Nº 267 (2016): Phantasiemenü.

Letzte Nacht geträumt

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Das Essen, zu dem er eingeladen war, wurde ganz schnell zur Nebensache. Wichtiger waren all die unausgesprochenen Wünsche, all die Andeutungen, das Lachen in einem ernsthaft geführten Gespräch. Die ersten Berührungen der Hände quer über den Tisch. Ihre provozierenden Bewegungen und Bewegungspausen, als sie an ihm vorbeiging. Es war die Beiläufigkeit, mit der sie an seinem Ring spielte, die ihn aufmerken ließ, mehr als jede ausweichende Antwort vorher. Und doch hielt er sich zurück, weil er selbst nervös und unsicher war, weil sie immer wieder zwei Schritte in die eine und drei Schritte in die andere Richtung ging mit ihren Worten und Gesten. Sie wußte nicht, was sie zulassen würde. Er wußte nicht, was er versuchen durfte. So ging das Spiel mit den eindeutig zweideutigen Worten und Gesten hin und her. Endlich faßte er sich ein Herz, nahm seinen Mut zusammen und folgte ihr, als sie die Küche verließ. Nicht ganz bis zu ihrem Ziel, nein, aber sie war schon erstaunt, ihn im Flur zu hören und zu sehen. Von diesem Moment an dauerte es nicht mehr lang, bis er ihr ins Haar griff, ihren Kopf nach hinten bog und sie küßte. Sie, die sich in diesem Moment küssen ließ, ihn küßte. Scheu und vorsichtig und fordernd und ungestüm, alles zugleich. Doch, er kannte diese Art zu küssen, wenigstens aus seinen Träumen, seiner Phantasie. Endlich erlebte er sie. Und nachdem sie wieder zu Atem gekommen waren, saßen sie sich wieder gegenüber am Tisch, essend, trinkend, redend, rauchend. Sich an den Händen und in der Seele berührend, immernoch zaghaft.

Viel mehr geschah an diesem Abend nicht. Doch ihre Augen, ihren Blick prägte er sich fest ein. Und die Form ihrer leicht geöffneten Lippen. Es kostete ihn verdammt viel Kraft, seine Zusage einzuhalten. Aber nachdem sie noch immer unschlüssig war, wollte er nicht aus dem ersten gemeinsamen Alleinsein das gleichzeitig letzte machen. Ja, vielleicht enttäuschte er sie damit, daß er seinen deutlich fühlbaren Willen an diesem Abend nicht durchsetzte. Vielleicht aber nur. Und als er ging, blieben die beiden Versprechen auf mehr, blieben zwei Filme im Kopfkino. Es blieb vieles zu entdecken, es war nichts übereilt geschehen. Nichts war aufgegeben, ausgeschlossen. Er wird sie wiedersehen, das weiß er sicher. Weil sie genau das möchte. Und all das andere auch, oder zumindest vieles davon. Soll sie doch das Tempo bestimmen, die Richtung hatten sie bei diesem Essen gemeinsam festgelegt. Vielleicht … Vielleicht ist ihr Tempo genau das, das zum Ziel führt …

 

 

Gestern früh (als eine Art Morgenseite) notierte ich meinen Aufwachtraum. Und wer weiß, ob und wann und wie er zur gelebten Wahrheit wird?

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 22. September 2016 waren eine trotz einer von mir verursachten Katastrophe produzierte Traumgeschichte fürs Radio, ein besonderes Gespräch mit überraschenden Momenten.
 
Tageskarte 2016-09-23: Die Neun der Stäbe.

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Über Der Emil

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