Schreibdruck (2017: 063)

Und dann Verwirrung.

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Da saß er vor seinem Computer, starrte das leere Dokument an und nippte nervös an seinem kaltgewordenen Kaffee. Die Notizen für den Text, der in zwei Stunden eingereicht sein sollte, waren unaufindbar, das Notizbuch verschwunden. Er fragte sich seit Sunden, wo er es liegenließ, wann er es verloren haben könnte, wo dazu die Möglichkeit bestand. Ihm fiel nichts ein. Rächte sich jetzt, daß er seit einiger Zeit alles nur noch in ein einziges Heft schrieb, also Privates, sehr Intimes und auch alle Ideen und alles Material für seine Texte? Er war es einfach leid gewesen, ständig drei verschiedene Notizbücher herumzutragen. Jetzt hatte er noch zwei Stunden, um den in den letzten drei Tagen fast fertiggeschriebenen Text aus seinem Gedächtnis neu zu formulieren. Abtippen hätte etwa dreißg Minuten gedauert. Wieso hat er entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten nicht gleich jeden Abend das Gescheibsel in den Computer übertragen?

Also von vorn: Da war diese Busfahrerin, nein: Taxifahrerin. Die, die nur Nachtschichten fährt. Er hatte sich auf einer seiner Fahrten vom Bahnhof hier heraus ins Dorf angenehm unterhalten mit ihr. Nein, sie hatte gesprochen. Nur sie. Er warf nur ab und zu ein “aha” oder “soso” oder “wirklich” dazwischen. Jedenfalls drehte sie auf dieser Fahrt das Klischee um, daß Taxifahrer wie Friseure oder Barfrauen von den Gästen zugetextet werden, mit geschäftlichen und intimen Geschichten von Erfolg und Scheitern, mit Gefühlsausbrüchen und Heiratsanträgen. Nun, zu letzterem war es nicht gekommen, aber er erinnert sich auch daran, daß die Fahrt viel länger dauerte als sonst, obwohl sie kürzer gewesen zu sein schien. Und an ihre beiläufige Handbewegung, mit der sie nach dem normalen Fahrpreis das Taxameter abschaltete. Was hatte sie ihm alles erzählt? Sie begann mit … mit der Scheidung ihrer Tochter, nein, ihres Vaters. Oder doch mit der Geburt ihres Enkels? So alt hätte er sie auch nicht geschätzt, mit ihren roten Locken und den Sommersprossen. Dann war da auch der Auzug eines Kindes in der vergangenen Woche, aber ob Tochter oder Sohn, das hatte er wirklich vergessen.

Es klingelte. Ausgerechnet in dem Moment, da die Worte zu fließen begannen. Es klingelte mehrfach. Als er mißgestimmt die Tür öffnet, hiellt seine Nachbarin ihm sein Notizbuch unter die Nase. Er habe es vorhin bei ihr liegenlassen, als er ihr den Zugang zu seinem WLAN gab. Ja, den WLAN-Schlüssel hatte er auch darin notiert. Und diese junge Frau, vor einer knappen Woche eingezogen, hatte ihn am Nachmittag schüchtern gebeten, ob sie vielleicht, weil sie seinen Namen in der Liste der WLANs gesehen hätte, so unter Nachbarn … Er konnte nicht nein sagen. Er bedankte sich mit einem Blick auf seine Uhr, noch eine Stunde Zeit für den Text. “Ach ja, sie haben ja nur die Mittelwohnung mit Dusche. Falls Sie mal Lust haben auf ein Bad in der Wanne: Sie sind herzlich eingeladen.” Und hastig fügte er errötend hinzu: “Natürlich ohne jede Verpflichtung. Und bitte nicht jetzt sofort, ich habe noch eine knappe Stunde zu arbeiten.” Lächelnd antwortete sie: “Danke. Dann vielleicht in zwei Stunden? Ich bringe einen Rotwein mit, wenn ich darf.” Sie drehte sich so schnell um, daß ihre Haare aufschwangen und zwinkerte ihm, schon in ihrer Wohnung stehend, über die Schulter nocheinmal zu. “Und nach meinem Bad können wir ja über meine Mutter sprechen.”

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 04.03.2017 waren gute Ideen, Fortschritte beim Einlesen, ein sehr angenehmes Treffen.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Zwei der Schwerter.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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3 Antworten zu Schreibdruck (2017: 063)

  1. Clara HH schreibt:

    Schön zu lesen, du entwickelst dich noch zum Charmeur, was ja nicht das schlechteste ist.

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  2. wildgans schreibt:

    Notizheftsachen. Nachbarinnen, neu, verheißungsvoll vielleicht, ganz heftig gute Möglichkeiten…

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    • Der Emil schreibt:

      Danke.

      Und wenn ich nur wüßte, was da alles noch geschehen wird … Ich hab ja noch nichtmal ’ne Ahnung, was das mit ihrer Mutter heißen sollte (Straßenbahnspontankritzeltext).

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