Ablenkender Vergleich (2017: 032)

Ablenkung bei Erschöpfung

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Schlapp. Ausgelaugt. Erschöpft. Überfordert? Nein. Aber Kondition wie ein luftloser Fahrradschlauch. Gestern und heute war ich … ja, mit Bewerbungen beschäftigt. Und nun hab ich tatsächlich Schiß, daß mich einer einstellen will. Vielleicht auch noch einer, bei dem ich mich nur beworben habe, weil das Verfolgungsbetreuungsamt das von mir verlangte. Waaaaah. Da ist es wieder, dieses Phänomen “Zwang”, das mir heftigste Bauchschmerzen bereitet. Ich habe die letzten beiden Nächte wirklich nicht gut geschlafen. Im Kopf dreht sich das Gedankenkarussell über die Phantasieachterbahn. Und zwar im Sturz nach unten. Von ganz oben. Hinab.

Das Leben muß trotzdem so normal als möglich weitergehen. Mit Treppensteigen täglich ein- bis zweimal, mit Kaffee und Musikarchiv und Schreiben und Haushalt und diesem und jenem … Mit Lesen zum Beispiel.

Zur Zeit habe ich unter anderem Jules Vernes “Geheimnisvolle Insel” in der Mache. Wie schwierig das doch in dieser alten Ausgabe zu lesen ist, mit so ungewohnt viel wörtlicher Rede und den Anführungszeichen vor und nach einem Dialog und überlangen Doppelgeviertstrichen dazwischen … Echt. Das macht es gerade schweirig für mich, der Handlung zu folgen. Wurde der Text wirklich so heftig überarbeitet in den letzten 100 Jahren? Der gerade vor mir liegende Band stammt wahrscheinlich aus der Sonnen-Ausgabe von A. Hartleben’s Verlag: Die Collection Verne (1874 &ndash: 1911), die zwischen 1890 und 1905 vertrieben wurde (geprägter grauer Leineneinband, Vorsatzbild, 5. Auflage). Die Seitenzahlen stehen oben auf den Seiten, gefaßt ebenfalls von Doppeltgeviertstrichen. Was noch auffällt, ist die Nichtverwendung von Ligaturen, die im Fraktursatz und -druck doch üblich waren? Deutlich zu erkennen sind nur die des tz und des ch, aber bei st und ff und tt und ſſusw. vermisse ich sie. Sonderbar. Liebe Setzer und Drucker, waren die vielleicht doch nicht üblich? Habe ich etwas Falsches gelernt? Und kann es wirklich sein, daß das Fehlen dieser Ligaturen meinen Lesefluß so sehr hemmt?

Es ist ein gutes Gefühl, altes Papier in den Händen zu halten, die feingeschnittenen Lettern mit ihren verschiedenen Strichstärken mit den Augen zu streicheln. Nein, kein Computerdruck kann mit einem sauberen Bleisatz aus Frakturlettern mithalten. Ich habe extra eine wirklich starke Lupe genommen und die Sauberkeit der Drucke dieses Buches und eines sehr neuen Buchs verglichen; es kann natürlich auch am verwendeten Papier liegen, das mir in der moderneren Variante sehr viel faseriger erscheint als das hundertjährige … Auch auf dem Dünndruckpapier meiner Uraltbibel scheint das Schriftbild wesentlich sauberer … Das kann doch aber nicht sein, denn mit der alten Technik konnte doch nicht so viel sauberer gearbeitet werden wie mit der heutigen Computertechnik, die alles millionenfach absolut identisch kopieren kann? Oder ist die heutige Technik am Ende doch nicht so überlegen?

Fragen tun sich auf, wenn ich so überanstrengt mich abzulenken versuche …

Fazit: Ich bleibe dabei. Es geht nichts über einen sauberen Bleisatz.

<seufzend ab>

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 01.02.2017 waren ein Brief und seine Beantwortung, Lob für den Buchfink, neue Musik.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Drei der Stäbe.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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4 Antworten zu Ablenkender Vergleich (2017: 032)

  1. iris schreibt:

    oh, Bewerbungen. Da kämpfe ich auch gerade mit, wenn auch – zu meinem Glück – amtslos. In diesem Sinne: Meine Anteilnahme!

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  2. Gudrun schreibt:

    Ach Emil, in einem ordentlichen Layoutprogramm, wo man exakt die Zeichen- und Zeilenabstände und die Registerhaltigkeit bestimmen kann, mit Schriftarten in verschiedenen Schriftschnitten, wo kursiv eben nicht einfach schräg gestellt ist usw., bekommt man ein excellentes Schriftbild hin.
    Ich verstehe deine Verehrung für den Bleisatz, aber man muss ihm nicht nachweinen.
    Schön ist es sicher, das mal selber zu probieren, weil man sich ein bissel wie Gutenberg fühlt. Aber der hat seine Lettern auch noch selber geschnitten.

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  3. Elvira schreibt:

    Was das Schriftbild angeht, kann ich mir kein Urteil erlauben. Ich habe mir darüber noch nie Gedanken gemacht. Deine Gefühle den Zwang betreffend hingegen sehr. Ich werde die Zeit der Zwangsverwaltung nie vergessen. Es traf meinen Mann, der dadurch seiner Gesundheit beraubt wurde. Für Dich kann ich mir nur Selbständigkeit vorstellen.

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