Nº 265 (2016): Noch hundert.

Weg mit dem Selbstzwang

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In meiner Hauptkladde klafft ein Zehntageloch. Genauso groß und oft noch größer sind die Lücken auf den Notizzetteldingsbumsen (Haufen, Geheftetes, Geklemmtes, Gestapeltes) und überall anders. Schreibblockade nannte ich das früher. Diesmal nannte ich es nicht so, sondern anders – und ich empfand es auch nicht “nur” als Schreibblockade. Aber.

Aber!

Ich freute mich nicht mehr so sehr über mein Geschriebenes wie früher. Es verschaffte mir nicht mehr so oft dieses Hochgefühl der Entdeckung, wenn ich … falls ich einmal einen Text verfaßte. Früher habe ich immer nur Anfänge geschafft, dachte ich. Beim Nachlesen merkte ich, daß es eben nicht nur Anfänge waren. Und für einige Tage schaffte ich nichteinmal Anfänge. Beinahe nichts. Nur Alibigestammel hier im Blog. Jedenfalls erschien es mir so, erscheint es mir so. Und doch kann und will ich nicht aufhören mit dem täglich Veröffentlichen, jedenfalls nicht vor dem Ende diesen Jahres. Dazu brauche ich ja nur noch diesen und einhundert weitere Beiträge zu schaffen.

Besser wäre es allerdings, wenn ich wieder echte Freude am Schreiben empfinden würde. Vielleicht höre ich doch lieber auf, mich mit den Fertigschreibversuchen herumzuquälen? Den Prinz Hans, die fünfte Geschichte – der (Abschieds-) Brief der Mutter –, die Peter-Geschichten, der Patient, die Schwarze Rose, Tierchen, Waldschrat … All das fraß und frißt zuviel Kraft, frustrierte mich zu sehr, seit ich das Pilgern unterbrach. Denn ich dachte, daß ich nach dieser Erfahrung des Unterwegsseins, welche ich so ruckartig begann, auch andere Herausforderungen meistern könnte. Nur gelingt es mir nicht! Obwohl zu all diesem Fortzusetzendem Stichworte, Ablaufskizzen sogar! hier herumliegen, die ich nur auffüllen muß. Aber genau das ist es wahrscheinlich: Weil ich mich zwingen wollte, diese Geschichten fertigzuschreiben, schaffte ich keinen wirklichen Text. Das sah ich gestern in der Pause zwischen Schubladensortieren und Über-den-Blättern-Brüten. Und ich weiß: Weiterschreiben an den Anfängen wäre die Empfehlung der meisten Profis und Coaches. Aber was hilft mir das Befolgen dieser Empfehlung, wenn es bei mir zu nichts führt – außer zur Frustration? Zum Schreibschweigen? Hm. Jetzt liegen diese Anfänge in einer Registermappe, in einer gerade leergeräumten Schublade über der Schublade mit den bisher beschriebenen Kladden und Kalendern und Zetteln. Dort bleiben sie zunächst. Ich konzentriere mich wieder auf die Alltäglichkeiten, die Schnorren, die Begegnungen, die ich lustvoll in kleine Geschichten verwandeln kann und will. Denn ich möchte nicht glauben, daß meine Zeit des Schreibens beendet sein soll. Dann würde mir wirklich zu viel fehlen.

 

Die Fertigschreibvorhabenschublade ist zu. Ich weiß, wo sie ist, weiß, was darinnen seiner Vollendung harrt. Aber ich muß daran nicht weiterschreiben, nicht jetzt, nicht später, vor allem nicht um jeden Preis. Den richtigen Zeitpunkt abzuwarten ist wohl der beste Umgang mit all diesen Dingen. Der größte Fleiß nutzt bei kreativer Arbeit nicht viel, wenn jegliche Inspiration fehlt. Für einhundert weitere Texte werde ich – hoffentlich – wieder zum Schreibspaß zurückkehren. Nur an meiner Vergangenheit schreiben ist näich ebenfalls nicht befriedigend genug für mich, da fehlt meist auch die Schreibfreude. Ich möchte meine “Arbeit”, dieses mir Freude machende Hobby Bloggerei behalten. Deshalb kehre ich zunächst einmal zum Lustprinzip zurück bzw. wende mich von der Fertigschreibpflicht ab, gebe mich den Anfängen hin, den Fragmenten, gar den Reimen. Und sollte dabei wieder ein “Tulifon bom iser” entstehen: Na und?

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 20. September 2016 waren das ersetzte USB-Kabel des Knipsomaten, der Entschluß, die bearbeitete Musik.
 
Tageskarte 2016-09-21: Die Königin der Münzen.

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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6 Antworten zu Nº 265 (2016): Noch hundert.

  1. wildgans schreibt:

    Sich den Anfängen, den Fragmenten hingeben – das klingt deftig hervorragend! Hoffnungen bekommen Zeit fürs Keimen!

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  2. Mirijgold schreibt:

    Wie solltest du auch mit dem Schreiben fortfahren können, mit einem Leser vor Augen, der zurückblättert..(?)

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  3. Reuter Ina aus Berlin Pilgerte von Görlitz mit schreibt:

    Lieber Emil
    Hier is Ina aus Berlin die Pilgerin aus Görlitz und danach.
    Lauf wieder los um dich zu klären ,noch is das Wetter schön und der Weg scheint dich zu rufen!
    Auch ich bin wieder auf meinem Weg zu mir und es gibt nichts ehrlicheres!
    Liebe Grüße Ina

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  4. miltreuter@t-online.de schreibt:

    lieber Emil Hier is Ina aus Berlin, deine Mitpilgerin Mach dich wieder auf den Weg! Das Wetter is noch gut .Klär dich beim zu dir kommen . Es gibt nichts ehrlicheres. Bin auch wieder und wieder weiter bei mir angekommen, Jetzt in Eckardsberger unterbrochen um wieder einzusetzen sobald die Zeit es zulässt, wenn ich das lese denk ich der Weg ruft! Ganz liebe Grüße Ina

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  5. sylvia schreibt:

    lieber Emil, ich bin lesend mit dir gegangen auf deinem pilgerweg. keine kommentare, sie wären belanglos gewesen. es hat mich gefreut, dass ich dabei sein durfte. jetzt aber möchte ich dir zu den „anfängen“ schreiben. manches muss nicht „fertig“ geschrieben werden. sammle die anfänge und schau nach dem muster. vielleicht sinds keine anfänge, vielleicht sinds prosaskizzen oder gar ganz runde (fertige) prosatexte. schau in deinem blog (tiiiief tiiiief in die archive;-))). da sind die spuren, die muster machen. nicht jeder mensch ist ein langstreckenschreiber. viele sind eher für die kurzen stücke gemacht. das ist nicht weniger wertvoll, im gegenteil. das schreib ich nur, weil ich die ganze quälerei auch zu gut kenne. freu dich des schreibens, schmeiss das wollen übern zaun. das wollene nicht – das könnten prima socken werden für den winter…
    herzlich
    Sylvia

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