Alte Worte (2017: 123)

Teezeremoniell, ein Teil davon

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Tante Erdmute sitzt mir gegenüber in einem Fauteuil. Ja, sie legt viel Wert auf solche altmodischen Bezeichnungen: Chaiselongue, Oheim, Base, Vetter, Vertiko, Paletot, Paravent und – und von dieser Sorte hat sie noch viel mehr in ihrem Sprachwortschatz, die sie tagtäglich benutzt. Manchmal kommt sie mir vor wie aus der Zeit gefallen. Also aus ihrer Zeit in die unsere. Wer würde wohl den größeren Schock erleiden: ein Mensch, der aus der Vergangenheit in die Zukunft gelangt oder eine Person, die aus der Zukunft in die Vergangenheit reist? Da müssen nur etwa fünf oder sechs Generationen dazwischhenliegen. Ach, meine Gedanken schweifen schonwieder ab von dem, was hier in der Bibliothek passiert. Inzwischen hat er bereits Tee serviert. Tante Erdmute hat seit ihrem Geständnis kaum gesprochen, sie scheint sich selbst damit überrascht zu haben und jetzt einiger Sammlung und Erholung zu bedürfen.

Schweigend beginnt nach allen Regeln der Etikette, wie sie wohl um 1900 üblich war, das nachmittägliche Zeremoniell. Von mir wird nicht viel erwartet, aber auch das Wenige ist oft schwer gewesen. Deshalb besuche ich sie auch nur noch selten, seit … Mit der Zeit wurde sie, die resolute Dame, nämlich nicht nur älter, sondern auch wunderlich. Und doch färbt ihre Sprache jedesmal auf mich ab, wenn ich bei ihr bin; ich selbst spräche ja eher von “schrullig” oder gar “bekloppt”, nicht jedoch von wunderlich. Was ich mir allerdings von ihr abgeschhaut habe und was mir bei der Benützung der Bibliothek immer gute Dienste leistet, ist meine Vorliebe für die Frakturschrift und Deutsche Handschrift. Jetzt allerdings muß ich erst die vorzüglichen Kekse loeben und mich artig bedanken. » Mein Junge, ich muß mich bei ihnen entschuldigen. Ich sollte meine Gäste, und noch dazu meine gern und viel zu selten geseehenen Gäste nicht mit meinen alten Geschichten langweilen. « Die standesgemäße Antwort darauf lautet wie immer, daß dies keeineswegs der Fall wäre – und das entspricht in diesem Falle sogar der Wahrheit. Denn dieses kleine Geheimnis, diese Trauer um eine nie getraute Rebellion, nie hätte ich etwas derartiges vermutet. Nie hätte ich geglaubt, daß auch und gerade sie, die hochfeine Tante Ermute, etwas anderes in ihrem Leben bereut als den Verlust einiger Bilder.

Allerdings blieb das für diesen Nachmittag die einzig interessante Begebenheit. Und es würde auch für eine lange Zeit das letzte wirklich spannende Gespräch gewesen sein. Doch davon ahnen wir alle drei noch nichts.

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 03.05.2017 waren die fertige Sendung Jojo (beinahe vergessen!), ein umgesetzter Plan, leckerer Burger.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Neun der Münzen.

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Über Der Emil

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3 Antworten zu Alte Worte (2017: 123)

  1. petra ulbrich schreibt:

    Jetzt kann ich guten Gewissens ins Bett verschwinden – Danke Tante Erdmute. Alles ist gut und hat seine Berechtigung; auch Schrulligkeiten.

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