Nº 329 (2016): Elfensehnsucht.

Eine Geschichte, die vorgelesen wird

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(Für Bärbel)

Schon im Frühling hatte die Elfe Aufsehen erregt im Steinbergwald. Auf der anderen Seite des Halltals war nämlich ihr Wald abgeholzt worden, und sie hatte deshalb die Fichten hier gebeten, ihr Unterschlupf zu gewähren. Bis auf zwei Bäume waren alle einverstanden damit, daß sich Grünlia (so heißt die Elfe) bei ihnen ein neues Zuhause einrichtete. Sie baute sich dann ein kuscheliges Elfennest in einem alten Baum mit starken Ästen und lebte seitdem dort. Ab und zu spielte Grünlia in der Sonne, an manchen Tagen nahm sie ein Bad in den Tropfen des Morgentaus und manchmal naschte sie vom Nektar der Blüten auf dem Waldboden. Ihre liebste Unterhaltung waren gemeinsame Gesänge mit den Vöglein; und manchmal, ganz selten, wenn sich Menschen oder Waldschrate oder andere Bewohner der Gegend in die Steilen Hänge des Steinbergwaldes wagten, versuchte sie, die Besucher zu necken und zu erschrecken. Da aber der Wald wirklich prächtig grün war und auch Grünlias Mantel und Kleid in grün und türkis schimmerten, konnte sie nie einer der Geneckten entdecken. Höchstens schimpfte einmal jemand über die Mücken und Fliegen, wenn er die Neckereien der kleinen Elfe spürte.

So verging der Frühling, dann wurde es Sommer. Niemand konnte Grünlia sehen, die in ihrem grünen Mäntelchen und dem türkisen Kleidchen mit ihren sonnenstrahlengoldenen Haaren herumflatterte. Und deswegen wurde die kleine Elfe langsam traurig. Die große Fichte, in der sie wohnte, spürte das und fragte Grünlia so lange ein Loch in den Bauch, bis diese endlich ihr Herz ausschüttete. Ach, wie alleine sich die kleine Elfe fühlte, weil keine und keiner sie sehen konnte! Zum Glück war da aber der Sommer gerade vorbei und außerhalb der Fichtenwälder war schon rotgoldener Herbst. Aber die Elfe hatte auch Angst und wollte ihr neues Zuhause nicht so weit verlassen, sie wollte einfach nicht so weit weg von ihren Freunden, den Fichten sein. Doch die alte Fichte wußte Rat. Nicht weit von ihr, vielleicht nur ein Dutzend Rehsprünge entfernt, stand seit Urzeiten eine Eiche mitten im Fichtenwald. Die würde wohl schon ihr Laub rot und gelb gefärbt haben, und wenn dann einige der Blätter wie in jedem Herbst schon von ihr abgefallen seien, dann wäre auch der Boden um den Baum rotgolden gefärbt. Grünlia hörte das mit Freuden und wollte gleich morgen einmal die alte Eiche besuchen.

Gesagt, getan. Mit den ersten Sonnenstrahlen, die die Wipfel der Fichten berührten, schwebte die Elfe hinauf über den Wald. Und da, da sah sie etwas rotgolden schimmern, nicht weit weg, gerade wie es die alte Fichte ihr beschrieben hatte. Grünlia verabschiedete sich artig von ihrem Baum und war – husch! – unterwegs zur Eiche. Welch eine Farbenpracht! Welches Leuchten! Wie gut sie in ihrem grünen Mantel und dem türkisen Kleidchen vor all den herbstbunten Blättern jetzt zu sehen war! Und um das Glück perfekt zu machen, kamen nach kurzer Zeit ein paar Kinder, die gar lustig durch das Eichenlaub tobten und sich und unabsichtlich wohl auch Grünlia mit Blätter bewarfen! Hui, da begann Grünlia mitzuspielen. Wie sie zwischen den Kindern hin und her flitzte, dem einen oder andern Kind wohl in die Nase kniff oder am Ohr zupfte! Und als alle lange genug getobt hatten und sich ausruhten, wurde die auf einem golgelben Eichenblatt sitzende Elfe von einem der Kinder entdeckt. “Kommt mal! Seht mal! Da auf dem Blatt! Ein Elfe!” rief eines der Kinder, und ein anderes “Wie klein sie ist und wie … wie grün!” Oh, Grünlia freute sich und begann ihre schönsten Liedchen zu singen und dazu zu tanzen. Die Kinder saßen andächtig und sahen ihr zu.

Das würden sie wohl heute noch tun, wäre nicht die Sonne nach einem guten Stündchen schwächer geworden und die Dämmerung sacht angebrochen. “Kleine Elfe”, sagte eines der Kinder, “wir kommen Dich wieder besuchen! Und dann bringen wir Dir Blümchen mit! Und dann singen wir für Dich! Und dann tanzen wir auch mit Dir!” Dann sprangen die Kinder auf und hüpften fröhlich davon. Und auch Grünlia, die kleine Elfe, kehrte zu ihrer alten Fichte zurück. Sie war gesehen worden und hatte nun vielleicht Freunde, die sie bei ihrem nächsten Besuch unter der herbstlichen Eiche wiedertreffen könnte.

Mit diesen Gedanken und den Erinnerungen an das unbeschwerte Herumhüpfen und -toben schlief Grünlia am Abend selig ein.

 

 

Ansonsten bin ich gerade sehr sprachlos.

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 23. November 2016 waren (endlich) dieses Märchen, ein Versprechen, eine gute Nachricht.
 
Tageskarte 2016-11-24: Die Acht der Münzen.

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Über Der Emil

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7 Antworten zu Nº 329 (2016): Elfensehnsucht.

  1. Pit schreibt:

    Was fuer eine zauberhafte Geschichte! Danke!

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  2. wildgans schreibt:

    Bärbel ist blond? (Ich gehe dabei von mir aus, ich kenne nur blonde Bärbels)
    Gruß von Sonja

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  3. Sofasophia schreibt:

    So schön. Danke!

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  4. petra ulbrich schreibt:

    Danke für dies schöne Märchen. Ist es von dir?

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