Eingelaufen. Nº 233 (2016).

Ultreïa! Tag 12 – beschwingt unterwegs auf dem #oekuweg

 

Wann habe ich nachts zum letzten Mal in einem beheizten Zimmer geschlafen? Es muß schon sehr kalt sein, ehe ich nachts das Fenster schließe zuhaus, oder eben stark regnen. Doch die Heizung ist meist aus über Nacht, denn sooooo kalt wird es in Halle nicht. Und auch am Morgen dieses Tages schloß ich gegen 4 Uhr nur das Fenster, weil es doch etwas frisch wurde. Aber noch reicht der Sommerschlafsack (ja, einen solchen habe ich nun doch noch, und auch noch in L mit >70 cm Breite). Kurz nach acht war ich schon beim Bäcker schräg gegenüber, holte mir eine Streuselschnecke und ein Brötchen fürs Frühstück. Als ich zurückkam, war der Kaffee auch fertig. Und nach dem Frühstück packte ich alles ein, was am Tag vorher explodierte. Ehe ich das gastliche Haus verließ, fegte ich schnell nochmal durch.

Eine beschwingte Seligkeit ergriff mich schon auf den ersten Metern (’s war ein wenig wie Weihnachten). Ein Grund dafür: Ich mußte mich nicht zwingen, das Telefon wegzulassen. Mit den Menschen, die zum Haus mit der Werbung für dem “Moskwitsch Service” gehörten, hielt ich einen Schwatz über die Unmöglichkeit, daß es genau diesen Service noch gebe soll. Ach, am Ende wurde ich zum Bleiben eingeladen, sollte mein Zelt im Garten aufstellen und am Sonnabend und Sonntag zu einem Liebhabertreffen nach Schmannewitz mitkommen! Einfach so, genug zu Essen und zu Trinken würde für mich auch noch gefunden werden … Wildfremde Menschen.

Ich ging weiter. Ein Vater auf dem Fahhrad überholte mich grüßend, der Sohn hinter ihm im Kindersitz schlief tief und fest und wurde auch nicht wach, als es zum heimatlichen Tor hineingehen und er die paar Meter zu Mutti laufen sollte. Wir lachten beide leise, der Vater und ich. Dann ging ich mit einem “Guten Weg” von ihm weiter. Die Füße gingen von allein. Und ich naschte links und rechts des Feldweges winzig kleine süße gelbe Birnen, wieder diese sehr kleinen Pflaumen und dann auch noch Mirabellen! Echte, gelbe; und rote, die eigentlich Kirschpflaumen sind; und blaue, die Zibaŕten sind. Und so futterte und spuckte ich mich ein ganzes Stück meinem Ziel entgegen.

Der erste Ort nach Börln war Dornreichenbach. Die kleine Gemeinde hat ein eignes Tiergehege, neben dem das Café Eisprinzessin zu finden ist. Und dieses Café betreut die erst seit einer kurzen Zeit bestehende Pilgerrast. In der ruhte ich mich eine gute halbe Stunde aus, trank Wasser, ging aufs Klo (auf dem man nicht zu lange stillsitzen durfte, der Bewegungsmelder schaltet das Licht im piksauberen, aber fensterlosen Raum nach 30 s ab ;-) ) und zog dann weiter ohne mir die Tiere anzusehen … Die Baustelle im Ort machte das Gehen etwas schwierig, die Sonne knallte wieder nur auf meine linke Seite – aber ich ging beschwingt, erholt, erfrischt weiter. Wieder naschte ich Mirabellen und Birnen, ab und an auch die eine oder andere Pflaume, trank viel, störte unterwegs zwei Rehe, die etwa 20 oder 25 Meter vor mir auf dem Weg standen und wahrscheinlich auch Früchte naschten, mich bemerkend aber wieder im Maisfeld verschwanden, und kam dann nach kurzer Zeit nach Körlitz.

Schattensuchend sah ich mich um. Die Bänke an der Kreuzung waren zwar einladend, standen jedoch in der prallen Mittagssonne. Die mitgeführten Unterlagen zeigten ab hier zwei Verläufe des Ökumenischen Pilgerweges an: einen auf der Straße, den anderen etwas sonderbar über Feldwege geführt. Unschlüssig fand ich neben dem Gerätehaus der FFW eine Bank im Schatten. Hinsetzen, Schuhe aus und in die Sonne damit, die Socken auf den Zaun der FFW gehängt. Da lag ich, ließ auch das Shirt trocknen und trank mein Wasser aus. Schonwieder zwei Liter weg. Und dazu frisches Obst? Nichts geschah, es ging mir einfach nur gut. Nach einer Weile begann Betriebsamkeit im Feuerwehrhaus, eine Rentnerfeier wurde vorbereitet. Ich durfte meine Wasservorräte auffüllen und bekam noch den Hinweis, daß die Straße nach Wurzen unbegehbare Baustelle sei.

Also der seltsame Feldweg, der zuerst noch Straße zwischen zwei Dörfen war, dann in einen extrem staubigen Feldweg abbog. (Der ist so nirgends verzeichnet, deshalb hat Graphhopper auch Probleme damit.) Bergauf ging ich ohne die Chance auf ein schattiges Fleckchen an Maisfeldern vorbei, an einer Apfelplantage vorüber, an einem See entlang (der Roitzsche Schwanenteich, auf dem ein Paar Schwäne mit vier oder fünf noch graugefärbten Jungtieren schwamm) und war ganz plötzlich in Wurzen. Der Anruf in der Herberge Nepperwitz, die ich ansteuern wollte, ging ins Leere, also: auf den Anrufbeantworter, der von der Schließung bis einschließlich 20. August sprach. Und nun? Ein Getränkehandel (Spätverkauf) lockte. Ich holte mir mein Pilgerbier für den Abend, hielt an der katholischen Kirche an (neben der auch eine Herberge ist) und fragte bei der anderen, im Stadtzentrum gelegenen nach. Ach, wie froh war ich, daß ich mein Dach überm Kopf für die Nacht sicherhatte! Entspannt gönnte ich mir die halbe Stunde Pause im Schatten …

Verblüfft stellte ich im Weitergehen fest, daß Wurzen viel kürzer ist als Kamenz. Trotz unangestrengten Gehens war mein noch immer oder schonwieder beschwingter Schritt so forsch, daß ich ungeachtet allen Stehenbleibens und Sehens schon nach wenigen Minuten am Ziel für den Tag war. Nepperwitz etwa fünf Kilometer weiter wäre wirklich überhaupt kein Problem gewesen … Doch weil dort geschlossen ist, ließ ich mein Pilgergepäck über der Kräuterfee in der “Al hada de las hierbas” explodieren. (So nenne ich es, wenn sich Inhalte aus Tasche und Rucksack im Raum verteilen, so daß ich alles erledigen und übernachten kann.)

Wäsche waschen, Döner jagen und essen, duschen, auf der Terasse sitzen und den Vögeln zusehen, die Nachbarskatze beobachten. Dinge vom Telefon in die Kladde anschreiben. Das langsame Verlöschen des Tageslichtes bemerken. Die plärrenden Pubertiere weiblichen Geschlechts in der Gasse vor der Terasse einfach plärren lassen, das gehört dazu zur Pubertät, das darf so sein. Wie überhaupt an diesem Tag erstaunlicherweise alles durfte … Und auch wenn der Staub auf dem einen Wegstück … ach, so wild war das auch nicht und er ist längt herausgewaschen aus allem. (Was ist in den letzen Stunden geschehen?) Blogs lesen und Twitter, mich freuen über dies und das, meinen Text schreiben, schlafengehen.

 

Vielleicht bin ich jetzt eingelaufen, angekommen im “pilgrims high”, im “flow”. Vielleicht aber gehe ich erst jetzt wirklich auf dem Ökumenischen Pilgerweg, einem Jacobsweg …

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs pilgert nachher weiter und dankt für’s Lesen.

P.S.: Die Strecke am 19. August 2016: Ich hab sie bei Graphhopper nachgestellt (die Strecke zwischen 4 und 14 bin ich nicht gegangen, sondern streng der Reihe nach auch zwischen 6 und 12 auf einem nicht verzeichneten Feldweg der staubigen Art meine 17,6 km in weniger als fünf Stunden reiner Gehzeit) und ging von Börln nach Wurzen.
 
Großartig fühle ich mich, richtig gut. Und ich bin schon lange im Landkreis Leipzig!

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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5 Antworten zu Eingelaufen. Nº 233 (2016).

  1. Sofasophia schreibt:

    Fein, dein Flow! Ich weiß, was du meinst!!

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  2. Ulli schreibt:

    Du gehst also Döner jagen, lach, mein Liebster jagt gerne Pizza, wenn wir unterwegs sind…
    Ich freue mich über deinen Flow und denke an Gänge bei denen irgendwann die Füsse von alleine laufen, ist leider schon etwas länger her, shame on me!
    einen guten Weg wünsche ich dir auch heute
    herzlichst Ulli

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  3. mimesfotografie schreibt:

    Ich danke dir für deine ausführlichen Pilgerberichte. Weiterhin „Buen camino“

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  4. Reuter Ina aus Berlin Pilgerte von Görlitz mit schreibt:

    Lieber Emil
    Ich bin so froh von Dir zu hören. Ich sitz hier gerade am Comp. Eher seltene Angelegenheit, weil so garnicht meins, stampfe im zweifingersuchsystem auf die Tasten wie auf eine gute alte Schreibmaschine( meine Kollegen lachten sich jedesmal krumm bei dem Geräusch ,weil sie wussten-) ick binn s. Habe gestern bei Ivonne Instruktionen geordert um in deinen Blog zu Kommen weil ich vergessen hatte dich danach zu fragen (ich hab s halt nicht auf´m Schirm)
    Ganz ganz lieben Dank einfach für die Zeit zusammen, und für mich ,die auch in Kamenz unterbrechen musste, ein Rückblick, Eindrücke und Wegbeschreibungen, die mich wieder ganz auf den Weg lassen…Danke auch für die Beschreibung der Anfangs zu hektisch wirkenden (nette Umschreibung meines Zustandes) Pilgerin.Schön das wir uns kennenlernen konnten.
    Bin in Kamenz nach 3 Tagen auch wieder Eingestiegen und bis Wurzen gekommen in 6 oder 7 Tagen, Ganz allein in allen Herbergen auf allen Wegen, aber genau das war bei der zweiten Etappe sozusagen, für mich genau richtig.Danke ganz dolle bald gehe ich dann von Wurzen wieder weiter.Dir noch allet jute und man sieht sich und hörtbzw. liest was wie schön das es Comps gibt

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    • Der Emil schreibt:

      ’s war aber wirklich so: Du wirktest aufgedreht, hektisch. Hat sich ja schnell geändert, dieser Eindruck.

      Wurzen. Hab ich mir gut angesehen. Die Herberge Nepperwitz hat jetzt ja wieder auf (die Kirche lohnt einen Besuch), und vielleicht ist in Machern wieder jemand zu erreichen. Ich werde Do oder Fr ab Leipzig weitergehen …

      Wir teffen uns.

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