Grenzen, Regeln und Kinder (2017: 127)

Ein dankbarer Rückblick

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Wenn mein Vater mir, nachdem ihn Mutter dazu aufgefordert hatte, eine Ansage machte und sich jegliche weitere Diskussion verbat, dann war mir klar: Hier war etwas entschieden, gegen das es kein “Aber …” mehr gab. Und ich wußte ganz genau, daß jeder Versuch, anderes zu tun, Konsequenzen haben würde. Oh ja, das habe ich oft genug auch erlebt; ab und an gab es auch noch ganz klassisch “paar auf’n Arsch”. Ansonsten hieß es, früher von draußen heimzukommen oder erst gar nicht rausgehen zu dürfen. Harte Grenzen, harte Regeln. So sehe ich es heute. Damals allerdings war das alles einfach nur ungerecht. Denn “die andern dürfen das alle” und “niemand anders muß das machen” – jedesmal, wenn ich etwas wollte oder sollte. In jenen Momenten litt ich bestimmt darunter; heute jedoch hilft mir und schon sehr oft in meinem bisherigen Leben half mir die Erfahrung von Regeln und Grenzen, das Wissen um ihre Notwendigkeit und die Notwendigkeit ihrer Aufstellung und Einhaltung.

Streng? Waren meine Eltern streng? Ganz ehrlich: Eher nicht. Ich durfte so vieles, wurde bei so vielem von ihnen unterstützt und schaffte und schaffe es nur sehr selten, ihnen meine Dankbarkeit dafür zu zeigen. Meist schaffe ich es ja (noch immer) nicht, mich im Zweiwochenrhythmus bei ihnen zu melden. Auch dafür gibt es Gründe, sicher. Nur bin ich mir darüber noch nicht ganz – nein: überhaupt noch nicht klar. Doch ich weiß, daß sie mir mitgaben oder mindestens vorbereiteten, was mich all die Jahre überleben ließ, mir immer wieder half, Dinge zu bewältigen.

Wenn ich dann heutzutage sehe, wie Kinder mit ihren Eltern umspringen, dann rollen sich mir nicht nur meine Fußnägel auf. Nein, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Was die (Entschuldigung!) Rotzgören für Ansprüche und Erwartungen haben!? Und wehe, die Eltern sagen, daß etwas unter dieser oder jener Bedingung erlaubt werde: Das ist eine Erlaubnis, die Bedingungen werden auf keinen Fall eingehalten und müssen auch keinesfalls eingehalten werden! Ja, da verstehe ich, daß Eltern verzweifeln, krank werden, die Erziehung nicht mehr bewältigen können. Da verstehe ich, daß die “Vorbilder” aus “GNTM”, “DSDS”, “Youtube” und den restlichen Sendungen der Privaten Fernsehsender zu völlig überzogenen Erwartungen der Kinder führen, die dann von den Eltern einfach nicht erfüllt werden können. Weil da kein Stückchen Realität mehr bleibt.

 

Ich bin froh, daß es in meiner Jugendzeit, also vor 1983, noch auf persönliche Kontakte ankam, daß ich noch zu Freunden hingehen, mich mit ihnen treffen mußte, daß ich mich höchstens mit Büchern aus der Welt stehlen konnte, und auch das nicht für so lange Zeit, wie es heutzutage vielfältig möglich ist. Ich bin froh, daß mir meine Eltern noch Grenzen setzen konnten und mich darauf vorbereiteten, daß ich in meinem ganzen Leben Grenzen beachten, Regeln und Vereinbarungen einhalten mußte und muß. An den heutigen Kindern (zumindest an einigen von ihnen) würde ich einfach verzweifeln und zugrundegehen.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 07.05.2017 waren ein ruhiges Frühstück, Erinnerungen, die aufrechterhaltene Beherrschung.
 
Die Tageskarte für morgen ist dieKönigin der Stäbe.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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5 Antworten zu Grenzen, Regeln und Kinder (2017: 127)

  1. Ulli schreibt:

    Es sind ja nicht die Kinder, es sind die Eltern, die vielfach nicht erwachsen geworden sind und auch den Begriff der „bedingungslosen“ Liebe zu ihren Kindern missverstehen. Ich bin dankbar, dass ich noch immer viele Eltern kenne, die Grenzen zu setzen wissen und das auch in zeiten, als ich selbst noch Mutter war- grenzenlos führt zu Chaos. Die von dir benannten Medien obliegen und oblagen der Erlaubnis der Eltern, wenn sie selbst aber nicht gelernt haben damit umzugehen, dann geben sie dies leider weiter…
    herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

    • Der Emil schreibt:

      Natürlich gibt es noch Eltern, die Grenzen ziehen. Doch die Omnipräsenz bestimmter „Vorbilder“ (siehe meine Antwort an Puzzleblume) erschweren die elterliche Fürsorge ungemein. Dazu gehört auch, daß Kinder von der Schule nicht meht auf Lehrbücher, sondern auf „das Internet“ verwiesen werden, wenn es um Faktenwissen geht usw. usf.

      Es ist in meinen Augen das Zuviel, das den Kindern als „normal“ und „erlaubt“ vorgegaukelt wird, welches …

      (Ach, ich rege mich zu sehr auf. Wahrscheinlich, weil selbst ich von manchen Dingen einfach nur noch überfordert bin.)

      Gefällt 2 Personen

  2. puzzleblume schreibt:

    „Die“ heutigen Kinder sind ebensowenig „alle gleich“ schrecklich wie in früheren Jahren alle braver. Es kann kein seltener Zufall sein, keine Ausnahme unter Tausenden, dass ausgerechnet meine beiden Söhne uns stets auch ausnahmslos nette Freunde ins Haus gebracht haben.
    Massstäbe werden von Eltern oder anderen engagierten Erziehern vermittelt, die den Kindern und Jugendlichen einen zugewandten Eindruck machen, aber das ist auch das ganze Geheimnis: man muss Zeit aufwenden, Interesse haben und erklären, um was es geht, wenn man etwas wünscht oder ablehnt.
    Grenzen, die verstanden werden sollen, setzt man besser nicht diktatorisch, sondern diplomatisch und das beizeiten. Menschen, die glauben, Kinder seien irgendwann noch zu klein für andere Zeichen als einen Klaps oder ein Küsschen, sind im Irrtum, es gibt genug Variationen, die nicht Strafe und Belohnung heissen müssen.
    Wenn man sein Kind erstmal zum Gehorsam erzogen hat, ist dessen Vertrauen in das elterliche Wohlwollen in der Erziehung schon verloren, dann glaubt es nur noch an die Abfolge von Regeln und Konsequenzen, statt an vermittelte gemeinsame Werte.

    Gefällt 1 Person

    • Der Emil schreibt:

      Hm.

      Ich bin nicht der Meinung, daß NUR Eltern (und andere Erziehende) für dieses Dilemma (in meinen Augen ist es eines) verantwortlich sind. Denn auf junge Menschen stürzen heute, da „Medien“ (inkl. sogenannter „sozialer“) stets und ständig und überall verfügbar sind, viel mehr aufgebauschte, verzerrte Informationen ein, als in meiner Kindheit; da sind Fluch und Segen ganz nah beieinander. Und deshalb, auch wenn sie die Tragweite ihres Verhaltens nicht wirklich abschätzen oder verstehen können, sind Kinder und ihr Benehmen/Verhalten anders geworden, zum Teil unhandhabbar für Eltern, denen von außen zusätzlich große Verunsicherungen aufgebürdet werden.

      Omnipräsente Vorbilder, die keine sein dürften und deren Vorbildwirkung von Erziehenden nicht ausreichend relativiert werden kann (eben weil sie omnipräsent und überbetont sind), bedingen eine Veränderung auch des Verhaltens der Kinder/Jugendlichen/jungen Erwachsenen.

      Ich weiß, es ist ein verdammt schwieriges Thema und es gibt keine Patentlösung. Doch wenn „die Gesellschaft“ alle Versuche einer Grenzziehung, einer Regelgestaltung torpediert (und das erlebe ich sehr oft), dann tritt das ein, was ich in diesem einen Absatz anspreche …

      Gefällt 2 Personen

      • puzzleblume schreibt:

        Im Prinzip zutreffend, durch meine persönliche Erfahrung mit meinen eigenen, inzwischen erwachsenen Söhnen, denen ich den Einstieg in den Umgang mit PC und Internet selbst beigebracht und begleitet habe, muss ich eben doch wieder einschränken: es ist die Aufmerksamkeit oder Ignoranz der Eltern, die selbst nicht kritisch mit den Gegebenheiten umgehen, und die möchte ich nur ungern als „die Gesellschaft“ sehen müssen, weil sie zwar, wie auch ich oft fürchte, eine Mehrheit darstellen, aber auch dadurch, dass dieser Teil der Gesellschaft mehr im Fokus der Medienberichterstattung steht als diejenigen, die nicht durch ihr Katastrophenpotential gewinnbringend in Form von Magazinen und Ratgeberlektüre vermarktet werden können.

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