Nº 224 (2016): Innen und Außen.

Unterwegs zuhause, zuhause unterwegs

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Gegensätzlicher geht es kaum. Zuhause. Unterwegs. Unterwegs zuhause. Zuhause unterwegs. Gestern war letzteres der Fall. Ich war zuhause unterwegs, in Halle, in der Altstadt. Beim Losgehen überlegte ich noch kurz, ob ich mir heute schon eine Monatskarte für 61,80 Teuro holen sollte – doch dann ging ich zu Fuß. Wenigstens das hatte ich ja im Juni und Juli ab und zu getan. Viereinhalb Kilometer, etwa eine Stunde. Und dann einige Besorgungen. Und ganz nebenbei war ich noch im Kaufhof und fand eine sehr tolle Jacke (sogar für unterwegs geeignet) zur Hälfte des normalen Preises.

Nach einer Stunde im Stadtzentrum trat ich den Heimweg an. Wieder zu Fuß. Im Rucksack Abzüge von Bildern, Kleinkram, eine Jacke. Es regnete manchmal minutenlang und ich wartete die Huschen ab. Nur ein einziges Mal war ich versucht, in eine Straßenbahn zu steigen, um über die größte Brücke auf meinem Weg nicht gehen zu müssen. Doch auch das habe ich schließlich auf meinen eigenen Beinen und ohne Fahrzeug geschafft – die Höhenangst ist nicht weg, nein, die Kie waren weich, ich fühlte einen ständigen Seitwärtsdrall, fast Schwindel, das Herz rast, die Atmung ist unregelmäßig und flach … Höhenangst. Bescheuertes Ding. Übriggeblieben von einem Sprung in die Tiefe 1973. Hindert mich manchmal ganz schön, behindert mich.

Aber das Gehen, das … Das … Jedenfalls dachte ich nicht, daß ich mich so daran gewöhne, es nach so kurzer Zeit vermissen könnte. Wahrscheinlich werde/würde ich es ebensoschnell wieder vergessen, wenn … wenn ich genug gegangen bin, genug Wege gegangen bin, innen wie außen. Keine der beiden Strecken ist die wichtigere, weil es die eine ohne die andere nicht geben wird, weil mir der Weg zu Fuß den Weg in mir bereitet, weil die Wege in mir das Gehen erst ermöglichen. So muß das eine sein, um das andere zu erleben. So muß das Außen erlebt werden, um das Innen zu bewegen. Das Innen muß sich ändern, um täglich 20 km hinter mich zu bringen, als vor mir liegende Möglichkeit zu erkennen und wahrzunehmen und zu schaffen.

Hier zuhause, sitzend über Geschriebenem, Bilder betrachtend, Erinnerungen sortierend und notierend, die zuweilen recht zusammenhanglos auftauchen, hereinbrechen, mich zurückwerfen in erlebte Begegnungen. Hier zuhause, in meinen vier Wänden, hier fühle ich mich geborgen und doch nicht ganz frei. So wie ich mich auf dem Weg frei und beileibe nicht ganz geborgen fühlte – und wenn ich ehrlich bin: doch nicht ganz frei. Meine ganz persönlichen Sorgen, die von mir gemachten Fehler: all das ließ mich den Kopf noch nicht ganz freibekommen. Vielleicht wid das noch, wenn ich weitergehe. Und ich gehe weiter. In Stücken, Abschnitten, etappenweise. Bis … bis ich weit genug gegangen bin, so weit ich mich eben gehenlassen kann.

(Ich weiß, ich wiederhole mich. Aber mein Geist kreist gerade darum. Um diese Wege innen und außen.)

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 10. August 2016 waren das Jackenschnäppchen und der Fußweg.
 
Tageskarte 2016-08-11: Die Fünf der Kelche.

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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6 Antworten zu Nº 224 (2016): Innen und Außen.

  1. Sofasophia schreibt:

    „… bis ich weit genug gegangen bin, so weit ich mich eben gehenlassen kann.“ Das ist vielleicht die Antwort: Gehen bis ich mich gehenlassen kann. Die Sache mit dem Loslassen.
    Danke für diese Gedanken, ich finde mich darin wieder.
    Gutes Weiterwandern, innen und außen.

    Gefällt 3 Personen

  2. Elvira schreibt:

    Sich gehen-lassen ergibt plötzlich einen völlig anderen Sinn

    Gefällt 3 Personen

  3. Ulli schreibt:

    Und irgendwann geht es sich von ganz allein, man muss nicht mehr darüber nachdenken und die Füsse tun es von alleine…

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  4. traumspruch schreibt:

    . welch wunderbarer Text, Diese Gedanken gewandelt in Gefühl *Kompliment

    Gefällt 1 Person

  5. Der Emil schreibt:

    Danke an alle, für eure Gedanken, eure Komplimente, euer Wiederfinden.

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