Nº 285 (2016): Wat ut mine Voortid.

Zum Glück (größtenteils) vorbei

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Ich weiß noch, wie es mir vor zwölf, dreizehn Jahren ging. Nicht gut. So, wie ich es beschrieb:

 

 

Der erste Griff geht zur Flasche, die immer griffbereit neben mir steht, wenn ich schlafe. Ich bin nämlich erst nach dem ersten Schluck in der Lage, den Wecker zu finden und das nervtötende Gepiepe auszuschalten. Es gibt Tage, an denen ich das trotz allem nicht schaffe, und dann muß ich mehr als einen Schluck nehmen, um den Ton zu ertragen. Heute habe ich es geschafft, es ist wieder still. Und kalt ist es. Ich zittere vor Kälte, nehme noch einen Schluck, der mich nicht wirklich wärmt, und ziehe meine Arme wieder unter die Decke, eng an meinen zitternden Körper. So schwer wird das Aufstehen heute nicht werden, denke ich, will nur wieder warmwerden und gleite in den gewohnten Dämmerzustand. Nicht ganz schlafend, nicht ganz wach: Ich bin wie die meiste Zeit nur noch irgendwie dazwischen.

Nein, so möchte ich nicht sein. Und soweit ich mich erinnern kann, wünschte ich mir das auch nie. Weder das eine zu sein noch das andere. Weder hier noch da dazugehören heißt auch: Einsam sein. Doch es ist jetzt so, und mir fehlt die Kraft, etwas daran zu ändern. Denn ich brauche all meine Energie, um in diesem Dazwischen existieren zu können. Ich habe keine Möglichkeiten, an diesem Zustand etwas zu ändern, bin vollauf damit beschäftigt, hier, wo und so, wie ich bin, zu überleben. Wenn ich versuchen wollte, meine Kraft einzusetzen für einen Entscheidung, einen Schritt, dann würde sie mir fehlen und ich könnte nicht überleben.

Irgendwann bin ich doch wach, weil ich aufs Klo muß. Ich hasse es, wenn ich müssen muß, wenn ich etwas tun muß, was ich nicht tun will. Und ich will weder wach sein noch aus dem Bett steigen noch ins Bad gehen. Ich will, daß sich nichts verändert außer: Daß alles wieder gut ist. Das muß doch möglich sein.Schlechter geworden ist es doch auch von alleine. Gut, es ist noch nicht ganz schlecht. Aber das Leben jetzt: Es ist kein Leben. Ich lebe nicht – und ich bin nicht tot; ich existiere. Und alles wäre in meinen Augen besser als das. Am allerbesten wäre es, wenn ich tot wäre. Ich würde niemandem mehr zur Last fallen, niemanden mehr verletzen, auch mich nicht. Ich müßte mich endlich nicht mehr so sehr anstrengen, nur um zu existieren; ich würde nicht tagtäglich mein Scheitern bemerken, weil und daran, daß ich eben doch nicht lebe. Ja, wäre ich tot, müßte sich niemand mehr um mich sorgen, ich würde nicht mehr der Mensch sein, der anderen die gute Laune verdirbt und sie mit seiner Hilfsbedürftigkeit von ihrem Leben abhält. Ich hätte kein schlechtes Gewissen mehr, weil ich so vieles nicht schaffe. Und ich hätte endlich auch keine Schmerzen mehr.

Mit diesen Gedanken setze ich mich an den Tisch, fülle meine Medikamentenbox wieder auf und trinke nebenher einen Kaffee. Ich weiß, ich habe genug Tabletten im Schrank, um aus all der Scheiße herauszukommen. Ohne diese Möglichkeit wäre ich schon längst von einer Brücke vor einen Zug gesprungen.

 

 

Das meiste davon ist heute nicht mehr wahr. Doch der Vorrat zum Beispiel ist geblieben …

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 10. Oktober 2016 waren eine Erkenntnis, eine Belehrung, ein Geschenk, eine Stunde Vergnügen.
 
Tageskarte 2016-10-11: Die Zwei der Münzen.

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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8 Antworten zu Nº 285 (2016): Wat ut mine Voortid.

  1. Arabella schreibt:

    Dem zu entkommen…ich drück dich.

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  2. Gudrun schreibt:

    Meinem Bruder ist es so ergangen. Er hat sehr gelitten und es am Ende nicht geschafft. Ich habe um ihn gekämpft wie ein Löwe. Nichts hat geholfen. Ein Teufelszeug ist das. Freiwillig habe ich vor 2 Jahren aufgehört, davon zu trinken. Mir fehlt nichts. Gar nichts.

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  3. stachelvieh schreibt:

    Es klingt gut, wie Du es mit dieser Distanz beschreiben kannst. Ich wünsche Dir jeden Tag Lebendigkeit <3

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  4. Sofasophia schreibt:

    Es ist diese Dazwischenwelt, die einen so fertig macht. Nicht hier, nicht dort, und von allen unverstanden.

    Ich bin froh, dass du heute hier bist.

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  5. Ulli schreibt:

    Welch eine Qual und wie gut, wenn es Eine_r schafft!
    Ich lese gerade Sylvia Plaths Tagebücher, ihre Not ihren Platz in der Welt einzunehmen, ihren Ehrgeiz, ihren Hader und immer wieder ihren Wunsch zu sterben … so manches Mal habe ich mich nun schon gefragt, ob es die Verantwortung ist, die so viele niederdrückt …

    Immer wieder ziehe ich meinen Hut vor dir und deinem Weg …
    herzlichst
    Ulli

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