Wichtigkeiten.

Ultreïa! Tag 7 – Der Morgen mit Sorgen

 

Vorweg: Im Kopf und im Bauch ist alles gut.

 

Nun ja, Wichtigkeiten, oder wie mensch heutzutage sagt: Prioritäten

Ich hatte von 24 Uhr bis heute morgen 7.30 Uhr eine wunderbar ruhige Nacht. 1.500 m vom Zentrum der Stadt entfernt, neben einer Ausflugsgaststätte, umgeben von Wald. Irgendetwas machte zwar Geräusche hier im Türmerhaus und draußen schrie ein Käuzchen, auch die von Vorpilgern auf einem Zettel an der Pinwand angekündigten Pokedingssucher waren da, aber ansonsten war ab 21.30 Uhr hier oben schon himmlische Ruhe. Der Lessingthurm – angeschlagene Öffnungszeiten von 8 – 20 Uhr – blieb über Nacht offen und von starken Scheinwerfern beleuchtet …

Was ich hier im Haus nicht habe, ist vernünftiges Internet. Weder im Smartphone noch im Rechnerlein mit Surfstick. Aber: Als ich gestern im Biergarten nebenan saß, gab es dort WLAN. Daran erinnerte ich mich, nachdem ich meinen Tagesbericht geschrieben hatte und den Blogartikel zum Hochladen vorbereitet. Also wurde die Datei aufs Handy kopiert und ich ging damit wieder in den Biergarten. Und siehe da, es funktionierte. Mein Blog war fertig und online. Endlich! Jetzt hätte ich zufrieden und beruhigt schlafengehen können.

Hätte.

Wäre da nicht der Rückweg gewesen. Über die schlecht beleuchtete Treppe ging ich dem Türmerhaus entgegen. Warum nicht über die beleuchtete? Ich weiß es nicht, jedenfalls nahm ich die andere. Und auf dieser Treppe trat ich fehl, knickte um, fiel nicht hin, sondern konnte mich abfangen. Dann saß ich ein paar Minuten jammernd und fluchend vor Schmerz auf der Treppe. Ich hüpfte schließlich ins Haus zurück (vielleicht 15 oder 20 m). Welch ein Glück für mich: Jemand hatte eine Elastische Binde zurückgelassen in der “Pilgerapotheke” Auf den kleinen Kratzer am Knöchel kam Prednisolonsalbe, darauf ein Pflaster und dann die Binde um den mit Mobilat eingecremten Fuß, stramm, denn eine Schwellung paßt nicht in die Wanderschuhe, höchstens in die Wandersandalen. Ein paar Tweets mußten noch sein, ich schrieb noch in die Kladde und dann schlief ich vor Mitternacht noch ein.

Nun sitze ich am Montagmorgen wieder hier und schreibe. Ich hab draußen Kaffee getrunken, auf einer Steinbank vorm Haus, die Sonne ist um diese Zeit noch angenehm. Freunde erkundigten sich telefonisch nach meinem Befinden. Ich danke einem anderen Pilger, dem ein Heilungswunder widerfahren sein muß, daß er seine Teleskopkrücken hier zurückließ. Natürlich ist der Knöchel geschwollen, ich versuche das gerade mit nassen Tüchern etwas im Zaum zu halten. Mobilat hilft zwar nicht viel, schadet aber bestimmt auch nicht …

 

Wäre es anders gekommen, wenn ich meine Aktivitäten Pilgern und Bloggen anders gewichten würde, anders gewichtet hätte? Was wäre geschehen, wenn ich statt zum WLAN gestern abend noch auf den Turm gegangen wäre: Wäre ich dessen Treppe hinabgestürzt? “Ma weejß et nit!” Jetzt ist eben dieses Malheur passiert.

Und so sitze ich hier und überlege. Weitergehend hoffen, daß es schon nicht so schlimm sein wird? Auf der anderen Seite den Berg hinab (den ich gestern mühsam hochkeeuchte), den Ökumenischen Pilgerweg also in die “falsche” Richtung gehen bis zum Bahnhof, nach Halle fahren und irgendwann ab hier wieder weitergehen? Ich hatte mir soooooo viel vom Gehen versprochen (und damit wahrscheinlich doch viel zu viel)! Ja, einiges davon geschah schon, einiges habe ich bemerkt, gelernt, erfahren, erlebt – aber eben nur einiges davon? Erstaunlich, daß in meinem Kopf diesmal, gerade jetzt, nichts “Versager! Idiot! Gehen wolltest Du und nicht im Internet unterwegssein!” ruft. Weil mir auf dem #oekuweg beides wichtig ist, das Gehen und das Bloggen darüber, und zwar nicht erst nach dem Reiseende, sondern während des Pilgerns. Ich bin noch nicht an dem Punkt, wo ich auf das Bloggen verzichten möchte und kann. Oder ist es das, was ich auf meinem Weg lernen soll: Es geht auch ohne?!

 

Es wird Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Bis Königsbrück gibt es noch kurze Abstände zwischen den Herbergen, dann kommen ein paar gewaltmarschige Strecken, die ihr euch dort auf Wanderkompass.de ansehen könnt (an denen ich mich als völlig untrainierter dummerweise tatsächlich orientierte). Selbst der Pilgerführer mit seinen optimistischen Entfernungsangaben ist für Untrainierte da nicht sehr mutmachend zu lesen.

 

Ich muß mich entscheiden: Bahn oder Weg? Was ist mir gerade wichtiger? Was ist für mich gerade wichtiger? Jetzt!? Daß ich weitergehe, ist mir klar. Aber jetzt? Nach nur einer Woche und etwas über 100 km … — Wie der Zufall so spielt …

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs pilgert bald weiter und dankt für’s Lesen.

P.S.: Die Strecke am 8. August 2016: Ernüchternd, notwendig,
 
Gerade war ein Mann hier, der sich um die Herberge kümmert. Der weitere Weg ist zwar schön, sagte er, aber er wird nicht leichter als die Strecke von Crostwitz hierher. Er, der den Weg auch ging, führe in meiner Situation mit der Bahn … Und nun hoffe ich, ihr seid nicht zu sehr enttäscht darüber, daß ich dem Rat eines alten, weisen Mannes folge, denn die Fortsetzung kommt. Wenn es nicht gut ist, ist es nämlich nicht das Ende …

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Advertisements

Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
Dieser Beitrag wurde unter #oekuweg, 2016, Erlebtes, Gedachtes, One Post a Day abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Wichtigkeiten.

  1. Arabella schreibt:

    Erstmal: gut, dass nicht mehr passiert ist.
    Aber: bitte nicht gleich mit Prednisolon auf solch „Kleinigkeit“ schießen.
    Gutes Weiterkommen

    Gefällt mir

  2. Sofasophia schreibt:

    Es ist dein Weg.

    Zwar glaube ich nicht „dass alles zu was gut ist“, das ist mir zu zynisch, aber ich glaube alles kann etwas Gutes bewirken und sein, WENN wir es zulassen und sein lassen.

    Du wirst die richtige Entscheidung fällen. Nur schon, dass du dich nicht verurteilst für den Misstritt, ist doch schon ein Heilungswunder?!

    Das wird!

    Gefällt mir

  3. Ulli schreibt:

    Lieber Emil, in meiner Ausbildung gab es einen Satz, der mich bis heute trägt: alles gehört zu deiner Geschichte und alles ist heilig da draussen allein unter dem Sternenhimmel …
    gute Besserung
    ich freue mich, dass du dich nicht beschimpfst und nicht haderst!
    herzlichst
    Ulli

    Gefällt mir

  4. Pit schreibt:

    Hallo Emil,
    zunächst einmal: weiterhin gute und schnelle Besserung für Deinen Fuß!
    Und was die Überlegungen zum „was wäre (gewesen), wenn …“ angeht, da halte ich als ehemaliger Rheinländer es mit dem kölschen Spruch „et kütt wie et kütt“. Und für die weitere Pilgerreise, „et ess noch immer joot jejange“.
    Also dann, maach et joot,
    Pit

    Gefällt mir

  5. wildgans schreibt:

    Pit und die andern haben gute Worte gesagt. – Gehen, ging, gegangen – und wieder von vorne…

    Gefällt mir

  6. leggiero flautato schreibt:

    Wie sagt man so schön: „Der Weg ist das Ziel…“. Man könnte aber auch sagen: „Der Weg ist unser Leben…“
    Erst einmal gute Besserung und dann bin ich gespannt auf den Wegabschnitt…

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s