Hektischer Lärm. Nº 229 (2016).

Ultreïa! Tag 9 – Gelernt (?) auf dem #oekuweg

 

Gestern um die Mittagszeit saß ich in Großenhain draußen vor einem Bistr/Café/Bäckerladen und staunte über mich selbst. Und war auch etwas sauer, weil ich mir abgehetzt vorkam, so ganz anders als in den vergangenen Pilgertagen. Viel zu schnell war ich nämlich unterwegs bis zu diesem Punkt, hatte um die 14 km in weniger als dreieinhalb Stunden zurückgelegt. Vor allem die Strecke von Quersa über Folbern in die Stadt Großenhain hinein mußte ich fast gerannt sein …

Es begann mit idyllischer, hunde- und wald- und schwalbenreicher Strecke von Schönfeld über Mühlbach (west-südwestlich) nach Quersa (nordwestlich von Mühlbach). Kurz vorm Ort noch ein gar liebevoll und verspielt gestalteter Rastplatz (neu bzw. frisch gesäubert und gestrichen). Und dann ein paar hundert Meter entlang der B98. LKW-Verkehr, PKWs viel zu schnell im Ort, laut, nervend … Wenn in dem Moment, da ich an der Bushaltestelle saß, ein Bus gekommen wäre, dann hätte ich den genommen. So aber ging ich, abweichend vom Pilgerführer, der eine südliche Route vorschlägt, nach der Karte nördlich der B98 weiter, direkt neben einer Bahnstrecke (laut!) westwärts. Nur um nach etwa 4 km wieder auf die Bundesstraße zurückzukehren bzw. neben sie, denn jetzt war ich auf einem Rad-/Fußweg neben der B98 dem historischen Verlauf der Via Regia folgend unterwegs ins Zentrum der Stadt Großenhain. Durchaus genervt und unwillig war ich, es strengte an, ich schimpfte über all die Idioten auf der Straße und über mich, der ich selbst doch genau diese Strecke mir herausgesucht hatte. Originaler Streckenverlauf, eben!

(Die Kilometerangaben meines Handys stimmen diesmal einfach nicht. Nicht nur, daß die Twitter-App fast alle Unterwegstweets fraß, nein, auch das GPS sponn herum … Ich hätte früher einmal einen Neustart machen sollen.)

Nach einer Stärkung beim Bäcker und der Klärung des Quartiers lief ich langsam, sah mir die Stadt an, knipste hier und da, war in der Marienkirche (ich berichtete) und spazierte dann durch den sehr sauberen, gepflegten Stadtpark mit einem kleinen Umweg über einen Discounter in Kleinraschütz (am Abend wollte ich ein Bier haben oder zwei), an der Kläranlage Großenhain vorbei und deren und den Gestank der Stinkmorchel ignorierend westwärts gen Skassa.

Kurz vorm Ort noch meine Spezialprüfung für den Tag: eine Brücke, Holzgeländer, Holzbohlen mit Durchblickmöglichkeit nach unten. Vor ihr holte ich tief Luft, einen anderen Weg gab es nun nicht mehr, und dann schritt ich stieren Blicks über sie hinweg. An diese zehn oder fünfzehn Meter kann ich mich nur erinnern in zwei Bildern: a) vor der Brücke und b) die Zigarette danach. Alles andere habe ich komplett ausgeblendet …

Um 16.10 Uhr war ich am Ziel. Es können 22 km gewesen sein, sie ich in 5:45 h gegangen bin – jetzt mag ich nichtmehr drüber nachdenken. Jedenfalls fühlte sich der Weg – der ganze Weg des Tages – viel zu schnell gegangen an, viel zu schnell.

Was geschah dann noch? Ich war duschen, habe Klamotten gewaschen, die draußen auf der Leine in der Sonne fast trocken wurden und nach Sonnenuntergang auf der Gardinenstange hier im Zimmer zuendetrocknen können. Ich habe mir Tütenspirelli gekocht, Bier getrunken, geschrieben, geraucht, die Kirche angesehen; ich nutze (nicht ganz zuverlässiges) WLAN und habe meine Füße gepflegt und noch immer keine Blase. Ich war nur genervt vom Lärm (wie schnell ich mich doch an die nicht minder laut, aber vollkommen anders, viel stiller tönende Natur gewöhnt habe) und der Hektik auf der Straße. Daß hat mich angetrieben, unerwünscht gejagt, so daß ich viel zu schnell mit viel zu seltenen und viel zu kurzen Pausen ging. So genervt war ich, daß ich mit diesem Tag wirklich nicht zufrieden bin, ihn aber trotzdem annehmen kann ohne zu hadern, denn er ist nicht wiederholbar …

Ob ich es auch noch lerne, damit umzugehen? Der Weg wird es mir zeigen, hoffe ich.

 

Oh, mehr Infos über den Ort mit dem sonderbaren Namen Skassa gibt es auch dort.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs pilgert nachher weiter und dankt für’s Lesen.

P.S.: Die Strecke am 15. August 2016: Vom Schloß in Schönfeld durch Großenhain ins Pfarrhaus in Skassa.
 
Satt, halbwegs zufrieden und müde schlummerte ich vor geraumer Zeit ein. Morgen – neee, ist ja heute – heute geht es zunächst nach Zeithain.

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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3 Antworten zu Hektischer Lärm. Nº 229 (2016).

  1. eckstein schreibt:

    phuuu verrückt. aber vermutlich wäre ich in dieser situation genauso schneller gegangen. nerviges läßt man eben gern schneller hinter sich. obwohl es sicher auch gut wäre, wenn man (in diesem fall ich) es besser aushalten könnte.
    naja, wir sind noch jung und haben zeit zu lernen :)
    und mal ehrlich emil, die zeit zwischen ‚vor der brücke stehen‘ und der ‚zigarette danach‘ unbeschadet und ohne herzkasper überstanden zu haben, das ist doch ein überragendes tagesergebnis, oder?

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  2. Sofasophia schreibt:

    Ja, das habe ich auch schon erlebt: ich übersetze äußere Hektik auf mein Tempo und fühle mich gestresst. Im Alltag ebenso wie beim Wandern.

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