Kleine Abweichung von der Gewohnheit (2017: 079)

Großes Katastrophendenkspiel

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Am Abend wollte sie mir noch einige Dinge schicken. Und mit mir reden über das nächste Wochenende, das sie geplant hat und auf das sie sich freut. Erst am Abend, weil es am Nachmittag diesen unangenehmen Besuch gab bei den Menschen, die ihr noch immer vorschreiben wollen, wie sie zu leben habe. Es war und ist ihr allerdings unmöglich, diesen Kontakt abzubrechen, sich komplett zurückzuziehen: Die Besuche sind leider unumgänglich, unvermeidlich. Seit die fiese Krankheit dort einzog, wurde das Verhältnis nur immer noch schlechter: Es blieben nur Forderungen nach ihrem Verständnis, ihrer Unterstützung, und Vorwürfe, Abrede, Abwertung ihres Lebens. Jetzt war es wiedereinmal das Quentchen zuviel, das ihr zu schaffen machte und den Lebensmut und beinahe alle Kraft raubte.

Am Abend aber war Funkstille. Als ich lange genug gewartet hatte, versuchte ich sie zu erreichen. Nachrichten kamen an, wurden aber nicht beantwortet. Gut, sie schläft also noch nicht (denn sie schaltet ihr Smartfon nachts ab). Eine Stunde später nochmal dasselbe. Zwei Stunden später, noch immer nicht zur absoluten Unzeit, versuchte ich, sie anzurufen. Es klingelte, lange, dann war der Anrufbeantworter dran. Bis zu diesem Moment vermutete ich, sie sei nur in der Badewanne eingeschlafen. Aber nach zwei Stunden im Wasser ist das eiskalt, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, und in kaltem Wasser weiterzuschlafen gehört weder zu meinen noch zu ihren Fähigkeiten. Für andere vielleicht noch immer kein Grund, sich Sorgen zu machen – aber sie … Ja, sie ist überlastet, depressiv, und sie äußert immer wieder die Absicht, der Welt ihre zukünftige Existenz zu ersparen. Alle Alarmglocken läuteten bei mir.

Aber außer der Anschrift und dieser einen Telefonnummer hatte ich keine Möglichkeit, über 200 km hinweg etwas zu unternehmen. Einseinsnull oder einseinszwei hielt ich (noch) für übertrieben, also blieb mir nur, eine letzte Nachricht zu schreiben und um einen erlösenden Anruf zu bitten – egal zu welcher Zeit. Denn es war wirklich ungewöhnlich, daß das Telefon nicht abgeschaltet wurde. Wenn sie mich sonst »vergißt«, ist’s nämlich nicht so; ihre Gewohnheiten sind das Gerüst, daß ihr Leben bestimmt, sie leben läßt. Ich kenne das ja aus eigener Erfahrung. Deshalb machte ich mir wirklich viele Sorgen, die mich lange am Einschlafen hinderten. Denn was wird aus den Kindern, wenn doch …?

Entfernung und Schweigen und Ungewißheit sind Arschlöcher, wenn sie durch eine kleine Änderung des Verhaltens, einen kleinen Ausbruch aus den allzu festgefügten Gewohnheiten ins Unermeßliche wachsen. Eine erlösenden Nachricht am frühen Morgen macht das auch nur zum Teil wieder gut.

 

 

Soetwas ist so nicht geschehen. Es ist aus vielen kleinen Begebenheiten zusammengesetzt, über die ich gelesen habe, die ich erlebte, die ich mir irgendwann zusammenkatastrophisierte. Familiengeschichten. Beziehungsdramen. Depressive Episoden. Borderlineschübe. Vergessene Telefone. Gehackte Mailaccounts. Gedankenlosigkeit. All das steckt in dieser Phantasie, die seit einiger Zeit in einer Kladde schlummerte. Und jetzt erst gab es hier einen Schubs und da einen, und plötzlich finde ich ihn doch … erzählenswert.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 20.03.2017 waren die Überwindung, eine Meldung.
 
Die Tageskarte für morgen ist der Ritter der Schwerter.

© 2017 – Der Emil. Text & Bilder unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

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5 Antworten zu Kleine Abweichung von der Gewohnheit (2017: 079)

  1. petra ulbrich schreibt:

    Uuups – harter Tobak. Aber gut geschrieben.

    Gefällt 1 Person

  2. Sofasophia schreibt:

    Ooooh, das hat jetzt ganz gegänsehautet. Puh. Zum Glück nur fiktiv, obwohl es so sein könnte.

    Gefällt 1 Person

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