Umstrittener Altar. Nº 236 (2016).

Ultreïa! Ein Nachtrag zur Kirche in Nepperwitz am #oekuweg

 

Der Ort, bei dem mir sofort olle XY-Zimmermann mit seinem “Nepper, Schlepper, Bauernfänger” in den Sinn kam. Der Ort, in dem die Herberge genau solange geschlossen war, bis ich durchgegangen war. Doch ich mußte diese Kirche sehen und den Altar, der darinnen zu finden ist. Der eine Vorgeschichte hat, der in der Kirche stand und wegmußte und nun doch in der Kirche steht.

2002 wurden der Ort, seine Kirche und die Tischlerei Saupe im Ort Opfer des Muldehochwassers im August. Der Tischler baute dank der Hilfe des ortsansässigen Pfarrers und der Gemeinde seine Werkstatt wieder auf. Und bedankte sich seinerseits bei der (Kirch-)Gemeinde mit einem neuen Flügelaltar, den er schuf und den sein Leipziger Freund Michael Fischer-Art auf seine unverwechselbare Weise gestaltete. 2005 wurde das Kunstwerk in der Kirche aufgestellt, zur Probe, und eine Abstimmung lehnte die erste Fassung des Altars ab (siehe z. B. diesen Artikel). Daraufhin änderte Fischer-Art die Christusfigur im Mittelteil, und diese Fassung des Altars stand ein Jahr in der Kirche, ehe eine neue Abstimmung (diesmal nur der Gemeindeglieder aus Nepperwitz, siehe diesen Artikel der MZ) über seinen Verbleib im Gotteshaus entschied. Eine deutliche Mehrheit stimmte Ostern 2007 für den Verbleib des Kunstwerks in der seit dem 15. Jahrhundert bestehenden Kirche mit Eule-Orgel und einigen anderen Besonderheiten.

 

Der vom Leipziger Künstler Michael Fischer-Art geschaffene, in der Gemeinde umstrittene (picassoeske) Flügelaltar in Nepperwitz.

Der vom Leipziger Künstler Michael Fischer-Art geschaffene, in der Gemeinde umstrittene (picassoeske) Flügelaltar in Nepperwitz.
Ich “zitiere” sozusagen mit meinem Foto das Werk des Künstlers, um darüber schreiben zu können. Alle Rechte liegen bei Michael Fischer-Art.

 

Farbenfroh, picassoesk, modern, surreal. Comicartig die Figuren, wiedererkennbar in einem eigenen Stil. Auf dem linken Flügel ein Abendmahl: Ein blonder Jesus am Stirnende einer Tafel, an der je sechs (teilweise auch weiblich erscheinende) Jünger auf jeder Seite sitzen; und über allem schwebt der Kopf des Heiligen Geistes. Im Mittelteil unter einer beschrifteten Sonne mit orangen tentakel- bzw. regenwurmartigen Strahlen steht eine Gestalt (die Jesus ist, mit Stigmata an Händen und Füßen) auf dem Erdball und hält etwas Buchartiges in der Hand, zwei kleinen Menschen entgegen (Adam und Eva, bekleidet?), auch eine stilisierte Arche ist auf dem Wasser der Welt zu sehen. Der rechte Flügel zeigt Jesus am Kreuz, der Himmel blutrot über brauner Erde. Der Gekreuzigte allerdings ist nur als Linien auf der Grundierung ausgeführt (nehme ich an), farblos.

 

Und das ist für mich das Erstaunlichste an diesem Altarbild: Der Gekreuzigte ist farblos, als hätte der Glaube … die Farbe für ihn nicht gereicht, als wäre keine Farbe ihm gerecht geworden. Oder: damit ich ihn füllen kann mit den Farben … dem Glauben, die/der mir geschenkt sind/ist? Durch diese Farblosigkeit wirkt das Kunstwerk für mich sonderbar unfertig, nicht vollendet, unvollendet: Ich selbst, der Betrachter, muß es in meinem Kopf zur Vollendung bringen, erst dann ist es vollendet, vollbracht.

 

(Detailaufnahmen vom Altar finden sich – leider ohne Bildbeschreibungen für Sehbehinderte und in Overlay-Popups – ganz unten auf Europa erfahren – Kirchen an der Mulde.)

Auch der Künstler hat eine Webseite: Michael Fischer-Art.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs pilgert später weiter und dankt für’s Lesen.

P.S.: Die Strecke am 22. August 2016: Einmal (ohne Rucksack) in die Stadt und zurück, etwa 10 km.
 
Es ist alles sehr ungewohnt, so nichtunterwegs …

© 2016 – Der Emil. Text – nicht das Bild! – unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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5 Antworten zu Umstrittener Altar. Nº 236 (2016).

  1. alltagsfreak schreibt:

    Finde es als Kunstwerk in einer Kirche eteas außergewöhnlich, aber nciht schlecht. Hast wirklich eine beachtliche Strecke zurückgelegt. Gönne Deinen Füßen noch ein bisschen Erholung :)

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  2. Frau Momo schreibt:

    Mir gefällt dieser Altar, gerade weil er so bunt ist. Da würde ich glatt gerne noch mal hinfahren. Zum Laufen fehlt mir leider die Zeit.

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  3. petra ulbrich schreibt:

    Hat ein bisschen was von naiver Malerei! In der Behindertenwerkstatt der Junioren gibt es eine Malgruppe und die machen ähnliche Kunstwerke – wird leider nicht so honoriert, wie beim obigen Künstler.

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    • Der Emil schreibt:

      Naiv — jein.

      Unterwegs sah ich die Ankündigung einer Ausstellung von Kunst, die von Behinderten geschaffen wurde (ich weiß nicht mehr, wo genau) und fand es schade, daß ich die noch nicht sehen konnte.

      Und wenn ich ganz ehrlich bin, so kotzt mich die Monetarisierung von Kunst ganz gewaltig an …

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