ausgiebig. So ausgiebig, daß ich mir sogar zwei herumliegende Sitzpolster auf eine der Bänke legte und mich halb vom Schlafsack bedeckt darauf. Ich traute mir echt ein Mittagsschläfchen zu … Und das auf einem offensichtlich bewohnten Gut, in dem aber gerade nimand zuhause war. Und leider führte die unterm Schleppdach auch herumstehende Kabeltrommel keinen Strom.

Nichts von den Sachen wurde richtig trocken – und ich hatte vorgestern auch nichts gewaschen. Es half alles nichts, ich zog das müffelnde, trockene Vortagesshirt wieder an und fand dann heraus, wie ich am besten mit meinem Rucksack in das Regencape gelange: Erst das Capehinterteil über den stehenden Rucksack stülpen und hinunterziehen, Kapuze und Vorderteil oben auf dem Sack zusammenraffen, Rucksack schultern und dann alles über den Kopf vorne herunterziehen. Ha! Diese Methode wendete ich in der Folge mehrfach an, auch wenn ich keine so lange Pause mehr machte. In Dreikretscham wäre ich gerne in den Gasthof gegangen, aber der war zu. Weiter, schließlich gibt es Wald …

Die nächste Pause gönnte ich mir in Storcha, in dem Bushäuschen gegenüber der Kirche. Und plötzlich kam die andere der beiden Lieblingspilgerinnen von hinten! Ha! Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu? Schließlich war ich zuletzt losgegangen und heute nicht schnell unterwegs! Allerdings eilte sie (wirklich, sie eilte) bald weiter, während ich gemütlich rauchend im trockenen saß und dem Regen zusah. Da tauchte auch noch das Chemnitzer Paar auf, von hinten – ich hatte die beiden wie auch die Pilgerin am geschlossenen! Gasthof Dreikretscham überholt, in den sie von der Gastwirtin gebeten wurden auf einen Grog und mehr. Dann zogen die Chemnitzer und ich gemeinsam los. In ziemlich ähnlicher Geschwindigkeit. Während sie immer wieder fotografierten, schrieb ich mein Ziel Merseburg in (insgesamt) 12 Tagen ab. Nein, ich mag nicht hetzen, so dachte ich. Der Weg wird mir schon verständlich machen, bis wohin ich in der mir gesetzten Zeit komme.

Meine letzte Pause machte ich, als die angegebene Kilometerzahl bis zur Pilgeroase Crostwitz schon überschritten war, bei etwa 19 gegangenen Kilometern. Und während ich rauchend in einer Bushaltestelle saß, zogen auch die Chemnitzer wieder an mir vorbei: Es war kurz nach 15.30 Uhr, als ich zum Endspurt aufbrach. Etwa 2 km noch.

Heiliges Kanonenrohr: Was für ein Weg aus räudigem Grobschotter um Schlammpfützen war das denn? Dagegen waren die links nicht begehbaren, weil steil zum Rand hin abfallenden Straßen des Tages ja reineweg luxuriös?! Nun, dach einem abenteuertlichen Trampelpfad durch eine Wiese, nach einem schlammigen Steg uber einen ziemlich vollen Graben und ein paar hundert Metern durch den Ort stand ich 40 Minuten später vor der Pilgeroase, die eine wirkliche Solche ist. “Meine beiden” Pilgerinnen, zwei junge Frauen, die ebenfalls in Arnsdorf waren, und die Chemnitzer waren da. Ehe ich noch die Ankunft vermeldete, war ich geduscht und umgezogen, und drehte meine Wäsche schon Runden in der Maschine der Herbergsgebenden.

Auch die Familie mit den vier Kindern (zwischen 8 und 14 Jahren alt) tauchte noch auf. Pilgerschicksal und -freude, daß man sich immer wieder trifft auf dem Weg. Diese Menschen wollen übrigens nach zwölf Tagen pilgernd Leipzig erreicht habe, müssen das aus Gründen sogar. Wie war das mit Merseburg?

Der Rest waren: reden, Abendessen kochen für alle 15 Anwesenden, scherzen mit den Kindern, nachdenken über morgen, Wäsche aufhängen, Abendessen in großer Runde (natürlich: Nudeln mit leckerer selbstgemachter Tomatensoße), bei dem ich zwischen den jüngsten Kindern saß und dafür sorgen durfte, daß sie beide brav aufgegessen hatten. Hach. Und danach: Gemeinsam Singen. Der Vater hatte seine Querflöte dabei, die Herbergsgeberin brachte später noch eine Gitarre, die ich nur für die Mutter stimmen wollte. Vater und Mutter begleiteten zunächst den Gesang. Und dann, dann sang ich, dann hatte ich die Gitarre in der Hand und spielte (so gut ich das nach einigen Jahren Abstinenz noch konnte) Lieder aus dem Kopf, Mitsinglieder. Übrigens: Es gab auch sorbische Lieder zu hören! Und ja, auch das “Feierobnd”-Lied von Anton Günther.

 

Klar, Pilgerbier gab es auch. Ein wenig.

Weil ich aber gestern den linken Schuh ein wenig zu locker gebunden hatte irgendwann, habe ich jetzt doch im Bereich der Achillessehne eine kleine, aufgescheuerte Stelle. Nicht schlimm, ein Pflaster und etwas Heilsalbe richten das wieder. Erkenntnis: Nicht ich bestimme den Weg, nicht der Weg bestimmt mich – ich muß ganz auf dem Weg sein und bin selbst der ganze Weg, der mir das Gehen ermöglicht. Gestern war, trotz der mir nicht leichtfallenden 20,5 km, die ich in 6 Stunden und 55 Minuten einschließlich meiner Pausenzeiten ging, wie zwei Wochen Urlaub fürs Herz und fürs Gemüt.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs pilgert morgen weiter und dankt für’s Lesen.

P.S.: Die Strecke am 5. August 2016: Durch den Regen von Bautzen nach Crostwitz.
 
Positiv waren viele seltsame Dinge: Die immer wieder von hinten mich erreichenden, vor mir geglaubten Pilger; die Familie (alle!) hier in der Pilgeroase. Wow.

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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7 Antworten zu Wie ich in ein Regencape klettere. Nº 219 (2016).

  1. Gudrun schreibt:

    Du hast viel zu erzählen und das ist schön.

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  2. Pit schreibt:

    Hallo Emil,.
    danke für all‘ Deine Berichte hier und die Tweets. Schön, dass ich so Deine Pilgerreise so mitverfolgen kann.
    Von nicht trocknenden Sachen kann ich ein Lied singen. Ich erinnere mich immer noch an einen Segeltörn vor langer langer Zeit, bei dem ich 14 Tage nicht aus den Klamotten gekommen bin, und die immer feucht waren. Nix war mit Duschen, weil auf dem Boot zu wenig Wasser da war,und ich als Skipper im Hafen immer beschäftigt war. Wir hatten waren nämlich sehr in Eile und sind nur zum Diesel Bunkern in Häfen gewesen. Und meine Unterwäsche wollte ich auch nicht wechseln, weil die letzte trockene Garnitur dann auch nach ein paar Minuten nass geworden wäre. Ich frage mich immer noch, wie meine Sitznachbarn im Flieger zurück mich ausgehalten haben!!! ;)
    Dir weiterhin eine angenehme und blasenfreie Pilgerwanderung,
    Pit

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  3. Follygirl schreibt:

    In Gedanken gehe ich immer mal ein Stückchen mit…
    LG, Petra

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  4. Elvira schreibt:

    Ich lese deine Berichte und ein warmes Gefühl macht sich in mir breit. Denn ich sehe dich vor mir, alleine wandernd und in geselliger Runde, zuhörend und erzählend, rauchend und genießend. Nur das Singen und das Spielen auf der Gitarre muss ich mir vorstellen. Aber das ist nicht wirklich schwer. Ich wünsche dir einen guten Wandersamstag!
    Liebe Grüße,
    Elvira

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  5. sag Kai schreibt:

    Danke für’s Mitnehmen auf Deine Wanderung! Du schreibst anschaulich fein

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  6. Sofasophia schreibt:

    Das klingt wohlig – trotz Regen! Gut so.

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