Schlaflos (2017: 093)

Im Dunklen lauert manchmal das Schwarze Loch.

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Aus dem Entwurfsordner herausgeholt. Das sind meine Gedanken, keine feststehenden Tatsachen, keine allgemeingültigen “Wahrheiten”. Ich beschreibe allerdings (hoffentlich halbwegs nachvollziehbar), was da in und mit mir passiert.

 

Eine halbe Stunde geschlafen und zack! – wieder wach, um halb Eins. Und am Einschlafen hindert mich meine Erinnerung. Ja, ich habe in den letzten Tagen in zwei alten Kladden gelesen, lesen müssen, weil ich auch die ja abtippen will. Aber die wachhaltenden Erinnerungen sind noch älter.

Ich habe diese Systemänderung gewollt und doch nicht gewollt; jedenfalls wollte ich das System verändern, aber nicht dieses hier – dieses mir damals fremde und mir bis heute fremdgebliebene – übernehmen. Das wollte ich nicht, dagegen wollte ich mich wehren, habe ich mich gewehrt; an dem bin ich gescheitert. Ja. Ich bin mit der ganzen Bürokratie nicht fertiggeworden, habe mir weder die Hilfe gesucht, die ich nötig gehabt hätte, noch die angenommen, um die ich nicht bitten brauchte. Irgendwann habe ich meine Augen verschlossen vor dem Haufen, der da zusammengekommen war; ich kam nicht zurecht mit dem, was notwendig gewesen wäre und begann es zu ignorieren. Das war der Beginn des Weges nach unten. Abwärts. In das Schwarze Loch hinein. Tiefer hinein in das, was Depression genannt wird. Das Loch war wohl schon da, mit dem großen Umbruch, den ich so nie haben wollte. Bei dem mir meine Heimat entwendet wurde … Alles danach waren doch nur Folgen davon.

Und die Ergebnisse oder besser Nichtergebnisse dieses Versagens werden mich (und auch andere, ich weiß und fühle mich schuldig) mein Leben lang begleiten. Sowohl die des Systemversagens, die des Versagens der Umgestaltungswilligen als auch die meines ganz persönlichen Versagens, meines Scheiterns am und im ungewollten System. Sie bleiben wirksam mein ganzes Leben lang, auch nach meiner Neuerschaffung, denn sie betreffen nicht nur den Namen der Ausweispersönlichkeit. Sie wirken durch mich, mit mir, in mir, an mir. Täglich. Sie rauben mir nicht mehr jeden Mut, nicht mehr den Schlaf in jeder einzelnen verdammten Nacht, aber immer mal wieder schicken sie ihre Schatten hervor, werfen sie ihre Düsternis über mich. Und dann füge ich natürlich auch noch all das andere dazu: Jeden meiner Mißerfolge, jede Ungeschicklichkeit, jegliche unbedachte Äußerung zähle ich dazu, packe ich mit auf diesen Haufen, der dadurch wächst und wächst und wächst und dann ins Rutschen kommend mich unter sich zu begraben droht. Ich rette mich vorm Verschüttetwerden durch einen Sprung zur Seite oder zurück – und falle ins Schwarze Loch.

Für ein paar Minuten, einige Stunden, für eine Nacht. Um alles loszuwerden, ganz loszuwerden müßte ich auch meine Vergangenheit loswerden und die Folgen meines Handelns in meiner Vergangenheit und nicht nur den, diesen Namen. Ich weiß, daß das ebenso unmöglich ist wie auch nur eine Neu- oder Umbewertung von all dem Geschehenen. Reale Folgen lassen sich nicht um- oder wegbewerten, sie sind. Auch eine Depression ist. Eine Krankheit, wahrscheinlich chronisch wie Diabetes, behandelbar. Ich kenne mittlerweile Wege aus dem Schwarzen Loch heraus. Einer ist Schreiben, das hält mich auch ganz gut vom Alkohol fern. Konkret, sehr konkret schreiben in den Kladden und auf Zetteln, und unkonkret genug in der Öffentlickeit, hier zum Beispiel. Wenn ich mich einigermaßen mitteilen kann, mein Gefühl, meinen Zustand äußern kann, dann habe ich … ja, dann habe ich den Weg nach draußen geschafft.

Und dann kann ich wieder an seinem Rand herumbalancieren. Den Alltag bewältigen, Anteil nehmen, mich hilflos fühlen beim Ahnen von und Wissen um Probleme, die andere Menschen haben, doch helfen und atmen und essen und leben. Mit mehr als nur einer Krankheit und heute offenen Augen …

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 03.04.2017 waren nächtliche Klarheit, eine interessante Idee und eine Phantasie, die ihrer Möglichkeit entgegenstrebt.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Königin der Kelche.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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5 Antworten zu Schlaflos (2017: 093)

  1. Frau Momo schreibt:

    Auch wenn die Gründe andere sind, Depressionen kenne ich auch zur Genüge und mit anderen Sympomen zusammen haben sie mich lange, aber sehr hilfreiche, Klinikaufenthalte gekostet. Ich habe meine Vergangenheit angenommen, ich habe Frieden mit ihr geschlossen, denn ändern kann ich sie nicht und wollte nicht mehr, das sie mich täglich am Leben hindert. Ich habe meine Depressionen in den Griff gekriegt, ob ich geheilt bin, kann ich nicht wirklich sagen. Ich habe viel durch meine Krankheiten gelernt und dafür bin ich heute dankbar. Ich sehe es weniger als Scheitern. Ich bin halt einen Weg mit vielen Umwegen gegangen, aber die erhöhen ja bekanntlich die Ortskenntnis.

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  2. Arabella schreibt:

    Wir alle balancieren täglich.

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  3. Sofasophia schreibt:

    Ich spüre deine offenen Augen und kann deinen Gedanken gut folgen. Da spüre ich dein Dir-Treu-Sein.

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  4. Clara HH schreibt:

    Ich war oft auch erstaunt, wie viele die Wende und das Danach so bedingungslos beklatschten.

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  5. Ulli schreibt:

    Ich sehe es wie Frau Momo, es gilt die Vergangenheit anzunehmen, egal wieviel Scham und was weiss ich noch alles damit verbunden ist, sie gehört zu jedem von uns und hat uns zu der/dem gemacht, die/der wir heute sind!
    Ich weiss, das schreibt sich schnell, dahinter steht ein jahrelanger Prozess!
    Deinem folge ich immer wieder gerne.
    herzlichste Abendgrüsse
    Ulli

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