Eine Tür fällt heftig ins Schloß (2017: 130)

Gefühle und der ganze Rest

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“Und was zickst Du schonwieder rum?” “Du zickst rum!” Eine Tür fällt heftig ins Schloß. Ich weiß nicht, wohin mit mir und meinen Händen und meinen Gedanken und Gefühlen. Darf ich all das überhaupt haben? Es steht nicht die Frage, ob ich all diese Gefühle alle auf einmal haben darf, dieses Durcheinander, dieses Tohuwabohu, dieses Chaos. Nein, es steht bei jedem einzelnen Gefühl die Frage, ob ich es haben darf!

 

Wut: Die ist böse, möchte oft auch verletzen und Schmerzen zufügen; doch ich darf niemandem wehtun außer mir, schließlich bin ich ein Mensch und gehe mit meinen Mitmenschen wirklich aufmerksam und mitfühlend um –also darf ich keine Wut haben.

Trauer: Jeder Streit fühlt sich an wie ein Verlust, und all das nur, weil ich nicht nachgegeben habe; außerdem ist niemand gestorben und wenn ich jetzt traurig bin, dann glauben die andern noch, sie seien an meiner Trauer schuld – das will ich nicht, denn niemand soll sich meinetwegen schlecht fühlen.

Verlustangst: Bei jedem Streit habe ich Angst, daß ich vom “Streitgegner” verlassen oder in die Wüste geschickt werde. Das ist doch eine wertvolle Beziehung, die ich mit diesem Menschen führ(t)e, die kann doch nur zuendegehen, wenn ich mich nicht gut genug benommen habe. Ich bin Schuld daran, daß diese Beziehung auch für den anderen bendet ist und diese Person jetzt einsam ist; weil ich Schuld bin, hab ich es verdient, ab sofort alleine zu sein – aber doch nicht der andere Mensch!? Und doch habe ich Angst davor, auch noch diesen Menschen zu verlieren.

 

So ganz nebenbei sind da noch viele andere Gefühle: Überraschung und Erstaunen, Ablehnung, Verwirrung, Begehren, Neugierde, Liebe (ja, doch, auch sie oder das, was ich dafür halte, ist noch da), Anspannung, Erleichterung, Scham, Wärme und Kälte, Haß, das Bedürfnis nach Zärtlichkeit …

Ich weiß noch immer nicht, ob das alles Gefühle im Sinne der Psychotherapie sind. Doch all das wühlt in mir nach einem Streit. All das war vor Jahren einfach nicht wahrnehmbar von mir. Da fühlte ich nichts davon; weil Gefühle wehtaten, hatte ich sie mir abgewöhnt, verboten, untersagt. Es tat nicht weh, wenn ich nichts fühlte, das war das Gute daran. Und alles, das nicht wehtat, war gut. Und jedes noch so gute Gefühl mußte enden, was eine schmerzhafte Katastrophe für mich gewesen wäre – also untersagte, versagte ich mir, entsagte ich und gewöhte mir auch ab, gute Gefühle zu haben, denn deren Ende war immer schmerzhaft, vernichtend.

Ich lernte, daß Gefühllosigkeit dafür sorgte, daß ich keine Schmerzen haben muß. Was ich nicht bemerkte, war, daß damit auch alle anderen Losigkeiten bei mir Einzug hielten:
     Lustlosigkeit
     Sinnlosigkeit
     Schlaflosigkeit
     Antriebslosigkeit
     Lieblosigkeit
     Freudlosigkeit
     Kontaktlosigkeit
     Appetitlosigkeit
     Maßlosigkeit
     Arbeitslosigkeit
     Ruhelosigkeit
     Kraftlosigkeit
     Sprachlosigkeit
– all das war da und war ich und war meine Krankheit Depression, die ich auch Losigkeitskrankheit nenne.

 

“Und was zickst Du schonwieder rum?” “Du zickst rum!” Eine Tür fällt heftig ins Schloß. Ich gehe hin und klopfe vorsichtig an, vielleicht nicht sofort, aber doch ziemlich bald …

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 10.05.2017 waren Sortiertes, Klargestelltes, und gleich wird es der Wein sein.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Drei der Schwerter.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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5 Antworten zu Eine Tür fällt heftig ins Schloß (2017: 130)

  1. Sofasophia schreibt:

    Diese Losigkeiten – ach ja, das kenn ich soo gut. Ich bin echt froh, dass wir spüren können, wieder. Und es einordnen, wenn die Überforderung in Taubheit und Losigkeit umzuschlagen droht.
    Ein wertvoller Text ist dir da geworden. Danke.

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  2. wildgans schreibt:

    Rumzicken – eher ein Wort für alberne Teenager. Ich finde, bei Erwachsenen gehören andere, treffendere, älter Worte stattdessen dahin. Welche? Mal überlegen.
    Depressionen sind manchmal wie Mafiasachen, so mit Füßen im Beton und so…
    Danke, es geht mir schlecht! (Titel eines älteren guten Buchs zum Thema. Es befindet sich eine kleine Zeichnung darin. Zeichnung einer Person, die Betonfüße hat).

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  3. Gudrun schreibt:

    Lieber Emil, ich bin dir sehr dankbar für diesen Text, weil ich mir solche Zusammenhänge vor Jahren mehr oder minder gut zusammenreimen musste. Ich wollte einer nahen Verwandten helfen, wusste nichts und stand oft hilflos da. Es ist gut, wenn Betroffene schreiben. Das können nur sie.


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  4. Pingback: Denken, fühlen, erleben… | Stefunny's Weblog

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