Nº 247 (2016): Abendvorstellung.

Wenn sich Phantasie und Realität vereinen

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Das unter meinen Füßen ist Sand, heller, feiner Sand. Warmer Sand vom Kiefernwaldboden. Der rieselt jetzt gerade auch durch meine Hand, auf mein Knie, die Wade hinab, neben meinem Fuß bleibt Sand auf Sand liegen. Hinter mir unter den Kiefern steht mein Zelt. Ich sitze auf einem Baumstamm, einem ziemlich dicken Baumstamm: blankes Holz ohne Rinde, ausgebleicht. Eine neue Handvoll Sand nehme ich und wieder rieseln Körnchen um Körnchen über meine Haut und die Haare an der Wade. Die Sonne hat sich hinter die Wipfel der Bäume gesenkt, im Halbschatten ist es nicht mehr so heiß wie tagsüber. Zur Ruhe kommen. Die Kladde neben mir auf dem Baumstamm wartet darauf, daß ich sie fülle. Daß ich endlich all das, was in meinem Kopf herumspukt, den Weg auf das Papier finden lassen kann. Doch das hat Zeit. Viel Zeit. Ich sehe mir die Bilder an, die ich unterwegs gemacht habe. Einige davon … An einige der Szenerien kann ich mich nicht erinnern: einige von diesem Tag, einige von anderen Tagen. Wieviele Sorgen ich mir sonst mache, wenn ich Erinnerungslücken bemerke – hier und jetzt kenne ich diese Sorgen nicht. Da ist nur gutes Wetter, gute Luft, sanftes Licht, Sand, Wald.

Endlich kocht das Wasser. Der kleine Outdoor-Ofen vor meinen Füßen, den ich mit Papier und Holz befeuere, ist kein Blitzkocher. Doch er funktioniert. Ich werfe gleich zwei Päckchen von den Instantnudeln hinein in den Topf, gebe beide Würzmischungen dazu, rühre um und schließe den Deckel wieder. Dann stelle ich den Topf neben den Hobo in den Sand. In ein paar Minuten kann ich essen, also gehe ich zum Zelt und hole mir ein Bier, das ich beinahe 15 km mit mir schleppte, um mich daran am Abend zu laben. Und ich setze mich auch nicht wieder auf den Baumstamm, sondern an den Tisch. Jaja, es gibt hier einen Tisch mit Bank und zwei Hockern, aus grobem Holz gebaut, frisch gestrichen, also wunderbar instandgehalten. Am Tisch klappt es auch mit dem Schreiben. Obwohl ich mich beobachtet fühle von den Gesichtern, die die Erbauer der Sitzgruppe/des Rastplatzes aus dem rohen Holz geschlagen auf die Stämme gemalt haben, geht es jetzt endlich! mit dem Schreiben. Am Feldrand fällt eine Horde Sperlinge ein, lautstark und aufgeregt. Sie fliegen schimpfend wieder auf, als ich die Kladde zuklappe und meinen Topf zum Tisch hole. Dann sitze ich mutterseelen allein und zufrieden in meiner Boxershort Nudelsuppe löffelnd irgendwo mitten in Sachsen; und ich sitze noch lange, bis nach dem Sonnenuntergang.

 

 

Rastplatz aus Tisch, Bank dahinter, Hocker links und rechts; rechts ein einzelner Stamm mit Gesicht und roter Mütze, links hinten sechs Gesichter mit grünen Mützen aus einer Baumkrone geschnitzt.

Rastplatz am #oekuweg bei Quersa. Genauer Ort: zauberei.dialoge.stufen
Rastplatz aus Tisch, Bank dahinter, Hocker links und rechts; rechts ein einzelner Stamm mit Gesicht und roter Mütze, links hinten sechs Gesichter mit grünen Mützen aus einer Baumkrone geschnitzt. Hellbraunes Rohholz lackiert.

 

Den Platz sah ich wirklich, den Abend erlebte ich nur in der Phantasie.

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 2.Septemer 2016 waren Auskurieren, Erkältungsbad, Pulmotin, Salbeitee, Lesen.
 
Tageskarte 2016-09-03: XV – Der Teufel.

© 2016 – Der Emil. Text & Bild unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

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7 Antworten zu Nº 247 (2016): Abendvorstellung.

  1. petra ulbrich schreibt:

    Mein erster Gedanke, als ich das Bild sah, war: Um Gottes Willen – was ist das grausam!

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  2. Sofasophia schreibt:

    So habe ich es oft erlebt, so ähnlich jedenfalls.
    Ich frag mich grad, ob Phantasie nicht die bessere Wirklichkeit ist.

    Gefällt 2 Personen

  3. wildgans schreibt:

    Mein zweiter Gedanke nach dem Lesen war: bei solch leicht kindlich gestalteten Beobachtern bleibt natürlich die nackte Nymphe sonstwo….?

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