Gefundene Heimat (2017: 023)

Es geht mir wohl auch so.

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Wo seine Heimat ist, wollten die von ihm wissen. SEINE HEIMAT!

Seine Heimat?

Aber das wußte er doch nicht! Sie, also seine Eltern, seine Geschwister und er, sie waren ja immer unterwegs mit ihrem Wagen und dem Auto. Sie blieben nirgends lange genug, waren nie so lang an einem Ort, daß er eines von den vielen Dörfern hätte als Heimat bezeichnen wollen. Am Abend lag er, müde und doch lange wach, in seinem Bett und dachte nach über die Reisen in seiner Kindheit. Und über – zum Beispiel – Freunde … Woher denn, wenn sie immer nur kurze Zeit an einem Ort waren? Obwohl: In dem einen Sommer, als ihre ganzen Familien mit den Wagen am Seeufer standen, da hatte er wahrscheinlich etwas ähnliches wie einen Freund. Es kam jeden Nachmittag ein Kater zu ihm – ein schöner Kater, getigert, mit kohlrabenschwarzer Schwanzspitze –, saß mit ihm am Ufer im Sand oder bei Regen unter dem Vorzelt, schmuste und schnurrte, wenn er ihn kraulte. Ein Kater. War dort am See seine Heimat, da, wo er vor vielen Jahren mit dem Kater saß?

Er war müde. Der Tag hatte ihn angestrengt. Wie jeder andere Tag hier. Wenn er zur Tür hinausging, war er nicht unter freiem Himmel wie vor seinem Wohnwagen. Nur Flure, Gänge, Treppen, Aufzüge, Türen. Unendlich viele Türen zu unendlich vielen Zimmern mit unendlich vielen Schicksalen dahinter. Keines dieser Zimmer aber, kein Flur, keine Treppe waren je ein Zuhause, eine Heimat. Und immer sind da die, die ständig etwas von ihm wissen wollen. Seine Augen wurden schwer und schlossen sich gerade, da fiel ihm ein, wo seine Heimat tatsächlich ist und immer war. Dort, wo die Mundart der Kindheit, der Dialekt aus der Zeit des Aufwachsens gesprochen wurde und wird, dort ist Heimat. “Is werd aah Zeit, dös iech schloofn kah, raacht mied bie iech aangtlich schu zelang.”

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 23.01.2017 war elf Stunden Schlaf (elf Stunden!), etwas Ausgeräumtes, etwas Eingepacktes und doch Aufgeschobenes.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Sechs der Stäbe.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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6 Antworten zu Gefundene Heimat (2017: 023)

  1. Aus welchem Buch stammt das denn? So schön, daß du immer eine Tarotkarte für den nächsten Tag ziehst! Liebe Grüße!

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  2. Sofasophia schreibt:

    Feine Gedanken. Das mit dem Dialekt ist aber so eine Sache. Meine Herzheimat(sprache) ist im Kanton Bern, nicht im Aargau, wo ich aufgewachsen bin. Obwohl ich hier am „ungeschliffensten“ spreche. Hm.
    11 Std?! Wow! 😉

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  3. Elvira schreibt:

    Nach 11h Schlaf wäre ich absolut gerädert und zu nichts zu gebrauchen.

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