Nº 261 (2016): Bin ich bei mir?

Schwierige Augenblicke

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Selbst meine Kladden füllen sich zur Zeit nur sehr, sehr … Nein, halt. Keine Lüge. Selbst in die Kladde(n) schreibe ich zur Zeit nichts. Wirklich nichts. Dieses Verschlossensein – es ist mir neu in dieser Form. Die Depression zum Beispiel, die führte dazu, daß ich sprachlos war, einfach nicht in der Lage war, mich zu äußern, weder schriftlich noch mündlich, obwohl ich hätte schreien wollen, pausenlos. Aber jetzt …? Das ist anders. Als ob ich nicht schreiben und nicht reden will, kein Thema finde in dem Wust von Gedanken, die in mir sind. Als ob ich jetzt ganz egozentrisch, ganz auf mich konzentriert, ganz mit mir selbst allein bin. Als ob ich in mir ruhe. Aber ich ruhe nicht in mir, ich bin im Inneren hochaktiv, erinnere und verknüpfe neu, arbeite in den Regalen meines Gedächtnisses. Doch ich schreibe nichts davon auf, lasse nichts davon aus mir heraus. Weil es so unfertig, unsortiert, unvollkommen, unwillkommen, unmöglich zu sein scheint, was ich mir da zusammendenke.

Ich füttere gleichzeitig mein Hirn mit neuem Stoff. Ich lese. Kreuz und quer durch die Literaturlandschaft. Altes, Neues, Schweres, Leichtes. “Auf dem Jakobsweg” von Paulo Coelho, Bücher von Anselm Grün, DDR-Jugendliteratur und “Neue Literatur” aus dieser Zeit und diesem Land, “Insel des Sturms” von Nora Roberts, “Depressiv leben” usw. usf. – da sind im Moment etwa zehn angelesene, gleichzeitig gelesene Bücher. Und in einem steht das:

 

 

SCHWEIGEN meint nicht bloß, daß ich nichts rede, sondern daß ich die Fluchtmöglichkeiten aus der Hand gebe und mich aushalte, wie ich bin. Ich verzichte nicht bloß auf das Reden, sondern auch auf all die Beschäftigungen, die mich von mir selbst ablenken.

Im Schweigen zwinge ich mich, einmal bei mir zu sein. Werdas versucht, der entdeckt, daß es zunächst gar nicht angenehm ist. Es melden sich da alle möglichen Gedanken und Gefühle, Emotionen und Stimmungen, Ängste und Unlustgefühle. Verdrängte Wünsche kommen ans Licht, unterdrückter Ärger steigt hoch, ausgelassene Chancen, nicht gesagte oder ungeschickte Worte fallen einem ein. Die ersten Augenblicke des Schweigens enthüllen uns oft unser inneres Durcheinander, das Chaos unserer Gedanken und Wünsche.

Anselm Grün: Im Schweigen bei mir sein. S. 11; 2. Auflage 2002
© Matthias-Grünewald-Verlag Mainz. ISBN 3-7867-2362-1

 

 

Habe ich mir dieses Schweigen vielleicht doch vom #oekuweg mitgebracht, mich ihm auf dem #oekuweg angenähert? Vielleicht, sogar wahrscheinlich. Ich übe diesen anderen Zustand gerade. Das Nicht-Ablenken, die Nicht-Flucht. Dieses Sein ganz bei mir. Und erkenne, daß mir jemand fehlt …

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 16. September 2016 waren der Buchfink und der Abschluß des Datenschaufelns.
 
Tageskarte 2016-09-17: Die Zehn der Münzen.

© 2016 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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4 Antworten zu Nº 261 (2016): Bin ich bei mir?

  1. Sofasophia schreibt:

    Schweigen als Nicht-Flucht, Reden (Schreiben ebenso) somit als Flucht, als Tür zumindest oder als Ventil – ja, das kann ich mir gut vorstellen.
    Danke fürs Zitat.

    Gefällt 1 Person

    • Der Emil schreibt:

      Insbesondere das Reden: meine Versuche, mich, meine Gefühle, meine Krankheit, meine Re- und Aktionen haarklein zu erklären, um ja niemandem mein ungefiltertes Sein zuzumuten, mich also zu … zu verstecken.

      Und wieder: welchen wahnsinnigen Aufwand ich trieb und treibe, um jemand NICHT zu sein …

      Gefällt 2 Personen

  2. petra ulbrich schreibt:

    Schweigen heißt ja perse erst mal nicht, nichts sagen – nur nicht sprechen. Aber auch nonverbal braucht man ein Gegenüber. Ich wünsche dir, dass du so eins findest.

    Gefällt 1 Person

  3. Silent Write schreibt:

    Dieses Schweigen, nicht, weil nichts zu sagen da wäre, sondern weil es zu viel, zu unsortiert ist. So geht es mir zur Zeit auch sehr oft.

    Gefällt 1 Person

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