Nº 328 (2016): Triathlon-Tag.

Jammern auf höchstem Niveau.

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Der gestrige Tag war im wahrsten Sinne des Wortes beschissen. Irgendein Magen-Darm-Gedöns ließ mich schon in der Nacht wenig schlafen, und am Tag vermied ich es, mich weiter als zehn Meter von meinem Bad zu entfernen. Dafür habe ich sehr lecker gegessen, Zwieback in schwarzem Tee eingeweicht und geriebenen Apfel … Als wenn ich das Problem nicht erst am Sonnabend gehabt hätte!

Aber ich war nicht untätig, habe hier geräumt und da sortiert. Zwei Tüten Müll, zwei Klappboxen Altpapier. Und dazu einige Tränen, die im Angesicht der einen oder anderen Sache doch flossen. Oder aber dann flossen, wenn ich mich von etwas trennte und die Dinge ins Altpapier beziehungsweise in den Müll warf. Puh. Ich ahne, ich schreibe zu oft über dieses Aussortieren, es wird mit der Zeit langweilig, das zu lesen; es zu tun aber ist so … so … Es engt den Blick und die Gedanken ziemlich weit ein, so weit, daß nach einem solchen Tag keine intellektuelle Kapazität für auch nur irgendetwas bleibt. Es ist wie ein Dreifach-Triathlon aus Lesen/Ansehen, Erinnern und Entscheiden – und wenn ich den wie gestern für fast zwölf Stunden betrieb, ist die Erschöpfung groß und tief. Es waren auch viel mehr persönliche Erinnerungen dabei als letztens …

Dazu paßte am Abend die Sendung 37° – Viel mehr als Traurigkeit mit und über zwei Menschen, die ich von Twitter und aus ihren Blogs kenne. Die beiden Schlagworte (hashtags) #notjustsad und #ausderklapse gehören zu @isayshotgun (Jana Seelig) und @bicyclist (Uwe Hauck), die – wie viele andere auch – über Depression und Stigmatisierung und Not und Unsinn und den Umgang mit all dem schreiben und aufklären. Und ich saß davor und fragte mich, ob ich auch so mutig und so öffentlich damit sein könnte. Ob ich in der Lage wäre, so klar und deutlich darüber zu sprechen. Gestern erschien es mir eher nicht so. Ich war und bin nicht depressiv zur Zeit, aber ich und meine Gefühle waren sehr aufgewühlt, die Gedanken zu sehr in all den Erinnerungen der Tagesarbeit verhaftet. Vielleicht denke ich an anderen Tagen, in anderen Situationen ganz anders darüber.

 

Meine letzte depressive Episode waren übrigens ein paar Tage Ende September. Ich glaube, ich habe sie ganz gut verstecken, nein, durchleben können. Klar, ich hätte davon sprechen oder schreiben sollen … Ja. Aber dann hatte ich ein gutes Mittel dagegen, den ganzen Oktober hindurch. Die RadioRevolten halfen mir heraus, ziemlich schnell sogar. Nein, es war nicht Ablenkung, es war wirklich Mittel gegen das Loch, gegen die Losigkeit. Ja, es gibt Hilfen, Ereignisse, Aktivitäten, die mir beim Überwinden, beim Aus-dem-Loch-Klettern helfen. Verantwortung übernehmen und handeln gehören dazu (aber Sport absolut nicht). Und jetzt, da es Advent wird und die Weihnachtszeit bevorsteht, habe ich keine Angst: Es ist meine liebste Zeit im Jahr, mir geht es gut, ich bin nicht traurig, nicht niedergeschlagen, der “Mangel” an Sonnenlicht ist für mich kein Mangel, ich bin sowieso Nachtmensch, schon immer gewesen, auch als Kind und Jugendlicher, und ich bin Wintermensch, kann mit Kälte und Schnee viel besser leben als mit Hitze und praller Sonne. Herbstdepression? Nein. Der Anlaß für den letzten “Rückfall” war meine eigene Entscheidung, mein Verantwortungsgefühl. Denn ich konnte deshalb nicht nochmal auf den #oekuweg zurückkehren und fühlte mich deswegen als “Versager”, der ich nicht war. Denn statt nur mich und meines zu sehen war ich für die Gemeinschaft da. Im Kopf aber zweifelte ich wieder an mir. Das ist mein Trigger: etwas “(wieder) nicht geschafft/(wieder) nicht zuendegebracht” zu haben.

Tja, nun habe ich doch noch über meine Losigkeit geschrieben. Und ich bin froh, daß ich das kann, denn wenn ich es kann, ist sie gerade nicht akut.

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 22. November 2016 waren die Nachricht über angekommene Post, viel Weggeworfenes, Chaos im Zimmer.
 
Tageskarte 2016-11-23: Die Vier der Schwerter.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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5 Antworten zu Nº 328 (2016): Triathlon-Tag.

  1. Sofasophia schreibt:

    Im Kontext mit der Befindlichkeit, wenn ich grad NICHT akut in einer depressiven Episode stecke, erkannte ich soeben: Mein Okay-Level ist bei Nichterkrankten wohl der Eher nicht so gut-Level.

    Das hat mich erschreckt.

    (Ich habe es bei dir natürlich gespürt im September.)

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