Halt in der dunklen Nacht (2017: 138)

Sie liegen oft nur nebeneinander.

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Die Hausarbeit ist getan. Feierabend für diesen Tag. Der Wein im Glas will nicht weniger werden, die Kerzen flackern. Die Terassentür steht noch offen. Vor ein paar Minuten ging die Sonne unter, die Dunkelheit greift um sich und wird dichter. Ob sie es heute schaffen, gemeinsam, zur gleichen Zeit zumindest, zubett zu gehen? Er geht schonmal ins Bad zum Zähneputzen, mehr ist nicht mehr nötig. Auf den Rest Dornfelder will er verzichten, setzt sich wieder zu ihr an den Tisch. Sie träumt vor sich hin, lächelt in die Flammen und spielt mit der linken Hand am Weinglas. Da sagt er leise zu ihr, sie möge doch bitte mitkommen, ins Bett, jetzt gleich. Noch sei sie nicht müde, murmelt sie ihm zu und formt die Lippen zu einem Kuß. Er ringt mit sich, sichtbar, erhebt sich halb, will ins Schlafzimmer gehen, doch will das nicht allein, setzt sich wieder und schaut sie an. Die Musik, in deren Rhythmus sie sich wiegt, ihren Kopf bewegt, mit den Fingern auf den Fuß des Glases tippt, hört er nicht. Doch es scheint ein Tango zu sein: Tapp, Tapp, Tapp, Tadapp, Tapp, Tapp, Tapp, Tadapp, Tapp, Tapp, Tapp, Tadapp, immer wieder. Er weiß noch, wie sich ihr Körper dabei biegt, sich an seinen heften kann, symbiotisch erscheinend oder wie ein einziger Körper; er erinnert sich an die Leichtigkeit und Leidenschaft, mit der sie beide nicht nur, doch am liebsten zu einem Tango tanzten, gestern, vorgestern, oder war es wirklich schon vor so vielen Jahren? Damals in Berlin oder in Binz, wo ein Pianist und ein Geiger und manchmal noch einer mit einer Oboe oder Klarinette die Musik spielten, direkt im Lokal oder im Pavillon. Sie gingen nicht mehr tanzen, als die Stücke von Schallplatten oder Tonbändern kamen, nein, das hatte einfach nicht den Charme und den Stil, der ihnen beiden dann zur Lust am Tanzen fehlte.

Heute fehlt ihm und vor allem ihr die Lust zu so vielen Sachen! Deshalb bedrängt er sie jetzt nicht, erinnert sie nicht an die doch fortgeschrittene Zeit und auch nicht daran, daß sie schon das dritte Glas Wein geleert hat. Sie stellt es auf den Tisch, kommt zu ihm an den Sessel, küßt ihn sanft. Hand in Hand gehen sie ins Schlafzimmer. Er schließt die Tür hinter ihnen. Hand in Hand liegen sie dann in der dunklen Nacht.

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 18.05.2017 waren Inmichhineingrinsen beim “Belauschen” eines Rentnergespräches, ein Spaziergang dort, wo ich lange nicht war, marinierter Hering.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Königin der Kelche.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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