Einfach ansprechen (2017: 073)

Teilfiktional

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Sie steht vorm Einkaufszentrum am Rand des Weges, mit zwei vollen, großen Einkaufstüten. Die gesteppte Daunenjacke etwas zu groß, etwas zu alt, etwas zu schäbig, für das Wetter auch zu warm. Niemand spricht sie an, sie spricht niemanden an, niemals, an keinem einzigen Tag. Und sie steht jeden Tag da mit ihren zwei Tüten. Ich habe sie schon oft gesehen, aber ihre Stimme habe ich noch nie gehört. Wahrscheinlich hat noch nie irgendjemand von denen, die Tag für Tag an ihr vorübergehen, ein Wort von ihr gehört. Sie bettelt auch nicht. Nun ja, die strähnig-fettigen Haare stoßen vielleicht viele ab oder ihre wirklich schlechten Zähne, die nur in den seltenen Momenten zu sehen sind, da sie ihr Gesicht zur Sonne wendet und lächelt.

Was hätte sie wohl zu erzählen, die Frau unbestimmbaren ALters mit den zwei vollen, großen Einkaufstüten und den zerschlissenen Moonboots, die sie auch im vergangenen Sommer schon trug. Gäbe sie überhaupt Antworten? Das käme aller Wahrscheinlichkeit nach auch auf die Fragen an, die ihr gestellt werden würden und auf die Fragestellerin, denke ich und nehme mir vor, morgen wenigstens einen “Guten Tag” zu wünschen. Also falls sie mich ansieht und nicht wie immer nur zu Boden schaut, wenn jemand sie im Vorbeigehen wahrzunehmen droht. Direkt am Wegrand hat sich die Frau mit den zwei vollen, großen Einkaufstüten ziemlich konsequent aus aller Gesellschaft zurückgezogen – oder wurde sie irgendwann und wird sie ausgeschlossen?

Ist es unsere, ist es meine Aufgabe, das zu ändern? Nein, sicher nicht. Aber es ist … ja, es ist mein Wunsch, wenigstens einen solchen Versuch zu starten. In der Hoffnung, daß es bei mir irgendwann auch einmal jemand versuchen wird …

 

 

Etwas Wahrheit steckt darinnen, klar. Doch das Einkaufszentrum und diese Frau, über die hier geschrieben ist, gibt es so natürlich nicht. Und also kann ich diese Frau auch nicht ansprechen, sie nichteinmal grüßen.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 14.03.2017 waren sehr angenehme Telefonate, erledigter Papierkram, eine gute Nachricht, Fabulieren.
 
Die Tageskarte für morgen ist XIX – Die Sonne.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

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4 Antworten zu Einfach ansprechen (2017: 073)

  1. petra ulbrich schreibt:

    Wie wäre es eine andere Frau oder einen anderen Mann anzusprechen? Meine Erfahrung ist, dass das ankommt. Hier in der nahen Großstadt ist eine Frau unbestimmten Alters, die an immer der gleichen Stelle steht – ab und zu reden wir ein paar Worte miteinander und es tut uns beiden gut.

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  2. Medienkanzler schreibt:

    Wünsche Dir einen Guten Tag, alter Fabulator!

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