Eine Stadt wie Kaugummi. Nº 221 (2016).

Ultreïa! Tag 6 – wieder unterwegs. Auf dem Gipfel.

 

Der Morgen begann mit dem Üblichen und einem Frühstück, das die drei Frauen für uns vier Pilger und sich richteten. Danach ging es in die Pfarrkirche “St. Simon und Juda”, zur 9-Uhr-Messe. Ein katholischer Gottesdienst, komplett in sorbischer Sprache gehalten. Und voll war die Kirche, wirklich. Trotz des 7-Uhr-Gottesdienstes vorher und des danach um 10.30 Uhr nochmals stattfindenden …

Zurück zur Pilgeroase, fertigpacken, einen Reisesegen empfangen. Und von einer der Frauen, die vor erst zwei Monaten auf ihrem Pilgerweg dort “hängengeblieben” war, ganz besonders verabschieden: Ich wünsche mir auch diesen Mut, einfach da zu bleiben, wo ich mich wohlfühle, dazugehöre, meinen Platz habe. Ein Stück weit gehe ich zusammen mit einem anderen Mann, doch es paßt nicht. In einer Schutzhütte setze ich mich für zehn, fünfzehn Minuten. Hätte ich versucht, mit ihm weiterzugehen oder ihn vor mir gesehen: ich hätte mein Tempo nicht gefunden. Nein, ich wollte nicht, seine kleiner werdende Gestalt vor Augen, hinter ihm herhecheln. Und es war gut so.

Weil ich auf dem Weg träumte, den mittlerweile drei Stimmen in meinem Kopf lauschte, verpaßte ich einmal das Abbiegen. — Wer ist eigentlich für diese vier Sinnlos-Silben verantwortlich, die eine der Stimmen in meinem Kopf während des Gehens auf eine Kadenz von vier Tönen singt? Und wie bringe ich die zur Ruhe, die noch immer oder immer wieder meckert? Diese beiden Stimmen stören die dritte, mir liebste Stimme gewaltig. — Auf diese Weise abkürzend, auf meinem eigenen Weg also war ich so schnell, daß ich noch zehn Minuten vor dem vorher in der Ferne entschwindenen im Kloster St. Marienstern.

Von da aus ging ich weiter über Wendischbaselitz mit einem prächtigen Buswartehäuschen, Nebelschütz mit einer wundervollen Kirche, über einen Feldweg, auf dem neben einer Bank ein Auto stand, mit dessen Fahrer ich in meiner Pause ins Gespräch kam (und darin Dinge erfuhr, kann ich euch sagen, Dinge! die er nie irgend jemandem erzählen würde), über eine Brücke, die mir Schwierigkeiten machte, neben einer Straße her bis in die Lessing-Stadt Kamenz.

Kamenz, die Stadt wie Kaugummi: sie zieht sich. Kilometerweit ist der Weg vom Ortseingangsschild bis zur KamenzInformation, in der ich mir nach etwa 60 Stufen und noch weiteren 1000 m einen Schlüssel für die Pilgerherberge abhole. Daß der Weg zu dieser rustikalen Unterkunft (ohne Dusche, Toilette wie in der DR um 1974 herum) nochmal etwa 30 min dauert und am Ende mehr als die Hälfte davon steil bergauf geht, merke ich erst beim Gehen. Und nachdem ich Quartier bezogen und mich notdürftig ausgehfein gemacht habe, lasse ich mich im Biergarten der benachbarten Hutberggaststätte nieder und gönne mir Hefeweizen und Schnitzel mit Pfifferlingen und Bratkartoffeln.

Und erst danach bemerke ich beim Vorbereiten des Blogs, wie schlecht der Internetzugang hier oben am Fuß des Lessingthurms ist (ja, wirklich mit “th”), im ehemaligen Türmerhaus des Lessingthurmes ganz hier oben auf dem Gipfel des Hutberges zu Kamenz …

Ich bin alleine hier, allein …

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs pilgert weiter und dankt für’s Lesen.

P.S.: Die Strecke am 7. August 2016: 18 km in 6 Stunden und 32 Minuten mit vielen Pausen.
 
Ich bin froh, daß ich ankam.

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
Dieser Beitrag wurde unter #oekuweg, 2016, Erlebtes, One Post a Day veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Eine Stadt wie Kaugummi. Nº 221 (2016).

  1. Arabella schreibt:

    Ich wäre zu gern dort wo du bist, bin in der Nähe und schaffe es nicht, meinen Vordermann gehen zu lassen.
    Guten Weg!

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  2. Arabella schreibt:

    Verstehe ich tief. Gute Nacht.

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  3. Sofasophia schreibt:

    Ach – schlaf gut und vertrau dem Weg. Keine Floskel – Erfahrung.
    Wir denken an dich in deinem Alleinsein.

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  4. Yvonne schreibt:

    Heute habe ich endlich die Zeit gefunden, mit dem Lesen deines Blogs zu beginnen. Du hast so wunderschön und authentisch geschrieben, ich habe während des Lesens die ganze Zeit deine Stimme gehört, die mir die Geschichte deines (und auch teilweise meines) Weges erzählt.
    Meine letzte Station am Sonnabend (hier bei mir würde man jetzt Samstag sagen) war die Hutberg-Herberge. Und ich war sehr froh, dass das Chemnitzer Ehepaar sich entschlossen hatte, nicht weiter zu laufen, sondern mit mir in der Herberge am Lessing-Thurm zur übernachten. Ganz allein hätte ich dort nämlich kein Auge zugetan.
    Du hast die Nacht allein dort ja scheinbar gut überstanden. Aber das werde ich beim Weiterlesen sicherlich erfahren. Es ist spannend, deinen Weg weiter zu verfolgen und deine Gedanken zu lesen. In vielen von ihnen finde ich meine eigenen wieder.
    Momentan weiß ich gar nicht, wie weit du inzwischen gekommen bist, ob du schon wieder in Halle gelandet bist. Aber ich hoffe auf jeden Fall, dass es dir gut geht. Sobald ich es schaffe, werde ich deinen Blog weiter lesen, jetzt wollte ich dir aber erst einmal selbst ein paar Zeilen schreiben.
    Ganz viele liebe Grüße sendet dir Yvonne

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    • Der Emil schreibt:

      Wie ich mich freue, von Dir hier zu lesen …

      Ich hatte am Montag unterbrochen, bin seit Sonnabend wieder ab Kamenu unterwegs und gerade jetzt in Zeithain (nördlich von Riesa). Ich gehe weiter …

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