Olle Kamellen (2017: 092)

Ich und ich und er und nicht ich.

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Ich sitze zuhause daran, endlich mein Kliniktagebuch vollständig abzutippen und bin gerade beim Reformationstag 2011. In der Nacht auf diesen waren drei Menschen bei mir in der Wohnung zu Gast. Zwei Kinder auf Luftmatratzen, Gespräche im Bad, um keines der Mädchen zu wecken … Damals begann eine Zeit mit ihr, eine schöne Zeit, die nicht hätte enden müssen, wenn es nach mir gegangen wäre. Und mittlerweile hätten die Kinder fünf Jahre Zeit gehabt, sich an mich und meine Marotten, sich an uns zu gewöhnen. Manchmal trauere ich dem noch nach, aber das ist nur eines der Dinge, die seitdem nicht geschahen.

Wenn ich diese alten Texte lese und vor allem davon lese, daß ich mich verschwinden lassen sollte und wieder der Ausweismensch sein sollte, nicht mehr Der Emil sein, sondern nur noch dieser andere, den ich verschwinden lassen mußte um zu überleben … Dann wundere ich mich, wie ich damals so einverstanden sein konnte damit. Wie es möglich war, mir das als erstrebenswertes Ziel vorzustellen. Wie ich zur Überzeugung gelangen konnte, daß das und nur das mir beim Weiterleben ohne Depression hilfreich sein könnte. Ich war mir scheinbar sehr sicher. Oder war ich es doch nicht und habe die Therapeuten und mich (mehr oder weniger bewußt) angelogen? Denn es gelang mir nicht, der Ausweismensch zu werden. Ich lehne ihn nicht mehr kategorisch ab, akzeptiere, daß er ein Teil von mir war und ist. Doch ich bin noch immer Der Emil und niemand anderes weniger als Frank.

Heute könnte ich das gleich gar nicht mehr. Nein, Der Emil wird nicht verschwinden. Und der andere nicht wiederkommen. Ich bin ich und nicht der aus meiner Vergangenheit, im ganzen Gegenteil zu meinem 2011er Versprecher in der Tagesklinik.

 

Ja, das beschäftigt mich gerade sehr. Aber ich schaffe das.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 02.04.2017 waren Gekochtes, Dialoge, Erinnerungen.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Sechs der Stäbe.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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7 Antworten zu Olle Kamellen (2017: 092)

  1. petra ulbrich schreibt:

    Ich wünsche dir, dass du das schaffst. Ich danke dir für deine Offenheit.

    Gefällt 3 Personen

  2. alltagschrott.ch schreibt:

    Das sind blöde Momente… viel Kraft wünsche ich Dir.
    Liebe Grüße. Priska

    Gefällt 1 Person

  3. dergl schreibt:

    Lieber Emil, Frank bedeutet „der Ehrliche“, es gibt das auch im Englischen als Eigenschaftswort „being frank“ (ehrlich sein), „frankly spoken“ (ehrlich gesagt). Das heißt auch wenn du in keinerweise mehr der Ausweismensch bist und das nie wieder sein kannst und der Name als Name nicht mehr zu dir gehört, dann stimmt es im Sinne der Eigenschaft dennoch, denn um das zu erkennen was du beschreibst braucht es sehr viel Ehrlichkeit.

    Verstehst du was ich meine?

    Ich glaube, manchmal machen Eltern so etwas unbewusst. Sie geben ihrem Kind einen Namen mit dem der Mensch, der das Kind einmal wird keinerlei Identifikation hat und gerade deshalb trifft aber die Bedeutung auf den Menschen zu. Bei mir ist das auch so. Mir wurde ein Name gegeben, der „Der Eigenständige“ oder je nach Quelle „Der Freie“ bedeutet (in einer männlichen Form, heute kannst du Mädchen auf den exakten Namen so nennen, damals eigentlich nicht, ich war eine Ausnahme), und wer ist die einzige in meiner Familie, die erstens gegangen ist und nicht mehr mitspielt und ihr Leben gebacken kriegt ohne sich alles vorkauen zu lassen? – Richtig, ich. Frau Sowieso Nachname, an die die Post kommt bin ich trotzdem nicht. Es weiß auch kaum einer wie ich wirklich heiße. Ich glaube, ich komme familienextern auf zwei Leute, die wissen woher mein Rufname sich ableitet.

    Gefällt 2 Personen

    • Der Emil schreibt:

      Es ist nicht „nur“ der Name … Ich habe mit ihm das alte Leben abgestreift, soweit das möglich war. EIn Leben, in das ich nicht mehr paßte …

      Und ja, ich verstehe tatsächlich ;-)

      Gefällt 1 Person

      • dergl schreibt:

        Auch das kann ich nachvollziehen, war bei mir ähnlich. Ich habe so eine Art innere Einteilung in die Zeit vor und nach meinem jetzigen Rufnamen. Mit der Zeit davor will ich so wenig wie möglich zu tun haben. Ich habe mir sogar irgendwann angewöhnt meine Unterschrift anders zu machen als vorher und einen anderen Dialekt zu sprechen. Es gibt auch Leute, die können meine frühere Handschrift nicht mit meiner jetzigen in Verbindung bringen und schieben das darauf.

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