Nº 263 (2016): Sonntagsarbeit.

Erfreulich und auch wieder nicht

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Erst wollte ich einen Text verfassen über Wahlen, aber die Berliner Wahl war gestern sehr weit weg von mir. Das wurde also nichts. Dann setzte ich an zu einem weiteren Text über das Radio-Musikarchiv, aber schonwieder –? Ach … Kurz vor Mitternacht begann ich, etwas über die wichtigste Tätigkeit des Sonntags zu notieren.

 

Gestern war ich mit Erinnerungen beschäftigt, frischen und längst verlorengeglaubten. Erinnerungen sind für mich ja sowieso etwas Schwieriges. Und doch hatte ich es darauf angelegt, mich zu erinnern, nebenbei, neben der Scannerei von Zetteln und Bildern. Mir fielen tatsächlich ein paar Sachen ein. Einige waren verdammt vage, andere so, daß ich sie mir nur als reine Phantasie erklären kann. Und trotzdem war ich “erfolgreich”. Ich notierte mir einige Episoden, also dreieinhalb Begebenheiten aus dem Leben meines Ausweis-Ichs. Schwierig war deren zeitliche Einordnung, das Sortieren in die richtige Reihenfolge. Denn es waren keine Jubiläen, Autokäufe, Urlaube, sondern eher kleine Momente, Erlebnisse und Begebenheiten. Ja, anhand der Wohnorte ist die grobe Orientierung möglich, aber das war es auch schon. Wie kann ich denn heute noch herausfinden, wann ich zum ersten Mal in Klingenthal über die Grenze nach Böhmen ging? Das war … Ja, von Frohnau aus oder doch schon wieder im Heimatdorf? Wann der Besuch der Schnitzerei in Stützengrün war, kann ich schon genauer sagen, denn der Grund für diesen Besuch ist unvegeßlich. Und in diese Zeit fallen auch meine Verträge mit einer Firma in Koblenz und meine Aufenthalte dort, dazu habe ich sogar noch eine der Hotelrechnungen und einige wenige Fotos.

 

Jetzt ist das alles notiert; und immer ist noch eine freie Doppeleite dabei, auf der ich Dinge ergänzen kann wie die möglichst genaue Zeit, einige andere Umstände des Geschehens, beteiligte Personen. Dreieinhalb Erinnerungen, die alle unvollständig sind und nicht alle sind gut. Die eine hat mit dem Tod eines Sohne zu tun. Da ist trotz aller Verdrängung noch so viel in mir, so vieles in meinem Kopf, daß es für sieben Leben Unglücklichsein reicht. Schon das Erzählen war nicht leicht, mußte ich doch oft minutenlange Denk- und Beruhigungspausen einlegen. Und dann alles anhören und aufschreiben. Ich werd wohl so schnell nicht wieder auf eine Sprachaufzeichnung zurückgreifen, ich werde lieber wieder auf Zettel schreiben und dann sortieren und abschreiben. Auch mit dem bisher Aufgeschriebenen will ich später nocheinmal so verfahren: Ich möchte es in die richtige zeitliche Reihenfolge bringen, irgendwann.

Das bleibt eine Mammut-Aufgabe. Die Zeit zwischen 1985 und 2011 wiederherstellen, die ich ziemlich bewußt und willentlich verdrängt, verschüttet, vergraben habe, die ich auszuradieren versuchte, mit Geschichten überlagerte. Und wiedereinmal stelle ich entsetzt fest, welchen übermenschlichen Aufwand ich getrieben habe, um jemand NICHT zu sein: mein Ausweis-Ich.

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 18. September 2016 waren interessante Bilder, Erinnerungen, einige geschaffte Zettel.
 
Tageskarte 2016-09-19: Die Vier der Stäbe.

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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5 Antworten zu Nº 263 (2016): Sonntagsarbeit.

  1. Gudrun schreibt:

    Wahrscheinlich ist das recht kräftezehrend, immer der nicht zu sein, der man nicht sein will. Ich stelle es mir jedenfalls so vor.
    Wer weiß, vielleicht kannst irgendwann den Frank wieder annehmen und bist dann Frank „Emil“ M. Ich wünsch dir das, glaube ich mal vorsichtig.

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  2. Sofasophia schreibt:

    Hm. Ich möchte etwas sagen, weiß aber nicht was. Kennst du das?
    Liebgrüß ich halt nur.

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