Reiterbild VI (2017: 013)

Ernst Wilhelm Nay und Wasja Götze in der Moritzburg.

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Beinahe kubistisch, mindestens picassoesk. Das rot-weiß-braune Pferd ist gut erkennbar, weil sein Kopf beinahe klassisch gemalt ist. Vom Reiter glaube ich zuerst nur die linke Hand etwas links unterhalb des Pferdekopfes im Bild zu erkennen und ein Stück Arm. Wenn ich dem folge, finde ich auch das, was Torso und Kopf eines Menschen sein können. Dieser Gegensatz: Das Pferd ist überdeutlich präsent im Bild mit seinem Kopf und dem Ohr und einem stilisierten linken Auge; der Reiter verbirgt sich neben ihm stehend in einer abstrakteren, moderneren (?) Formensprache. Rot, Schwarz, Weiß, Blau. Und außerdem Braun. Kräftige Pinselstriche, zumeist gerade. Oft scheinen Stellen wie “über den Rand hinausgemalt” … In der Stirnmähne des Pferdes ist das Schwarz so gepinselt, daß der Maluntergund durchscheint.

Es fällt mir auf, daß die Ölfarbe in verschiedenen Konsistenzen aufgetragen ist. An manchen Stellen so flüssig angerührt, daß ich an Aquarell erinnert bin, anderswo pastös, fast wie ein nur flüchtig mit einem Pinsel verwischter Strang direkt aus der Tube wirkend. Dieser eine Kringel mit dem quer darüberliegenden Strich in dem Bildelement, daß den Kopf des Reiters darstellen könnte: Ist diese von der Ölfarbe gebildete, reliefartige Struktur vielleicht das Auge der abstrahierten Figur? Ein ganz ähnliches Gebilde findet sich oben rechts über dem Pferdekopf.

Wenn das ein Auge … Ja, die Form hier ist dieselbe, wie ich sie unten als Kopf … Ist das eine linke Schulter?

Moment. Moment mal! Da ist doch … Ist das der Reiter – und die zuvor erahnte, erkannte menschliche Figur ist es nicht? Wer oder was ist dann die nicht auf dem Pferd sitzende Gestalt: der Steigbügelhalter? – Da. Jetzt erkenne ich auch die rechte Hand unter und den rechten Arm des Reiters neben dem Pferdekopf. Und da sind seine Beine und Füße links und rechts neben dem Pferdeleib. Ha! Es sind also ein Pferd und zwei Menschen im Bild dargestellt: Der Reiter sitzt doch da, wo er hingehört, aber so, daß er von meinem ungeschulten, im Realen verhafteten Blick zuerst übersehen werden mußte. (Sollte das so sein? Hat Ernst Wilhelm Nay das 1936 so gewollt?)

Und wie ich mit den Augen aus wechselnden Betrachtungsabständen über das Ölgemälde streiche, fallen mir wieder die Stellen mit dem deutlich pastöseren, verschwenderischen Farbauftrag auf. Entstehen die Wülste, Würste und Batzen nur zufällig beim Malen? Sind sie absichtlich genau dahin und genau so gesetzt, wo und wie ich sie noch heute erkennen kann? Tragen sie demnach einen – vielleicht sogar nicht unbedeutenden – Teil der Bildaussage, der Information, sind sie also Ausdrucksmittel von Ernst Wilhelm Nay? (Der Blick auf ein direkt daneben hängendes Bild scheint diese Annahme zu bestätigen.) Doch bin ich weder Zeichner noch Maler und habe somit wirklich keinen Erklärungsversuch dazu. Ich habe nur, was ich sehe (auch die Farbabplatzungen am unteren Bildrand). Und wie hier beim Reiterbild VI (1936) von Ernst Wilhelm Nay bleibt vieles meinem Blick verborgen, wenn ich mir nicht die Zeit dazu nehme, genauer hinzusehen.

Nach weit über einer Stunde, die ich vor diesem Bild im Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt, im Kunstmuseum Moritzburg verbrachte, glaubte ich, am Pferd einen linken Flügel zu erahnen. Hat Nay einen Pegasus gemalt?

 

Als ich schon auf dem Weg aus dem Museum nach draußen war, geriet ich (zufällig) in ein Galeriegespräche mit Wasja Götze. Dort stand ich dann bis kurz vor 18 Uhr, wechselte auch noch ein paar persönliche Worte mit dem Maler. Es war ein Vergnügen, dem freundlichen, komischen, humorvollen, lebhaften und mit Händen und Füßen erzählenden Menschen, Maler, Landstreicher und Musiker zu lauschen, der dem Volke aufs Maul schaute und schaut und dessen Sprache spricht. Und wie wundervoll selbstironisch er kokettierte mit seinem Werk und dessen Beurteilung und Erklärung! Er, der “Maler delikater Bilder”, dessen Lebensmaxime ist: “Ich muß nicht jeden Tag meiner Meinung sein.”. Wasja Götze

 

Ach, jetzt weiß ich auch, warum ich heute so viel Glück hatte: Es ist Freitag, der 13. Und DIe Jahreskarte ist endlich eingeweiht.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 13.01.2017 waren der Museumsbesuch mit der Schulung der eigenen Augen, das Galerie- und das persönliche Gespräch mit Wasja Götze, ein Buchkauf (Uwe Hauck: “Depression abzugeben”).
 
Die Tageskarte für morgen ist die Neun der Stäbe.

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Über Der Emil

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2 Antworten zu Reiterbild VI (2017: 013)

  1. Helmut schreibt:

    Die Dreizehn ist schon lange meine Glückszahl. Übrigens: Kannst Du auch vorplanend Kommentare kommentieren? ;-)

    Gefällt mir

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