Mißtrauen (2017: 014)

Ein uralter Anstoß.

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Mißtrauen ist ein Argwohn, daß jedermann unehrlich sei.

Theophrast: Charakterbilder. Deutsch von Horst Rüdiger. S. 44
Sammlung Dieterich Band 34. © 1949 Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Leiptig
Veröff. unter Lizenz-Nr.155 Rudolf Marx der SMAD 6265/49-8695/49

 

 

Ein schmales Bändchen auf gelblichem Papier, leinengebunden im geprägten Pappeinband. Irgendwann fand es seinen Weg zu mir, auf einen meiner Bücherstapel. Es ist kein Buch zum Durchlesen in einem Rutsch, nein, ich vertrage immer nur eines der 33 Charakterbilder. Heute war es eben der Mißtrauische. So einer wie ich es zuweilen oft fast immer ständig bin. Nur bin ich es nicht den normalen Menschen gegenüber, die ich in meinem täglichen Leben auf der Straße treffe, nein, denen bringe ich großes Vertrauen entgegen; da glaube ich an das Gute im Menschen. In jedem Menschen. Man mag mich dafür gutgläubig oder sonstwie nennen, ich glaube trotzdem daran.

Fast in jedem Menschen.

Mißtrauisch bin ich all denen gegenüber, die mich so offensichtlich über den Löffel balbieren wollen, daß ich nicht umhinkomme, das deutlich zu bemerken. Dazu zählen Werbetreibende, Von-Zins-und-Dividende-Lebende, die meisten Bundes- und Landespolitiker, Dogmatiker, Missionare. Bei den beiden letzteren vor allem die nichtchristlichen. Machtmenschen gegenüber bin ich sowieso mißtrauisch, denn Macht korrumpiert, macht gieriger. Nein, diesen traue ich nicht. Der Wahrheitsgehalt einer Staffel Startrek scheint mir jedenfalls viel größer zu sein als der einer Bundestagsdebatte oder einer Erklärung des Merkels.

Dabei, so glaube ich fest, kommt jeder Mensch mit einem Urvertrauen in die Welt: an Vater und Mutter, an Sonne, Wärme, Speis und Trank. In der kindlichen Fremdelphase wird von den Familien auch alles dafür getan, dieses Vertrauen zu erhalten. Aber irgendwann geht das nicht mehr, irgendwann erlebt jedes Kind die Ent-Täuschung, die Erkenntnis, daß manches nur Lüge ist. Das manches gefährlich ist und das manches schmerzt. Wann ich das zum ersten Mal erlebte, weiß ich nicht mehr – und das ist gut so. Nun, ich hatte als Kind zum Beispiel keinen Gott, an den ich mich mit allem wenden konnte, denn der kam in meinem Leben, im Leben der damaligen Familie nur sehr selten vor. Die Oma, ja, die betete manchmal auch mit mir bzw. ich betete mit ihr und meinen Cousinen und Cousins, die in wesentlich religiöser geprägten Familien aufwuchsen als ich. Vielleicht hatte auch ich einmal diesen Kinderglauben an Gott, das scheint mir sogar wahrscheinlich. Doch der blieb mir für lange Zeit nicht erhalten. Mein Leben funktionierte lange Zeit mit einer wissenschaflichen Weltanschauung …

In dieser Phase jedoch begann auch mein Mißtrauen zu erwachen, zu wachsen. Weil es zu viele Theorien gab, die nicht verifiziert werden konnten, aber nach ihnen war alles ausgerichtet. Ich erkannte, daß es nicht viele Unterschiede zwischen den Religionen und der herrschenden Philosophie gab und gibt. Später führte das zu Verwerfungen in meinem Leben, die bis heute nachwirken. Und da waren auch noch ganz private Enttäuschungen.

Mein Mißtrauen wurde und wird zum größten Teil von Herabsetzung und Abwertung gespeist, von der Erhebung anderer über mich. Die Befürchtung, daß mir Arges widerfahre von denen, die sich über mich stellen oder über mich gestellt sehen, die sich wertvoller fühlen als ich es in ihren Augen je sein kann, und die Befürchtung, in den Augen anderer Menschen einfach wieder zu versagen, die haben mich seitdem nur sehr selten verlassen. Ich befürchte, daß es anderen mit mir ähnlich gehen könnte, und das macht einen Teil meiner Schwierigkeiten mit Lob und Anerkennung aus (das ist auch als Hochstaplersyndrom bekannt). Wenn ich ersteinmal mißtrauisch jemandem oder einer Sache gegenüber geworden bin, dann ist das nur schwer wieder zu entkräften … Wenn ich ehrlich und sehr, sehr genau hinsehe, muß ich gestehen: Manchen Menschen gegenüber kann ich einfach nicht mißtrauisch sein, unabhängig von ihrem Verhalten und ihrer/unserer Geschichte. Es sind nicht sehr viele, ich kann sie an Händen und Füßen abzählen. Wie schaffe ich es von heute an, zumindest immer mehr Menschen mit der Annahme zu begegnen, sie seien ehrlich und ohne böse Absicht? Wie nur?

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 14.01.2017 waren geschaffte Hausarbeit, leckerer Linseneintopf, ein Abendspaziergang, ein begonnener Brief.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Acht der Schwerter.

© 2017 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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8 Antworten zu Mißtrauen (2017: 014)

  1. Arabella schreibt:

    Schwere Frage. Ich traue oft zu früh, gehe von mir aus, bin enttäuscht von meiner manchmal naiven Sicht auf Menschen und Dinge.

    Gefällt 2 Personen

  2. puzzleblume schreibt:

    Hm… eine interessante Auseinandersetzung mit dem Thema, gerade am zweiten Tag nachdem du „uns“ Leser sehr damit herausgefordert hast, indem du in deinem Artikel allen vor die Füsse geschüttet hast „Und jedesmal, wenn ihr etwas Neues von mir lest, werdet ihr euch fragen müssen, ob das nur geplant war.“
    Ich hoffe sehr, du empfindest meine Bemerkung so als konstruktiven und diesen neuen Beitrag hier um einen Außenstandpunkt ergänzenden Anstoss, wie ich sie meine.
    Nehmen und eigenes Empfinden dem Austeilen gegenüber ins Verhältnis zu setzen und zu realisieren fällt manchmal schwer.
    Wer anderen etwas vorspielt, (und mein gutes Gedächtnis erinnert sich, dass du als „Emil“ gern darauf hingewiesen hast, es sei eine von mehreren Rollen), vermutet hinter diesen auch seinerseits, etwas vorgemacht zu bekommen – leider ist das wie eine Schlange, die sich in den Schwanz beisst. Aber wenn sie das tut, schadet sie doch nur sich selbst.

    Gefällt 1 Person

    • Der Emil schreibt:

      Ouroboros (oder die Midgardschlange) …

      Ja, der mißverstandene Text, der wird mir noch eine Weile nachhängen; damit muß ich leben, solange ich Fiktion und Leben in einem Blog vermische.

      In mir arbeitet es gerade mehr als sonst, weil ich im Außen doch zwei, drei Dinge verändert habe. Und natürlich ist „Der Emil“ eine von mehreren Rollen, nämlich mein Ich. Dann ist noch die der Ausweisperson. Und die des Liebhabers, des Bruders, des Freundes, des Sohnes, des Vaters … So viele Rollen, die Mensch spielt, mehr oder weniger freiwillig … Wie ist das denn: Es gibt (aus rechtlichen Gründen) die Ausweispersönlichkeit, und es gibt mich („Der Emil“). Alle anderen Rollen aber nimmt nur noch „Der Emil“ ein, nehme nur noch ICH ein. Wäre „Der Emil“ nicht geworden, gäbe es auch die Ausweispersönlichkeit nicht mehr; mit dieser Neugeburt blieb der Suizid ein nicht-physischer … Aber aus dem früheren Leben habe ich doch einiges mitgenommen in mein Leben: Und das Mißtrauen zählt dazu, es gehört zum schwierigeren Erbe.

      Wie seltsam es ist, den eigenen Namen in “ “ zu setzen. Doch hätte ich immer das genau das seiende „ICH“ geschrieben, so wäre das Erklären schwieriger geworden, glaube ich.

      Gefällt 1 Person

  3. Gudrun schreibt:

    Ich hatte gestern angefangen zu schreiben und habe es wieder gelöscht, weil ich mir gar nicht so sicher bin, ob du es wirklich hören, besser lesen, möchtest.

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