Zwiespältig. Nº 220 (2016).

Ultreïa! Tag 5 – wie ich ihn wahrnahm

 

Sonnabend, der 6. August 2016, 10.15 Uhr

Ich bin der Übriggebliebene, der Zurückgebliebene. Der, der mir der (noch immer nassen) Wäsche nicht weitergehen konnte und wollte. Ich bin der, der heute kein Stück Weg im Außen gehen kann und sich im Innern danac sehnt, doch mit den Menschen, die ich in kurzer Zeit ins Herz geschlossen habe, weiterzugehen. Zwölf prächtige, offene Menschen.

 

Pilgern. Gehen. Auf eigenen Füßen. Von einem Ort zum andern, von einer Herberge zur andern. Und nun bin ich der Übriggebliebene.

Mir diese Pause zu gönnen, das fühlt sich richtig an; den, diesen! Ort zu genießen, das fühlt sich richtig an. Und doch ist es – ohne diese Menschen – nicht mehr der Ort, der es von gestern nachmittag bis heute morgen war. Das ist ein Grund, weshalb sich das Hierbleiben, das Zurückbleiben “falsch”, unbefriedigend, unzulänglich anfühlt; der Abschied hatte einen fiesen Beigeschmack von “Verrat”. Ja, es war mir und ist mir durchaus bewußt, daß nur ich allein meinen eigenen, meinen ganz eigenen Weg gehen muß – und doch tat und tut es weh, Menschen ziehenzulassen, von denen ich gern mehr kennengelernt hätte.

Nun sitze ich hier, allein. Auch die dritte Frau der Herbergs-WG ist heimgekehrt. Sie sind wieder komplett hier im Haus, das diese drei Frauen bereitwillig, nein, gern mit Pilgern teilen. Und ich? Ich denke an die Frauen, die ich am ersten Abend in Görlitz in der Herberge traf: eine mir anfänglich zu hektisch erscheinende Pilgerin und eine verschwiegene Pilgerin und an die zwei Studentinnen, die heute von hier aus nach Köln trampen wollen; und an die Familie mit den Kindern und alle – und weine heimlich.

Etwas lerne ich gerade: Es sind immer die Menschen, immer und überall sind es die Menschen, die für das verantwortlich sind, was ist; also bin auch ich immer (zumindest mit-) verantwortlich dafür, wie es mir geht. Und da ich zum Gehen nach dem schlechten und viel zu kurzen Schlaf der vergangenen Nacht einfach viel zu müde bin …

 

Sonnabend, der 6. August 2016, 18.15 Uhr

Viel später. Kurz vor elf fuhren zwei befrackte Herren mit einem Zweispänner am Haus vorbei. Das ist das letzte, an das ich mich vor 17 Uhr erinnern kann. Denn so lange lag ich schlafend hier in der Pilgerherberge. Die Kraft reichte gerade so für einen Blick in die Kirche des Ortes und für ein wenig sortieren des Rucksackes. Mittlerweile ist nämlich auch die Wäsche trocken.

Ich bin noch immer zweigespalten: Obwohl ich mir vollkommen klar ist, daß dieses Hierbleiben und der Schlaf notwendig und ganz richtig waren, ist da diese Stimme in mir, die nicht leiser noch müde wird: “Du bist zum Gehen unterwegs, nicht zum Ausruhen; Feigling; Versager!” Obwohl der Bauch und das Herz das Gegenteil wissen, obwohl ich weiß, daß es für mich eben nicht normal ist, in vier Tagen knapp 90 km auf den Beinen zu sein. Und wenn ich mir diese Zahl ansehe: So unrealistisch war mein Plan vielleicht doch nicht? Aber ich muß nicht … Trotzdem gehe ich soweit, wie mich der Weg, wie ich mich gehenlassen kann.

 

Sonnabend, der 6. August 2016, 22.00 Uhr

Während des Abendessens und des nachfolgenden Gesprächs mit den Herbersgastgeberinnen und drei “neuen” Pilgern gelang es mir, all die Zweifel, den Zwiespalt zu besiegen. Ja, es ist ein Sieg für mich anzuerkennen, daß ich nur getan habe, was gut für meinen Körper und noch besser für meinen Kopf war und ist. Unbegrenzte Leistungsfähigkeit gibt es bei beidem nicht, und meine Grenzen habe ich zwar schweren Herzens erkannt, aber angenommen. Es ist kein Versagen, wenn eine untrainierte Sofakartoffel wie ich nach dem Sprung ins kalte Wasser ein paar Atemzüge mehr braucht, sich wieder ans Schwimmen zu gewöhnen. Es ist nichteinmal schlimm, sondern sogar gut, wenn ich rechtzeitig vorm Untergehen mich wieder aufwärme, auftanke, mich erhole oder wie auch immer ich diesen Tag nennen möchte.

Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, bin ich zufrieden mit mir. Ich bin zufrieden mit dem Tag. Ich bin versöhnt mit dem Abschied. Und ich weiß jetzt, habe es heute ganz deutlich feststellen dürfen, daß es mir nichts nützt, mich mit anderen auf diesem Weg zu vergleichen, gar mit ihnen in Wettbewerb zu treten. Denn mein Pilgerweg ist ein ganz anderer als all die anderen Pilgerwege, die all die anderen Menschen gehen wollen oder müssen. Meiner ist der, den ich gehen darf, ich ganz alleine. Der, der Schlenker und (hoffentlich kurze) Irrwege und lohnenswerte Abstecher und Umwege beinhaltet und kein Ziel hat außer anzukommen, wann und wo auch immer. Das muß nicht Leipzig, Merseburg, Halle (Saale), Santiago oder gar das Ende der Welt sein. Nein.

Hier in der Pilgeroase habe ich am lebendigen Beispiel gelernt: Es kann ein Haus irgendwo unterwegs sein, es kann eine Gemeinschaft irgendwo sein, es kann ein Weg sein und bleiben. Es kann mir niemand – auch ich nicht – und es muß mir niemand dafür Regeln und Leistungsrichtlinien vorgeben. Was hier zählt, sind nicht die Kilometer, nicht die Kilogramm auf dem Rücken. Es ist nichteinmal die meßbare Zeit, die ich auf diesem Weg verbringe.

Was hier, auf diesem Weg, in diesem Hause zählt, sind Menschen und Begegnungen, wie sie sind.

Danke.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs pilgert morgen weiter und dankt für’s Lesen.

P.S.: Die Strecke am 6. August 2016: Sie war schwer; vom Versager zum Richtigmacher ist es auch immer ein weiter Weg.
 
Ich danke heute allen fürs Mutmachen, fürs Zuhören, fürs Erdulden meines Schweigens, einfach fürs Da-Sein. Und um 00.15 Uhr gibt es nachher keinen weiteren Blogbeitrag. Gute Nacht. (Der Text ist fast wörtlich aus der Kladde abgetippt, nur Namen wurden weggelassen.)

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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11 Antworten zu Zwiespältig. Nº 220 (2016).

  1. Sofasophia schreibt:

    Kann man woanders ankommen als bei sich selbst?, frag ich mich mal wieder.
    Ich freu mich, dass du es tust: Ankommen bei dir. Mehr und mehr.
    Danke fürs Teilen.

    Gefällt 1 Person

  2. traumspruch schreibt:

    …bedenke, der wichtigste Weg ist immer der von dir zu dir #dieMeisterin

    Gefällt 1 Person

  3. Ulli schreibt:

    Ich freue mich sehr, lieber Emil, über und an deinem Weg!
    herzliche Spätabendgrüße vom Mittelrhein
    Ulli

    Gefällt 1 Person

  4. Bine schreibt:

    Mein lieber allerallerallerbester Freund.
    Ich will dir hier auf diesen Weg sahen, dass ich unbeschreiblich STOLZ auf dich bin.
    Stolz darauf, dass du dich und auch die Gegebenheiten so nimmst wie du bist/sie sind.
    Du bist kein Marathonläufer und wirst es vermutlich auch nicht (genau wie ich), aber du hast ein Ziel (egal wo es ist) und du hast jetzt genau DAS gemacht was du schon so unzählige Jahre vor hast: Hey DU BIST AUF DEM PILGERPFAD!
    Ich bin echt sehr stolz auf dich.
    Auch wenn ich so nervig bin und dich jeden Tag anrufe und zu wissen wie es dir geht.

    Geh deinen Weg weiter oder rufe mich jederzeit an das du Heim willst….
    Völlig egal.
    Tu was dein Gefühl dir sagt.

    Wer sagt denn das du nicht jederzeit wieder auf dem Weg sein kannst.

    Fühle dich ganz lieb und herzlich geknuddelt. <3

    Gefällt 2 Personen

  5. Bine schreibt:

    Mein lieber allerallerallerbester Freund.
    Ich will dir hier auf diesen Weg sagen, dass ich unbeschreiblich STOLZ auf dich bin.
    Stolz darauf, dass du dich und auch die Gegebenheiten so nimmst wie du bist/sie sind.
    Du bist kein Marathonläufer und wirst es vermutlich auch nicht (genau wie ich), aber du hast ein Ziel (egal wo es ist) und du hast jetzt genau DAS gemacht was du schon so unzählige Jahre vor hast: Hey DU BIST AUF DEM PILGERPFAD!
    Ich bin echt sehr stolz auf dich.
    Auch wenn ich so nervig bin und dich jeden Tag anrufe und zu wissen wie es dir geht.

    Geh deinen Weg weiter oder rufe mich jederzeit an das du Heim willst….
    Völlig egal.
    Tu was dein Gefühl dir sagt.

    Wer sagt denn das du nicht jederzeit wieder auf dem Weg sein kannst.

    Fühle dich ganz lieb und herzlich geknuddelt. <3

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  6. Simmis Mama schreibt:

    Toll! Ja, ich habe beim lesen mitgelitten, denn mir wäre es exakt genau so gegangen. Mich hat dein Post deshalb berührt.

    Übrigens: mein Smartphone lädt.jetzt wieder zuverlässig seinen Akku. Die anderen Macken bleiben aber zumindest bleibt es an!

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  7. Emil es ist schoen zu lesen was du uns berichtest und uns daran teilhaben lässt. Ich empfinde es als so gut und richtig wie du es machst.
    Auch bin ich eine Pilgerin und habe schon viel zu oft erlebt, dass für viele Menschen pilgernd bedeutet, moeglichst rasch am Ziel anzukommen.

    Mit der Pilgergruppe mit der ich zuletzt unterwegs war, mit professionellen Pilgerbegleitern (ein Ehepaar) stand nicht der spirituelle Gedanke im Vordergrund – sondern der sportliche. Wir sind gegangen nur auf Zeit.
    Ich hatte nicht einmal mehr die Zeit die Kamera auszupacken und zu fotografieren. Obwohl ich diese in der Jackentasche hatte.
    Dieses Pilgern habe ich nicht genossen und es ist für mich auch nicht Sinn und Zweck des Pilgerns.

    Alles Liebe dir und ich weiß,
    du bist stark genug um dir selber treu zu bleiben.
    Segen!
    M.M.

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  8. sag Kai schreibt:

    Ich hätt’s (und hab’s auf früheren Radtouren) nicht anders gemacht. Einige Tage unterwegs und dann mal wieder wo zwei Nächte (selten mal mehr) geblieben.
    Wenn man nicht auf Zeit reißt, pilgert, gehört das dazu. Denn nicht nur der Kopf, auch der Körper und der Bauchreisen mit und brauchen ihre eigene Zeit.
    Mitreisende kommen, Mitreisende gehen. Neue Menschen, Geschichten. Gut so.

    Schönen Sonntag!

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  9. Gudrun schreibt:

    Schneller, weiter, größer – ich glaube, genau das wolltest du verlassen. Und das hast du auch, denn das ist nicht wichtig.

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  10. Elvira schreibt:

    So muss es wohl sein, das Pilgern. Ich glaube, dass es Herz und Hirn noch weiter öffnet (wobei dein großes Herz sicher keinen Wachstumsschub mehr braucht). Vielleicht ändert das Pilgern Sichtweisen. Oder bekräftigt sie. Ich bin mir ganz sicher, dass keine zwei Menschen die selben Pilgererfahrungen machen. Denn du hast es sehr gut beschrieben. Pilgern ist für jeden Menschen einzigartig, so er sich darauf einlassen kann. Und es gibt keine Wertungen von anderen. Du bist absolut auf dem richtigen Weg!
    Liebe Grüße,
    Elvira

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  11. eckstein schreibt:

    dein weg gestern, ohne wirklich gelaufen zu sein, ist bisher der schwerste und vermutlich der heilsamste. du hast viel gelernt. vom loslassen und vom annehmen. und du hast es eindrucksvoll aufgeschrieben. danke dafür.
    (immer noch zolle ich dir größten respekt!)

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