Nº 277 (2016): Eine “neue” Frau.

Fast beiläufig hielt sie Einzug bei mir

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“Ich finde es im Übrigen bemerkenswert”, sprach Tante Erdmute, “daß es von Hochsommer zu Herbst nur zwei Wochen dauerte. Heiz den Kamin an!”

Als Sonntagsmorgentweet erschaffen.

 

 

Plötzlich war sie da. Sie. Ohne daß ich sie eingeladen oder gar hereingelassen hatte. Da stand sie mit einem Mal mitten in meinem Gedankenraum. Sie. Energisch sich umblickend. Moment mal, wer denn? Na, Tante Erdmute! Und sie kam nicht allein, denn: Sie sprach mit jemandem. Die zwei obigen Sätze sollten doch nur … sollten gestern doch nur meinem Unmut über den schnellen Wandel der Jahreszeiten zum Ausdruck bringen, der mir die Umstellung von dieser nach jener so erschwert. Und was bekam ich stattdessen?

Eine Tante! Und einen Wust, ein Konvolut an Ideen, Szenerien, Staffage und Komparserie.

Wessen Tante sie ist, scheint zunächst unwesentlich zu sein. Die Dame (genau, eine Dame war sie ganz sicher einmal, ist es vielleicht noch) trägt den altertümlichen Namen Erdmute und spricht zu einer gänzlich unbekannten zweiten Person. Ich weiß bisher nur, daß auch diese zweite Person anwesend sein könnte; aber ob es Mann oder Weib sei, Diener, Bruder oder Schwester, Nichte oder Neffe, Butler, Hausmeister oder -mädchen, Pflegefachkraft oder gar die Pastorin ist, das weiß ich noch nicht. Vielleicht gibt es in den Räumen, die Erdmute bewohnt, einen anheizbaren Kamin wie in jedem standesgemäßen Herrenhaus des ausgehenden 19. Jahrhunderts oder in jedem Schloß und jeder Burg, die einigermaßen modernisiert wurden. Vielleicht ist Tante Erdmute aber auch nur in ihrer Phantasie nicht allein und real nicht einmal in der Nähe eines Kamins? Liegt sie schwer erkrankt in einem Hospiz und halluziniert?

Und so ganz nebenbei weiß ich auch um die Jahreszeit und die Temperatur bei der Tante zuhause. Glaube ich zu wissen … Ja, und sie hat einen Gehstock neben dem Ohrensessel am raumhohen Fenster mit Blick auf Wiese, Garten, Teich und Wäldchen da hinten. Die Brokatvorhänge kann ich mir nicht in ein sanatoriumsähnliches Hospiz hineindenken, ich lasse sie also besser weg. — So und noch viel ärger ging es und geht es in meinem Kopf zu, wenn mir plötzlich eine Figur zuläuft, die sowohl mit dem alten Mann mit der Taschenuhr (im Altenheim, erinnert ihr euch?) und dem Patienten (der mit der Amnesie, aus dem Erzgebirge, nicht wahr?) verwandt zu sein scheint, vielleicht auch mit der (verstorbenen) Mutter zu tun hatte.

 

Ich werde ihr zuhören und notieren, was sie mir noch mitzuteilen vermag.

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 2. Oktober 2016 waren eine leckere 11 (Nudeln mit Huhn), Gespräche über Radiokunst; Geheimnisse und Geständnisse.
 
Tageskarte 2016-10-03: Die Zwei der Münzen.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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6 Antworten zu Nº 277 (2016): Eine “neue” Frau.

  1. petra ulbrich schreibt:

    Dieser Beitrag ist ja schon ein ganzer Roman. Frag mal die Tante wie alt sie ist, denn das interessiert mich brennend, da ja mein Neffe im Moment bei mir wohnt und ich mir nur manchmal alt vorkomme.

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    • Der Emil schreibt:

      Oh nein, noch ist es kein Roman. Ein talentierter, konsequenter Mensch könnte einen daraus machen — ein Kopf schafft es ja auch irgendwie — und eben an der Konsequenz mangelt es mir (und an Geduld) …

      Ich habe (noch) keine Ahnung vom Alter oder irgendetwas anderem, was sie betrifft. Noch gibt es nur diesen Text und die drei Tweets …

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  2. wildgans schreibt:

    Deine Fabulierkunst erinnert mich von fernher an die Geschichte vom „Bettelweib von Locarno“ von H.v. Kleist…

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