Weggedanken, teilweise ungefiltert. Nº 231 (2016).

Ultreïa! Tag 10 – ausgewählte Notate vom #oekuweg

 

Bewußt langsam gehe war das Vorhaben für diesen Tag. Ich habe es geschafft, brauchte ich doch für die 15 km (offizielle Angaben: weniger als 10 km) von Zeithain nach Strehla an der Elbe mehr als fünfeinhalb Stunden. Dafür gibt es heute keinen Wegebericht, sondern nur ein paar der Unterwegsgedanken:

 

 

  • Zeithain, Kieswerk. An früher denken, als die Menschen ihre Häuser noch aus Holz, Lehm und Stroh bauten. Was aus der Natur genommen wurde, konnte in die Natur zurückgegeben werden.
     
    Heute werden Sand, Kies und Stein zu Beton, und der wird zu Häusern und vielem mehr; aber er wird nie wieder zu Sand und Kies und Stein.
     
  • “Offener Vollzug ist wie hungrig zum Bäcker in den Laden gehen und nur am frischen Brot riechen zu dürfen.” — So ungefähr drückte sich der Mensch aus, mit dem ich lange sprach.
     
    Es gibt noch mehr Dinge, die so sind: die Erinnerungen an Dich zum Beispiel …
     
  • In einem Baum am Weg hängt ein Fahrrad-Rad, an das Knochen gehängt wurden, und dreht sich im Wind. Die Überreste der nicht weitergekommenen Pilger?
     
    Nein, es sind Tierknochen, unter denen zwei Alpacas weiden.
     
  • Wenn ich – vom harmonischen Läuten gelockt – den Eingang zu Friedhof und Kirche nicht finde, gehe ich eine Ehrenrunde im Dorf. Denn als Ausgang erkenne ich, was ich nicht als Eingang gelten lassen wollte …
     
  • Die (ehemalige) Wallfahrtskirche in Lorenzkirch ist keine offenen Kirche, ich kann nur durch die kleinen Scheiben der altmodischen Sprossenfenster einen engen Einblick erhaschen. Doch unter der großen Linde auf dem Friedhof saß es sich schlummernd gut.
     
    Warum gehe ich diesen Weg? Weil ich schon lange pilgern wollte? Weil ich aus meinem Leben fliehen wollte? – Das geht doch sowieso (noch) nicht, weil ich es ja mitschleppe, mein Leben, in Telefon und Netbook, in viel zu vielen Kilogram …
     
  • Seit ich die Frauen vom Pilgereianfang ziehenlassen mußte, bin ich immer allein in den Herbergen. Auch auf dem Weg treffe ich keine Pilger.
     
    Alleinsein und meine Sehnsucht nach der Frau/Beziehung – starker Tobak fürs Denkicht unterwegs.
     
  • Am Anfang habe ich, weil ich heute langsam sein wollte, mich auf jede Bank am Weg gesetzt. Dann kam alle 50 m eine … ich saß mehr, als ich ging, und dachte nach und ließ dann eine um die andere Bank aus.
     
    Warum gehe ich diesen Weg?
     
    Wieso muß dieser Weg für mich ein Ziel haben? – Und dabei merke ich, daß er keines mehr hat! Ich gehe, weil ich zu Fuß gehe. Einen Startpunkt und einen Weg habe ich mir ausgesucht. Der Versuch, ein Ziel zu haben, muß auf diesem Weg scheitern. Denn schon beim Gehen verändere ich die vorgeschlagene Strecke, weiche von den “Vorgaben” ab (teils weil ich muß und Wege z. B. nicht mehr existieren, teils weil ich etwas sehen oder kaufen möchte). So kommt es, daß ich viel weiter gehen muß als alle anderen (Pilgerführer, Wanderkarte, andere Pilger) sagen, erzählen, versichern. Und gerade jetzt denke ich: So ist es genau der richtige Weg für mich. Ziellos wie die Zeit …
     

 

 

Ein paar ausgewählte der unterwegs getätigten Notate. Mehr nicht.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs pilgert weiter und dankt für’s Lesen.

P.S.: Die Strecke am 17. August 2016: Umwegte 15 km von Zeithain (das ich mir wegen des NVA-Standortes immer viel größer vorstellte, als es ist) nach Strehla.
 
Ich muß nur noch die Angst vor der heutigen Etappe wegschlafen.

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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5 Antworten zu Weggedanken, teilweise ungefiltert. Nº 231 (2016).

  1. Danke Emil für deine wunderbaren Weg-Gedanken!
    Alles Gute und …. * S E G E N *!
    M.M.

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  2. petra ulbrich schreibt:

    Wenn man Angst wegschlafen könnte…

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  3. Sofasophia schreibt:

    Das mag ich, dieses gedacht-gefühlt-unzensiert Notierte. Es berührt mich und knüpft an eigenen ähnlichen und doch persönlichen Gedanken an.
    (Nur theoretisch gleichen sich manche Gedanken, und doch sind sie immer anders.)

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  4. wildgans schreibt:

    Seltsame Ortsnamen! Dabei haben diese Orte eher nichts Seltsames an sich!
    Weiter gute Reise!

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