Nº 278 (2016): Tante Erdmute.

Viel verrät sie mir noch nicht

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Erdmute. Ein Name, den ich aus meinem eigenen Erleben kenne: 1980 nämlich fuhr die ganze Klasse nach Merseburg (beinahe hätte ich wie viele Hallenser soeben “Mersedorf” geschrieben) an die dortige Technische Hochschule zur Studienorientierung. Eine Nacht verbrachten wir im Studentenwohnheim, in dem auch eine kleine Studentendisko war. Genau dort lernte ich eben eine Erdmute kennen, die damals noch nicht ganz zwanzig Jahre zählte. Sie zeigte mir unter anderem auch die Leckerheit der Tokaier Weine … — Daher also kommt der Name.

Tante Erdmute, die ich zu einer Protagonistin formen möchte, zu einer Gestalt, einer Person, die mich längere Zeit durch Geschichten begleiten kann – oder bin ich als Schreibender derjenige, der sie begleitet? Mir ist die zweite Variante wesentlich lieber, gewohnter, angenehmer, verspricht sie mir doch, nicht einen so unermeßlich hohen Konstruktionsaufwand betreiben zu müssen. Ja, dann nennt mich meinetwegen faul oder “Amateurschreiberling”; ich bin doch sowieso noch nichts anderes (und das schreibe ich hier weder als “fishing for compliments” noch sarkastisch oder selbstabwertend, sondern nur als rationale, reale Einschätzung meines Schreibvermögens).

 

Tante Erdmute ist keine ganz alte Frau, aber sie benutzt einen Gehstock, einen altmodischen Gehstock. Der hilft ihr, beinahe alle Wege trotz des kaputten linken Knies noch selbst zu gehen, selbst ohne Hilfe sich hinzusetzen und wieder aufzustehen. Wenn sie zwei gesunde Beine hätte, würde sie ganz bestimmt auch noch mit dem Fahrrad die drei Kilometer vom alten Gehöft zum Laden mitten im dörflichen Vorort ihrer Stadt fahren und mit dem Einkauf dann auch wieder zurück. Ihre fast weißen Haare hat sie zu einem weit den Rücken hinunterrreichenden Pferdeschwanz gebundenen, der manchmal im Wind tanzt. Welches Bild gäbe diese Mähne (das ist ihr Wort für ihre Frisur) beim Fahrradfahren und wie würde sich ihr Mann daran erfreuen!

Sie hat mir noch nicht verraten, mit wem sie spricht, redet immer nur von ihm, er macht, er tut, er sagt, er … Immer nur er. Ihr Mann jedenfalls ist es nicht, der liegt schon einige Jahre im Schatten der alten Buche auf dem Kirchhof. Sie besucht ihn, noch immer, mindestens zweimal in jeder Woche; nur, wenn es Mistgabeln regnet, verzichtet sie darauf. Und sie trägt die volle Gießkanne selbst, wenn sie die Pflanzen vor dem schlichten Holzkreuz netzen muß. Das Unkraut aber muß er jäten, der, dessen Identität sie nicht preisgibt. So ziehen sich Tante Erdmutes Tage und Wochen und Monate und Jahre dahin. Nicht viele Dinge bringen sie dazu, von den ihr liebgewordenen Gewohnheiten abzuweichen, da muß schon ein gewaltiges Unglück geschehen oder eine mächtige Freude sie überwältigen. Zufrieden sei sie mit ihrem Leben, so sagte sie es mir und so schreibt sie es auch auf den Ansichtskarten und in den Briefen, mit denen Tante Ermute sich ab und an bei Familie und Freunden in Erinnerung bringt. Telefonieren mag sie nicht. Vielleicht ist sie auch nur zu stolz, eine vielleicht vorhandene Schwerhörigkeit selbst zu bemerken. Wenn sie mit ihm spricht, ihm zuhört, dann versteht sie ja alles. Und ich solle gefälligst die Zähne auseinandernehmen und nicht so in meinen Bart nuscheln, das wäre schlechter Sprechstil. Und einen fürchterlichen Dialekt hätte ich ja auch, sagt sie, die hamburgisch-vornehm von s-pitzen S-teinen und von S-ternen und S-timmungen s-pricht.

Und nach einer Stunde auf der Chaiselongue, nach drei Tassen Tee mit Wölkchen und den Haferkeksen Pommerscher Art sei sie sowieso schon länger als üblich und gut gesessen, an einem Wochentag, an dem weder ihr Mann noch sie früher hätten ausruhen können. So komplimentiert Tante Ermute mich hinaus aus ihrem guten Wohnzimmer, aus ihrem Haus und vorerst auch wieder aus ihrem Leben mit ihm. Wenn ich unbedingt auf eine Fortsetzung ihrer Lebensgeschichte neugierig sei, solle ich ihr in den nächsten Wochen doch einfach schreiben. Sprichts, kehrt, den Gehstock kräftig auf die Dielenbretter stoßend, mir den Rücken zu und verschwindet hinter der zufallenden Tü. Durch die Milchglasscheibe sehe ich sie schemenhaft in die Küche gehen.

 

Schreiben soll ich ihr. Schreiben!

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 3. Oktober 2016 waren die Performances der Radiokunst (bei einer wirkte ich am Nachmittag sogar mit und während der anderen beiden schrieb ich diesen Text), bereichernde Treffen mit freundlichen Menschen und ein Lob.
 
Tageskarte 2016-10-04: Die Sieben der Stäbe.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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7 Antworten zu Nº 278 (2016): Tante Erdmute.

  1. Arabella schreibt:

    Hat se denn de Dielnbretter ordentlich gebohnert?
    Wenn ja, kannst du daraufhin schlitternde Geschichten erzählen.

    Gefällt 1 Person

  2. Rabin schreibt:

    Ihr schreiben, warum nicht? Es wird überhaupt viel zu wenig auf Papier geschrieben, dabei gibt es so viel davon. und mir gefällt die Tante Erdmute

    Gefällt 1 Person

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