Wiedergänger, Wiedergeher. Nº 227 (2016).

Ultreïa! Tag 7 – zum zweiten Male Kamenz. #oekuweg

 

Ich habe es wahrgemacht und fuhr am 13. August pervers früh, nämlich 5.13 Uhr von Zuhause los. Den Fahrschein hatte ich mir am Freitag schon geholt, so daß ich die etwas knappere Anreise zum Hallenser Bahnhof wählen konnte. Die Fahrt verlief ruhig und pünktlich, bis auf eines: In Dresden-Neustadt merkte ich, daß ich einen – DEN! – Ring verloren hatte, er war nichtmehr an meinem Finger. Er saß übrigens keines wegs so locker, daß ich ihn hätte verlieren können; ich muß ihn mir beim Dahindämmern zwischen Leipzig und da vom Finger geschoben haben. Nein, auch am Abend ist er nicht aufgetaucht …

Kamenz. Zunächst wieder hinauf auf den Hutberg, vom Bahnhof aus ziemlich genau 100 Höhenmeter, deren letzte 80 auf sechshundert Meter Weg bewältigt werden müssen. (Ich hab es bei Graphhopper mal nachgesehen.) Da stand ich wieder vorm Lessingthurm, nutze wieder das WLAN der Gaststätte und ging dann den Weg, von dem mir am Montag zurecht abgeraten wurde. Es geht nämlich auf der anderen Seite noch ein wenig steiler und stolperiger hinab. Und dann: gehen, einfach recht eben geradeausgehen. Bis zu einer Postsäule aus dem Jahre 1725, neben der ich auf einer Steinbank saß und das am Morgen gekaufte belegte Brötchen verputzte. Am Wal- und Wüsteberghaus (der ersten möglichen Pilgerherberge) in Schwosdorf vorbei, durch den Wald voller Heidelbeeren, Pilze (größer als meine Fußlänge war einer, den ich fotografierte), Brombeeren, sogar Himbeeren und Walderdbeeren konnte ich naschen. Und auf dem Waldweg bis Reichenau riesengroße Pfützen, das Gras daneben noch immer tau- oder regenfeucht. Unmengen von grünen Libellen und nachtblauen dicken Käfern waren zu sehen, Falter und Schmetterlinge; und Vögel, sogar viele Greifvögel sah ich. Nach dem Wald ging es mit Obstbäumen am Wegrand weiter, diverse Äpfel aß ich, versuchte mich auch an Pflaumen (noch zu grün) und Birnen (knochenhart).

Reichenau begrüßte mich mit dem Lärm und dem Geruch einer Gänsezucht. Am Ortsrand, halb im Wald, und doch waren die Gänse aufgeregt wegen über ihnen kreisender Raubvögel. Der Ort selbst verlor viel von seiner pittoresken Schönheit, weil die wichtigste Straße, auf der auch der Ökumenische Pilgerweg verläuft, beinahe in gesamter Länge Baustelle ist. Einen Abstecher unternahm ich zur Pilgerherberge “Armen- und Heimathaus Reichenau”, wo ich mich wieder für eine ganze Weile im Schatten ausruhte. Hätte ich dort mit meinem Mobiltelefon anrufen können (absolut kein Netz dort), wäre ich vielleicht um 14 Uhr schon dortgeblieben, so aber nahm ich die etwas mehr als fünf restlichen Kilometer bis Königsbrück in Angriff. Und fand im Ort Reichenau noch Menschen, die mir sehr gern und freundlich meine Wasserflaschen wieder auffüllten.

Nun, da ich sehr bewußt auf meine Gangart achtete, ich daher doch ungewohnte Bewegungen machte, begannen die Oberschenkel zu maulen. Noch drei Kilometer, die wollte ich schaffen. Quer durch den Wald ging es auf einem unmarkierten Wegteil in die alte Stadt Königsbrück (ohne Telefon und OruxMap hätte ich mich verlaufen). Am ersten Haus ein selbstgezimmerter Rastplatz, die “Königsbrücker Pilgeroase” mit extra Ablage für Rucksäcke, originell gestalteter Umgebung und einer “Pilger-Notfall-Box” mit allen möglichen Dingen, die plötzlich unterwegs gebraucht werden könnten, sogar mit Magnesium-Brausetabletten und Batterien … Wie’s der Teufel so will, kam der Erbauer des Ganzen gerade vorbei und wir schwatzen ein Weilchen über Gott und die Welt. Meine letzten 1200 m führten mich durch einen L*dl dann zur Pilgerherberge. Im Haus sitze ich tasächlich direkt gegenüber des Wahlkreisbüros des Sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich …

Und weil ich kurz vor sechs den Betreuer der anderen Königsbrücker Pilgerherberge (Armenhaus Stenz) traf, der in der direkt gegenüber meines Quartiers ligenden Pfarrkirche Küster ist, konnte ich auch zwei andern Pilgern und ihrem Hund helfen, indem ich sie einfach in die Kirche schickte, in der der Mann noch zugange war. Siehe, die Drei nächtigen jetzt dort.

 

Gerade zehn ist es jetzt. Ich bin schon viel zu lange wach. Also plane ich diesen Beitrag auf vierteĺ Eins und verschwinde dönersatt im Schlafsack.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs pilgert weiter und dankt für’s Lesen.

P.S.: Die Strecke am 13. August 2016: Von Kamenz nach Königsbrück etwa 18 km, mit vielen Pausen in sechseinhalb Stunden bewältigt, dabei 260 Höhenmeter hinauf- und 280 hinuntergeklettert.
 
Müder als ich sind meine Oberschenkel und Füße …

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

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4 Antworten zu Wiedergänger, Wiedergeher. Nº 227 (2016).

  1. puzzleblume schreibt:

    Spannend finde ich, wie deine selbstgestellte Aufgabe sich zu verselbständigen scheint und sich ihrerseits damit befasst, dein Bewusstsein mit dem behutsamen Demontieren fixer Selbstdarstellungsgewohnheiten herauszufordern, sei es Beutel, Hemd oder Ring. Du bist, der du bist, allein durch dich selbst.

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  2. Elvira schreibt:

    Den Ring? Den du auch hier in Berlin getragen hast? Den du wahrscheinlich immer trägst? Mh, hat vielleicht auch etwas mit gehenlassen zu tun?

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  3. Frau Momo schreibt:

    Ich habe gar nicht damit gerechnet, das Du so schnell wieder unterwegs sein wirst. Ich bin wirklich sehr gespannt auf Deine weiteren Erlebnisse.

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  4. Sofasophia schreibt:

    Das fühlt sich rund und zufrieden an. Nicht nur der Weg an sich, sondern auch dein Teil-von-ihm-Sein.
    Gut so!

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