Vertrauen (2017: 090)

Ein sehr merkwürdiges Ding.

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Heutzutage treffe ich sehr oft Situationen an, in denen Menschen ihrem Gegenüber oder anderen Menschen grundsätzlich nur “Schlechtes” zutrauen (der südländisch aussehende Mensch muß kriminell sein, der Nachbar geht mit einem BGE nicht mehr arbeiten, der Mann am Spielplatz ist ein Kinderschänder, der Obdachlose säuft oder nimmt andere Drogen usw. usf.). Ich habe das aus meiner Vergangenheit anders in Erinnerung. Selbst in der DDR, wo doch jeder zweite ein Stasi-Spitzel war (ich übertreibe bewußt), vertrauten sich die Menschen zunächst, jedenfalls viel, viel häufiger als heute, und unterstellten nicht von vorneherein unlautere Absichten. Mich verwundert das immer öfter, denn ich weiß nicht, wann und wieso sich das so gravierend ändern konnte. Wie können denn Menschen heute und in Zukunft noch miteinander leben, wenn sie sich nicht mehr vertrauen? Das ist ja sogar bei Pärchen zu sehen: da schnüffelt sie in seinem Handy und er auf ihrem fakebock-Profil …

Vertrauen also in den Menschen mir gegenüber, und zwar unabhängig davon, wie der aussieht, unabhängig vom zu überbrückenden Weg zwischen uns und der dazu genutzten Technik. Vieles hängt schon ab von meiner Benennung des Gegenüber. Nenne ich ihn Asylant, Jobcentermitarbeiter, Gerichtsvollzieher, Nazi, Muslim – oder bleibe ich bei Weib und Mann, Frau und Herr oder einfach nur Mensch? Für mich ist das Vertrauen etwas absolut Notwendiges! Und deshalb trete ich auch jedem mit einem Urvertrauen oder Grundvertrauen gegenüber: ein Vorschuß, der sehr schnell aufgezehrt sein kann – manchmal reicht da eine einzige unbedachte Geste, ein unerwartetes Wort. Und trotzdem glaube ich zunächst an das Gute im Menschen, vertraue ihm. Wenn mir dann (vielleicht im Gegenzug?) Vertrauen geschenkt, entgegengebracht wird, dann nehme ich das als Geschenk wahr. Manchmal als kleines, manchmal als sehr großes, je nachdem, wie sich dieses Vertauen zeigt. Ja, in den allermeisten Fällen empfinde ich mir solches Vertrauen mir gegenüber als Vorschuß, den ich gerne zurückgebe.

Was dieses Vertrauen ist? Nun, die Hoffnung/Erwartung/Annahme, daß Menschen mir menschlich und freundlich und ohne Argwohn und ohne Falsch begegnen, so wie ich ihnen auch begegne. Daß wir nicht den anderen übervorteilen, daß wir nicht Intrigen spinnen und Geringschätzung meisterhaft verbergen. Auch Verschwiegenheit und Zuverlässigkeit, Verläßlichkeit gehören zu den Dingen dazu. Aber Vertrauen kann ich nicht fordern, nicht erzwingen – vielleicht hat es für mich deshalb immer den Geschenkcharakter. Im Internet bin ich mißtrauisch, vertraue ich (insbesondere Websites) kaum; aber Personen (die hinter einem Account stehen zB), Personen schenke ich mein Vertrauen recht schnell, eigentlich von Anfang an. Blauäugig sei ich, wurde mir deshalb schon unterstellt. Das aber kann ich wahrheitsgemäß bestreiten. Meine Augen sind grün-grau.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 31.03.2017 waren endlich gekauftes Seil für ein Cingulum, leckeres Bier zum gelungenen Buchfink.
 
Die Tageskarte für morgen ist der Bube der Schwerter.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

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2 Antworten zu Vertrauen (2017: 090)

  1. Sofasophia schreibt:

    Ich bin beides. Pauschal misstrauisch, im einzelnen vertrauensselig.
    Aber doch eher zweiteres.
    Woher der Wandel kommt? Weil wir soo viel Negatives sehen und hören und hochrechnen und glauben?

    Gefällt 3 Personen

  2. Clara HH schreibt:

    Schön sagst du das mit den nicht-blauen Augen. Bei deinem letzten Absatz habe ich Nick-Attacken bekommen, da es mir überwiegend auch so geht – dennoch bin ich schon einige Male kräftig in den Fettnapf getreten.
    Jetzt musste ich erst einmal „Cingulum“ nachschlagen.
    Lasse es dir gut gehen!

    Gefällt 1 Person

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