Das dritte Türchen (2016): Verschlafen.

Eine Reisegeschichte.

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Meine Adventsgeschichten widme ich allen, die kämpfen, allen, die krank sind, allen, die Unterstützung benötigen. Ich wünsche allen Menschen eine im wahrsten Sinne des Wortes wundervolle Weihnachtszeit. Meine Kerzen brennen für alle, die Hoffnung brauchen.

 

 

Jemand rüttelt an mir. Nein, bestimmt nicht, es ist nur der Zug, der schaukelt. “Hey, aufwachen! Endstation!” Schlagartig arbeiten die Reflexe wieder. “Moment, hier in der Jacke ist die Fahrk…” “Quatsch. Die brauchen sie jetzt nichtmehr. Hier ist sowieso Endstation! Los aufstehe und raus aus dem Zug!” Jetzt verstehe ich: Endstation. Ich habe eine Stunde und drei Bahnhöfe zu lang geschlafen. Ich fluche vor mich hin, während ich meine Sachen zusammenraffe. Und auf dem Bahsteig mache ich meinem Frust lautstark Luft. Ganz wundervoll ist das alles! Es ist kurz nach Mitternacht, das war der letzte Zug des Tages. Der nächste fährt früh um 5.20 Uhr in die Gegenrichtung. Vor mir habe ich eine lange Nacht in diesem zugigen Bahnhof. Weiter vor mich hinbrummelnd und fluchend suche ich eine halbwegs windgeschützte Ecke, in der es nicht zieht. Sehr gut riecht es nicht, wo ich mich schließlich auf dem Boden bei den Gepäckschließfächern niederlasse. Aber es zieht nicht, und ich versuche wieder zu schlafen.

 

Jemand rüttelt an mir. Nein, bestimmt nicht, es ist nur der Zug, der schaukelt. “Na, schonwieder eingeschlafen?” Ich bin wach, soweit das geht. Im Gang vor mir steht der Schaffner aus dem Zug, lässig an die Schließfächer gelehnt. Was will der denn jetzt noch? Ich bin sauer, weil er mich geweckt hat. Er aber hält mir seine Hand hin. “Kommen Sie, stehn Sie auf. Ich hab Sie vorhin schimpfen gehört und weiß deshalb, wo Sie hinwollen. Ich hab das Auto da und muß sowieso in die Richtung.” Ich ergriff die Hand, stand auf und nahm mein Gepäck. “Ich nehm Sie mit – oder wollen Sie noch fast fünf Stunden hier rumsitzen? Es wird doch schon ziemlich kalt so kurz vor Weihnachten … Ach, wissen Sie was? Ich fahr Sie sogar nach Hause, die acht Kilometer Umweg jucken mich heute nicht. Schließlich hab ich ab morgen – nee, ich hab ab heute Urlaub.”

 

Wirklich, er fuhr mich damals bis vor die Tür. Und zeigte mir sein Haus, als wir daran vorbeifuhren. In jedem Fenster schien ein beleuchteter Adventsstern zu hängen. Keinen anderen Dank als einen Händedruck wollte er annehmen von mir vor dem Mietshaus, in dem ich wohne. Dann drehte er um und fuhr heim.

Seit mir das vor Jahren geschah, habe ich den Mann nie wiedergesehen. Weder in einem Zug noch irgendwo auf der Straße. Das Haus allerdings hängt wie immer im Advent, auch in diesem Jahr, voller leuchtender Sterne.

 

 

 
Wer eine Gelegenheit sucht, zur Weihnachtszeit anderen zu helfen, der kann das täglich von 06 Uhr bis 22 Uhr bei der Versteigerung von #hand2hand tun. Die Aktion ist eine gute Idee von Meg, ihr und allen Mitwirkenden danke ich dafür.

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 2. November 2016 waren die aufgeholte Verspätung, der freundlich Zugbegleiter, ein sehr angenehmer Empfang und ein tolles langes Gespr&aumlch.
 
Tageskarte 2016-12-03: IX – Der Eremit.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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Eine Antwort zu Das dritte Türchen (2016): Verschlafen.

  1. Medienkanzler schreibt:

    Lieber Emil, wahrscheinlich bist Du wirklich etwas wunderlich und man muss Dich einfach lieb haben. So schön erzählt! Hatte sofort Kopfkino…

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