Bis an den Rand der Verzweiflung. Nº 228 (2016).

Ultreïa! Tag 8: Königsbrück – Wald – Wald – Schloß. #oekuweg

 

Totz des heftigen Läutens war ich am Morgen nicht beim Gottesdienst, weil ich zu lange getrödelt hatte beim Einpacken und dann endlich losgehen wollte. Lag doch heute ein Weg vor mir, der acht Kilometer durch Wald, dann durch einen Ort und danach wieder durch Wald und nichts führen sollte.

Was soll ich sagen: All das traf zu. “Da! Ein Bovist!” Wieviele hunderte Mal hätte ich das rufen können? Wieder gab es auch jede Menge anderer Pilze, ich sah – später – sogar Birkenpilze stehen. Doch was nützten sie mir? Ich ließ sie stehen, für die anderen Leute, die nach ihnen suchen; aber vielleicht geht es denen wie es mir immer ging: Schwamme suchen bleibt erfolglos … Ich habe auch wieder Blaubeeren und Kratzbeeren (Heidel- und Brom-) gegessen. Mitten durch Wald führte der Weg, war manchmal kaum noch als solcher zu erkennen, nur die Nordic-Walking-Tourausschilderungen und die Goldene Jakobsmuschel auf Blauem Grund halfen mir da durch, bis … Bis ich wie verzaubert vor einer Schutzhütte stand:

//platform.twitter.com/widgets.js

Da hing echt! ein echtes! Wildschweinfell an der Wand! Und ein Gästebuch. Und alles dort sah gut gepflegt aus: Der Müll war beinahe leer, etwas Holz für ein Feuer draußen in der angelegten Feuerstelle war noch da, die Pflanzen in den Kästen auf dem Tisch frisch zusammengesteckt … Solches nach 5 km Weg vorzufinden hieß für mich auch, die erste große Pause zu machen.

Danach wurde der Urwald noch urwaldiger. Hochsitze gab es wie Sand am Meer, fast soviele wie Boviste. Und Pilze, und Blaubeeren, und Kratzbeeren … Und dann war der Wald endlich zuende. Tauscha, nach ca. 9 km endlich ein Ort mit Menschen. Ich ging noch ein Stückchen weiter und rastete nach 9,5 km auf einer Findlingsgruppe, die jemand vor seinem Haus an einer Kreuzug plaziert hatte. Dann lagen etwa 3 km geteerter Feldweg und Straße vor mir. Und unterwegs bemerkte ich zweierlei: Highspeed-Volumen war aufgebraucht, und genügend Guthaben für die am 15. fällige Prepaid-Gebühr war auch noch nicht im Telefon …

Wie gerufen kam mir da ein sauberes, noch gemauertes Buswartehäuschen in Lötzschen gerade recht. Dritte Pause, noch etwa 4,5 km bis zum gedachten Ziel. Zeit auch, um die Herbergen abzutelefonieren und ein Quartier für die Nacht zu sichern. Aber: zwei Unterkünfte ausgebucht, im Schloß geht niemand ans Telefon. In reichlich einer Stunde wäre ein Bus nach Großenhain gefahren, das ich zu fuß ganz sicher nicht mehr erreicht hätte – und ich saß im Wartehäuschen und haderte mit meinen Füßen in den Outdoorsandalen, mit meinem Gepäck, mit der Welt. Am Rande der Verzweiflung. Okay, dachte ich, mach das Telefon noch fertig und geh weiter. Geh über den Rand der Verzweiflung hinaus, es fügt sich alles! Vielleicht viereinhalb Kilometer noch bis zum Schloß. Und wenn da nix ist, dann wird Wasser genommen und gezeltet.

Um 16.30 Uhr kam ich im Schloß an. Auf dem Zettel zwei Telefonnummern, die außerhalb der Bürozeiten angerufen werden sollen, falls Pilger in die Herberge möchten. Das erste Telefon aus. Am zweiten der Bürgermeister des Ortes irgendwo mitten im Wald. Aber: Er sagte, ich brauch doch nur im Schloßcafé danach fragen!? Ha. Hinein. Auf die Frage wahrheitsgemäß antworten, daß ich kein Musiker für das stattfindende Schloßkonzert sei, sondern Pilger. Draußen warten, wie erbeten. Zehn Minuten, zwanzig, mich nochmal in Erinnerung bringen. Den Streß der Frau gesehen, die die Gäste bediente und mir zwischendurch die Herberge zeigen sollte. Kein Problem mit dem Warten gehabt.

//platform.twitter.com/widgets.js

Traumhaft. Zimmer mit Schreibtisch, Aufenthaltsraum, maximal acht Schlafplätze auf Matratzen, insgesamt 20 nutzbare Steckdosen (!), Klo und Waschbecken. Im ersten Stock eines Gebäudeteils vom Großen Schloß. Auf dem Durchgang zum links daneben befindlichen Turm, über einem Torbogen, trocknen meine handgewaschenen Klamotten vor sich hin seit halb sechs. Ich aß mein üppiges Pilgerabendessen (Komissbrot, trocken, mit Brotaufstrich “Alaska-Seelachs”) und trank dazu Wasser. Das einzige im Café erwerbbare Bier war a) alkoholfrei und b) kein Bier, sondern B*cks. Pfui.

Nach dem Abendessen saß ich draußen im Schloßhof, ich Schloßherr ich, und schrieb und lauschte dem Konzert. Kurz nach der Pause gesellte sich ein Paar an den Nebentisch, die auch lieber von draußen hören wollten und deswegen nicht wieder in den Saal zurückkehrten. Und dann hörten wir gemeinsam die Musik und sprachen über Gott und die Welt, das Leben und die Antwort auf alle Fragen, über Stasi und Kunst und Internet – eine Stunde lang. Bis zum Konzertende.

 

Begegnungen, Menschen sind es, die den Weg besonders machen …

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs pilgert morgen weiter und dankt für’s Lesen.

P.S.: Die Strecke am 14. August 2016: 17,75 km in fünfdreiviertel Stunden (reine Gehzeit etwa 4:15 Stunden), viel, viel zu schnell also von Königsbrück nach Schönfeld (bei Großenhain).
 
Nachher kein Extra-Blog. Zu müde.

© 2016 – Der Emil. Text & Bilder unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Advertisements

Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
Dieser Beitrag wurde unter #oekuweg, 2016, Erlebtes, One Post a Day abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Bis an den Rand der Verzweiflung. Nº 228 (2016).

  1. puzzleblume schreibt:

    Über das „Pfui“ zum Bier als einzigem Mangel habe ich gelacht. Warum ist das im Vergleich zu anderen, weniger herausgehobenen Unannehmlichkeiten, so wichtig?

    Gefällt mir

  2. Sofasophia schreibt:

    Über die Grenzen hinaus geht bei mir erst, wenn ich mich dazu entscheide und vorher pausiert habe. Gut, dass du es geschafft hast!
    Und ja, auch ein karges Mahl tut manchmal gut und nährt zuweilen auch das Herz.

    Gefällt mir

  3. Ulli schreibt:

    Du schreibst:Begegnungen, Menschen sind es, die den Weg besonders machen …
    und da denke ich ja und nein, denn Pilze und Wald und so machen den Weg doch auch besonders, oder?!
    guten Weg dir heute

    Gefällt mir

  4. eckstein schreibt:

    du bist wieder gut unterwegs. :-) man merkt deinen texten an, wie du lebendiger, beweglicher bist. das finde ich genauso erfreulich wie erstaunlich.
    und bewundernswert finde ich das auch noch.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s