Manchmal, manchmal kann ich es nicht (2017: 009)

Der Verlust des Widerstands

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Manchmal … Manchmal jedenfalls kann ich nicht anders. Ganz gleich, wie fest ich mir etwas vorgenommen habe, ganz gleich, wie eisern ich mir etwas verkneife: manchmal geht es nicht anders und ich muß trotzdem dagegen handeln. Meistens ärgere ich mich kurz darüber, manchmal aber auch für eine längere Zeit. Heute jedoch, heute ist das ganze Gegenteil angesagt, heute freue ich mich über mein Zuwiderhandeln. Gleich gegen zwei Gebote:

  • Büchererwerbsfasten-Gebot
  • Gebot der sparsamsten Haushaltführung.

Auf dem Weg in die Stadt mußte ich an einem Buchladen vorbei. Vor dessen Tür stehen immer so wunderbare Grabbelkisten, voller schöner und gute Bücher. Immer wieder gibt es besondere Angebote: drei oder vier Bücher fürn Zehner u.ä. Doch so billig, sozusagen auf Antiquariatsgrabbeltischniveau, habe ich dort lange nichts mehr liegen sehen. Heute aber, heute aber war das so, da lagen mehrere Dutzend für nur einen Euro oder gar einen halben! Kann der Bibliophile da widerstehen? Der vielleicht, ich aber nicht – genausowenig hätte ich bookcrossing-Bücher liegengelassen … Zwei neue Bücher. Zwei. Dabei sind meine Bücherstapel doch hoch genug, alle. Und sogar aus der Bibliothek will ich nur noch ganz wenige holen!

Heute wurde ich schwach. Für anderthalb Euro. Knapp tausend Seiten zusammen, also einige Stunden Lesestoff. Zusätzlich zu dem hier gestapelten bedruckten Papier. Hach. (Ich bin ehrlich: Ich wohnte gern in einer Bibliothek, vornehmlich in einer alten Bibliothek mit alten Beständen – inmitten von Millionen von Frakturbuchstaben, von handschriftlichen Minuskeln und Majuskeln. Papier, zumal bedrucktes, hat einen besonderen Geruch!)

Gekauft habe ich heute Mascha Vanessa: Die Prophezeiung der Seraphim, und Viktoria Schlederer: Die Maskerade des Teufels. Beide wahrscheinlich im Bereich der “Fantasy” beheimatet. Zur Erholung zu lesen, zum Abschalten. Zum Abtauchen in fremde, wundervolle Welten, voller Menschen und Wesen, die mir nie begegneten und auch nie begegnen werden, unter Himmel, die ich nie sehe, in Wasser, die ich nie durchschwimme. Reisen kann ich mit ihnen, ohne meine Couch zu verlassen, weit, weit hinaus ins All oder in die Vergangenheit oder in die Zukunft, hinter die Nebel von Avalon, nach Shambhala oder Feuerland, auf den Mars, ins Ewige Eis, in Wüsten, nach Vulkan oder DS9 oder Babylon5; auf eine Sommerwiese, an einen Frühjahrsstrand, auf ein Herbstfeld oder in den Winterwald kann ich reisen, ohne daß mir Regen, Wind oder Kälte etwas anhaben können – und doch fehlen sie mir nicht, weil sie auch in meiner Phantasie sind, dort so wahr sind wie die Wirkung von Einhornstaub.

Aber ich leſe auch andere Bücher. Wahre Bücher, Tatſachenberichte, sogar wiſſenſchaftliche Publikationen (deren Verſtändnis mir zunehmend schwerer fällt), gar Lehrbücher. All das nicht nur in der allermodernſten Form, sondern gerne auch “leicht antik”, in Fraktur, in den erſten Antiqua-Drucken noch mit Lang-S (ſ). Hm. Ob ich einmal einen Text verſuche, der genau dieſen Buchſtaben in ſeiner Verwendung zeigt?

 

Ich ſchleiche mich davon und ſage Danke für’s Leſen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 09.01.2017 waren die Bücher, mehrere Telefonate, die Kälte draußen.
 
Die Tageskarte für morgen iſt der Bube der Kelche.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

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8 Antworten zu Manchmal, manchmal kann ich es nicht (2017: 009)

  1. Graugans schreibt:

    So wunderschön hast Du das geschrieben, so voller Liebe für das Meer der Geschichten, hat mich sehr berührt. Liebe Grüße

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  2. Follygirl schreibt:

    Wir schleppen auch immer Bücher ran.. :)
    Heute bei Horizonte (Arbeitslosen Initiative) hat der beste aller Ehemänner wieder etwas gefunden, für nur wenige Euro -(ich hab son Fotokram durchforstet)… ich tausche gerne in der kleinen Bücherei..kostenlos.
    LG, Petra

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  3. Birgit schreibt:

    Mein Stapel wird auch nicht kleiner, habe gestern auch wieder zwei geholt. Musste doch den Gutschein einlösen. Ich hätte auch gerne meine eigene Bibliothek. Das wäre wunderbar, diese Gerüsche jeden Tag. Diese Geschichten, einfach abtauchen. Viel Spaß beim Lesen.

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  4. Heike schreibt:

    Ach ja – diese Büchergrabbelkisten sind wirklich das Ende eines jeden Büchererwerbsfasten-Gebotes. Aber zwei schöne Bücher für anderthalb Euro – das zählt doch eigentlich noch gar nicht als Zuwiderhandlung, oder? Und solange die Bücherstapel zuhause nicht umfallen, ist doch alles im grünen Bereich. :)
    Danke auch für deinen kurzen Ausflug zum Fraktur-Lang-s. Ich hab schon als kleines Kind Bücher über alles geliebt. Meine Tante besaß ein Kinderalmanach (in Fraktur gedruckt), aus dem sie mir immer und immer wieder vorlesen musste. In der ersten Klasse war ich dann ganz erstaunt über die vielen „falschen“ Buchstaben in der Fibel. (Da hab ich schon ewig nicht mehr dran gedacht.) EIn kurzer Blick ins Internet hat mir heute auch noch die Erkenntnis beschert, wie das „ß“ entstanden ist … und wieder was gelernt. :)
    Vielen Dank für deine schöne Geschichte. LG Heike

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    • Der Emil schreibt:

      Ja, das Lang-ſ und das Schluß-s … Die sind für mich übrigens hier in der Stadt ein Ärgernis auf offiziellen Straßennamensschildern, wo in zusammengeschriebenen Straßennamen der Wortbestandteil „…straße“ in Fraktur prinzipiell falsch mit dem Schluß-s begonnen wird.

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  5. eckstein schreibt:

    es berühert mich tief, was du da schreibst. die vorstellung, in einer alten bibliothek wohnen zu dürfen, ist mir sehr vertraut. ich erinnere mich.
    danke emil! 📚📚📚

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