Unterwegs (2017: 054)

Wasserreiche Hinausblicke

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Es bleibt mir für Stunden nicht viel mehr zu tun, als aus dem Fenster zu blicken und die zum Teil schon über ihre Ufer getretenen Flüsse anzusehen, wie die Saale bei Saalfeld zum Beispiel. Mit wütendem Schaum drischt sie über ein Wehr. An den Waldrändern finden sich trotz aller Frühlingshaftigkeit noch immer ein paar wenige Schneereste. Vom Sturm, der heute übers Land ziehen soll, ist hier nichts zu sehen. Vorbei geht es an alten Fachwerkbahnhofsnebengebäuden, deren Anblick mich in seinem fortgeschrittenen Verfallsstadium erschrickt: Da sind nicht nur Fenster leer oder Dächer eingestürzt, da sind auch Schmierfitti dran und Müllberge liegen davor oder quellen aus ihnen heraus.

Ein übervoller Mühlgraben verschwindet hinter einem Haus, von dem ich nicht erkennen kann, was es einmal war: Loh- oder Getreidemühle, Pochwerk? In einem kleinen Städtchen mit einigen alten Häusern und vielen neuen “Eigenheimen” steht neben der traditionellen Kirche im Zentrum noch ein weißes hochmodernes Betonkirchenungeheuer in einer Hangsiedlung am Rande. Komplett schieferverkleidete Häuser wechseln sich mit aufgelassenen Bahnwärterhäuschen an der Strecke ab. Gewässer sind schmaler, schneller; die Schneeflecken größer. Ganze Wiesen sind komplett durchnäßt.

Wahrscheinlich hat der Zug eine Wasserscheide überquert auf seiner Faht nach Südwesten. Denn plötzlich fließen die Gewässer nicht mehr gen Norden, sondern in Fahrtrichtung. Sie werden größer, sind immernoch voller als voll und nehmen bei jeder sich beitenden Gelegenheiten an ihren Ufern liegende Wiesen und Wege in Besitz. Ein kleiner Holzsteg ist am aus dem Wasser ragenden Geläner zu erahnen und an der Welle, die das Wasser über ihn schlägt. Manche Parkplätze in den Gewerbegebieten am Rande der Orte sind größer als das zugehörige Betriebsgelände und stehen voller Autos, in denen jeweils nur eine Person über weite Wege zur “Arbeit” fuhr.

Foliengewächshäuser. Und schon verschiedenes Saatgrün auf Feldern. Durch ein offenes Hoftor ist im Vorbeihuschen ein heftig Tätowierter mit freiem Oberkörper zu sehen, der im Sonnenschein Holz hackt. Direkt neben dem Gehöft ist wieder eine große Wiese überschwemmt. Ein alter Traktor steht steht bis zur Hinterachse im fließenden Naß; ob er nach diesem Bad wieder funktionieren wird, frage ich mich, und sehe das rostig grüne Gefährt schon unter Schweißbrennern Funken versprühen. Aluschachtelwerkhallen und Wochenendgrundstücke liegen in der Nachmittagssonne. Das grüne halbkugelüberkuppelte runde Ding ist kein Atomkraftwerksreaktor, aber wahrscheinlich eine Biogasanlage.

Wieder riesige überschwemmte Flächen neben einem eingedeichten Fluß, dessen Namen ich nicht kenne. Der Wald rechts und links des Bahndamms steht unter Wasser. Auf Teichen sind noch Reste der Eisflächen sichtbar. Kurz vor Lichtenfels – ich muß später einmal nachsehen, welcher Fluß das ist. Moment: Hier im Zug gibt es doch Internet, also schnell mal einen Blick auf Openstreetmap geworfen. Siehe da, das raumgreifende Flußbett gehört zum Main. Da wird der Neckar wohl auch ziemlich viel Wasser führen … Nürnberg würde ich gerne wieder einmal für ein paar Tage besuchen, fällt mir ein, während ich auf dem Bahnsteig hektisch eine Zigarette rauche.

Unzählige Fahrräder stehen an einem im Unmbau befindlichen Bahnhof, der “Elektro-Müller” heißt, einer verblassenden Aufschrift auf unverputztem Ziegelmauerwerk zufolge. Und endlich rollt der Zug zwischen diesen hochmodernen, wunderschönen grauen Wänden, die hier – oh Wunder! – noch nicht besprüht sind. Ein hochästhetischer Anblick vor dem Fenster, der nicht so chaotisch und verwirrend ist wie diese kaum berührte Natur in den Tälern bisher. Wie schlimm müssen Reisen in der Vorschallschutzwandzeit für die Menschen gewesen sein, als noch bei 30 km/h die Befürchtung des Geschwindigkeitswahnsinns Stand der Wissenschaft war.

Dann braune Tiere auf einer Wiese, fernab, vor einem Wald. Ich kann nicht erkennen, ob das Rehe sind oder Ziegen, auch einen Zaun sehe ich nicht. Doch die Vorstellung von Ziegen gefällt mir wesentlich besser. Ich mag diese Tiere, die ich aus dem Heimatdorf sogar noch als Bergmannskuh kenne. Ziegen am Waldrand hinter überschwemmten Wiesen im Sonnenschein.

 

Grad frag ich mich, wieso ich hier, im neuen Zug, überhaupt ausgepackt habe, denn bald, in 30 min muß ich wieder aussteigen und vorher irgedwie alles verstaut haben.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 23.02.2017 waren geschaffte Anschlüsse, gesehene Landschaft, getroffene Menschen und viele nette kurze Mitreisendengespräche, am Ziel erwartet werden, Reden.
 
Die Tageskarte für morgen ist VII – Der Wagen.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

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3 Antworten zu Unterwegs (2017: 054)

  1. Medienkanzler schreibt:

    Hey Emil, mächtig sprachgewaltig! Ich hoffe, Du hast am Ende alles noch gut verstaut.

    Gefällt 1 Person

  2. sunnymoeller schreibt:

    Großartig geschrieben, Emil!!! <3

    Gefällt 1 Person

  3. Ulli schreibt:

    ich danke dir für diese Reise-
    Müll und Geschmier, das ist grad so ein Thema, das sich Raum nimmt, es wird Zeit! Für so vieles…
    herzlichst
    Ulli

    Gefällt 1 Person

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