Taggedachtes und -vergessenes (2017: 020)

Das Rätsel der entglittenen Tage.

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Ich weiß, es gibt sie: Tage, die mir in ihrem Lauf einfach entgleiten, an denen ich unzufrieden mit mir, mit dem von mir Geschafften bin, Tage, die ich wie einen dichten Nebel vom besten Waschküchenformat durchschleiche. Sie lassen sich nicht vorersagen, nicht vorausahnen; und ei lassen sich auch nicht oder nur sehr selten von mir in ihrem Lauf beeinflussen, beschleunigen. Jedenfalls schaffe ich das nicht zuverlässig. Zwei oder drei Tage nach einem so entglittenen Tag ist er aus meinem Gedächtnis mit all seinen trotzdem stattgefundenen Ereignissen verschwunden, es bleibt mir höchstens eine Ahnung davon, daß da ein Tag war, vielleicht ein Dienstag oder ein Donnerstag, jedenfalls irgendetwas vor dem Vorgestern.

Verschwunden. Weg. Ein ganzer Tag.

Wohin aber verschwinden diese entglittenen Tage? Nirgendwohin, bin ich versucht zu antworten, denn sie sind nicht weg, nur … woanders. Sie bleiben nämlich, für immer und alle Zeit Teil meiner gelebten Vergangenheit. Niemals kann ich einen entglittenen Tag, einen so wenig gefüllten Tag (denn das ist es, was mich ihn als “entglitten” wahrnehmen läßt: mir ist absolut nicht mehr gegenwärtig, womit dieser Tag angefüllt war) einfach so wieder hernehmen und füllen, “besser” füllen. Doch ich kann manchmal, wenn ich auf meine Kladden und die Blogs und die Kassenzettel u.v.m. zuhilfe nehme, ihn wie ein Photo eines Gemäldes aus einem Museumsmagazin betrachten, ansehen, meine Erinnerung an ihn verstärken für den Betrachtungsaugenblick. Kurz danach ist wieder alles weg, als wäre der Tag nie dagewesen. Leider funktioniert das mit den verlorenen Tagen nur äußerst selten, obwohl die Möglichkeit dazu prinzipiell vorhanden wäre.

Aber wieso schreibe ich jetzt von “verlorenen” Tagen? Sie sind doch nicht verloren. Keiner meiner Tage ist verloren, nicht einer. Und war er noch so düster, noch so waschküchenvernebelt. Immer nur volle und reiche Tage: Ich könnte das nicht ertragen. Ich brauche leise Zeiten, Ruhe, dieses Abwesendsein an den entglittenen Tagen. Und doch nannte ich sie eben “verloren”. Das ist doch … Doof. Doof ist das. Doof ist, daß auch ich so weit in diesem Leistung!-Hamsterrad stecke, oder?

 

Jetzt ist mir zwar nicht der Tag, aber der Faden entglitten. Da waren am Anfang des Aufschreibens noch Ideen von parallelen Vergangenheiten, verzweigenden, divergierenden Zukünften und Entglittene-Tage-Lagerstätten auf Einnerungsmonden in meinem Kopf. Die gingen, als ich plötzlich an “verlorene” Tage dachte, in den Untergrundspeicher für vernachlässigte Ideen, von wo aus sie irgendwann wieder auftauchen werden. Irgendwann mitten in einer Nacht …

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 20.01.2017 waren nette Unterhaltungen im Sender, viel Geschriebenes, elf bearbeitete Alben fürs Musikarchiv, der Buchfink.
 
Die Tageskarte für morgen ist XX – das Gericht.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

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6 Antworten zu Taggedachtes und -vergessenes (2017: 020)

  1. puzzleblume schreibt:

    Sich in etwas zu verlieren kann ja auch eine Erweiterung des Erlebens bedeuten, nur dem Begutachten entzogen.

    Gefällt mir

  2. eckstein schreibt:

    und wenn diese tage einzig dazu dienen, dich zu entleeren, zu erden? dann wären sie sogar nützlich.
    meine verloren tage (die deiner beschreibung nahe sind) dienen zum erden. mich zu erden, zu leeren, damit wieder platz ist für gefüllte tage.

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  3. Madame Filigran schreibt:

    Als Trost sage ich mir, daß an diesen entschwundenen Tagen unbemerkt etwas in mir passiert, denn woher sonst sollten die Ideen kommen, die sich an den vollen Tagen zeigen. Im Winter, wenn in der Natur jeder Tag unter seiner schweigenden Schneedecke gleich erscheint, passiert im Verborgenen auch so viel, das den Frühling erst möglich macht.

    Gefällt 1 Person

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