Eine Bibliotheksszene (2017: 117)

An den Zeiten muß ich wohl noch arbeiten.

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Er, der schon seit meinen Kindertagen hier im Hause war und noch ist und den ich nur mit Anzug und Fliege kenne (ich bin mir nicht sicher, ob er außer dem, was er trägt, noch andere Kleidung besitzt, denn auch mitten in der Nacht tauchte er in meinen Kindertagen immer so gekleidet auf, also mit Anzug und Fliege), er führt mich heute in das Zimmer, das “die Bibliothek” genannt wird wegen der Regale voller einstaubender Folianten darin, die, wie ich auch noch aus Kindertagen weiß, aber zu einem Gutteil nur Atrappen waren oder sind, also Buchdeckel und Buchrücken aus Leder, dazwischen aber ist immer nur einen leerer Pappkarton, auf dessen sichtbare Flächen haarfeine Linien gemalt wurden, damit die Illusion von Buchseiten aufrechterhalten bleibt. Mich in einen der ebenfalls hier stehenden Lehnstühle zu setzen, wage ich nicht; denn das ist erst schicklich und erlaubt, nachdem sich die hoffentlich bald erscheinende Dame des Hauses gesetzt und mich zum Platznehmen aufgefordert hat. Wie ich diese altmodische Etikette, diese gekünstelte Höflichkeit im Benehmen mittlerweile hasse!

Als Kind war ich aber gerne zu Gast in diesem Haus, denn es erschien mir damals fast ein Schloß zu sein mit seinen vielen Zimmern und den reichvertierten funklen Schränken und den Geweihen und Gehörnen und all den Bilden an jedem nicht zugestellten Fleckchen Wand. Damals schien mir auch das “ausgesuchte” Benehmen eines zu sein, das in so einem Hause als einziges akzeptiert werden kann, und so spielte ich dabei mit, mit all denn “bitte” und “danke” und Knicksen und Verbeugungen. Wie oft stellte ich mir dann auch vor, daß es in diesem Haus geheime Türen und dahinter verborgene Geheimgänge und -Kabinette geben muß! Auf der Suche danach entdeckte ich als acht- oder zehnjähriger Lausbub eben jenes Geheimnis der Bibliothek und ihrer “Bücher”, denn ich versuchte jedes einzelne erreichbare Buch zu bewegen, um die von mir herbeigesehnte Geheimtür, die ich mir auch nur als in die Wand hinein und dann zur Seite gleitendes Bücherregal vorstellen konnte, endlich zu finden und durch sie hindurch den eintönigen Nachmittagen zu entkommen, beinahe immer nach dem Tee mit diesen gräßlich trockenen Keksen, die immer so “vorzüglich” genannt werden mußten und einen besonderen Dank für die Großzügigkeit erforderten, mit der dieses Gebäck extra für mich aus einem fernen Lande importiert worden war. Diese Unannehmlichkeit wurde aber von all den vermuteten Geheimnissen des Hauses, von all den Geschichten, die es in meinem Kopf weckte, mehr als wettgemacht. Vor allem deshalb war ich gerne in diesem Haus gewesen.

Heute kommt mir ziemlich Vieles in diesem Haus schäbig vor, ein wenig muffig sogar; und was die dunklen, reich verzierten Schränke früher an Wundern zu verbergen versprachen, sind heute nur noch in naher Zukunft auf mich wartende Lasten, um deren Verwertung und Beseitigung ich mich als einzig noch lebender Verwandter der Dame des Hauses werde sorgen müssen. Heute gehe ich an den betrügerischen Folianten in den Regalen vorbei, bleibe vor den gerahmten Drucken – Drucke, ja, nur Drucke und keine Gemälde hängen an den Wänden – stehen und frage mich, welche Lügen sich mir noch offenbaren werden, wenn ich in hoffentlich nicht allzunaher Zeit mich mit allem werde genauer zu befassen haben. Oder dürfen? Oh, wenn ich etwas darf, dann macht es gleich viel mehr Spaß, das habe ich mir aus den Kindertagen erhalten; und aus der Angst vor allen zu erwartenden Unwägbarkeiten wird plötzlich wieder die Neugier auf das noch Unentdeckte, das schamhaft Verschwiegene, das ach so Profane der vielen Jahre, das ich alles nie wirklich fand und nur so wenig kenne.

Und noch immer bezeichne ich es für mich als Hereinrauschen, wenn die Dame des Hauses, wenn Tante Erdmute mit früher großer Geste, jetzt vorsichtig trippelnd den Raum betritt …

 

 

Viel Arbeit. Viel harte Arbeit liegt da noch vor mir. Und nein, das hier Geschriebene kann ich nicht in kürzeren, einfacheren Sätzen ausdrücken …

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 27.04.2017 waren Geschriebenes, erledigte Hausarbeit und Faulenzen.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Sieben der Kelche.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

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2 Antworten zu Eine Bibliotheksszene (2017: 117)

  1. petra ulbrich schreibt:

    Musst du doch auch gar nicht in kürzeren Worten sagen. So, wie es ist, ist es gut und lässt auf eine Fortsetzung hoffen.

    Gefällt mir

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