Milieustudie nach Gewitter (2017: 150)

Augenzwinkernd “frei erfunden”.

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Das Gewitter, das die dringend notwendige Abkühlung und Entspannung hätte bringen können, zieht und zog wie so oft um die Stadt außen herum. Nur ein paar wenige Tropfen finden ihren Weg auf Straßen, reichlich vorhandene Wiesen und andere Grünflächen, Wege und Dächer im Neubaugebiet, das ich noch immer lieber Neubau- als Plattenbaugebiet nenne. Bei letzterem Begriff habe ich sofort Bilder von schäbigen Hochhaussiedlungen mit abgewracktem Drumherum vor Augen, in denen sich der Bodensatz der Gesellschaft sammelt, in denen – dank der großzügigen Sicherung des Existenzminimums durch die Hilfe zum Lebensunterhalt, auch ALG-II oder Hartz-IV genannt, die bis zu genau Null Euro abgesenkt (sanktioniert) werden kann, aber dann noch immer das Existenzminimum sichert – all die Erwerbsfähigen Hilfebedürftigen konzentriert werden und andere Menschen, deren Existenz nicht mehr kapitalisiert werden kann. Jedenfalls ist nicht das der Grund, warum das Gewitter die Stadt so selten trifft. Vielleicht ist die in der städtischen “Landschaft” stärker erwärmte und dadurch aufsteigende Luft der Grund dafür, daß das Wetter um die Stadt einen Bogen macht … Nach einiger Zeit aber bemerken auch die Menschen hier, daß es frischer geworden ist, ein wenig nur, aber immerhin. Das Thermometer fiel nicht wie andernorts um zehn oder mehr Grad Celsius, sondern nur um schlappe sechs Grad; die Schwüle allerdings ist verschwunden. Das läßt aufatmen, durchatmen. Und so stehen Leute vor den Häusern, an den Spielplätzen, haben ein Bier dabei oder zwei oder einen ganzen Kasten davon, trinken und reden, rauchen und tratschen. Das fällt mir immer wieder auf, wenn ich diese Stadt hier, diesen Stadtteil mit anderen Städten und Stadtteilen vergleiche: In HaNeu treffen sich die Nachbarn, Menschen – anderswo kann ich das so nicht beobachten. Ob das in der Silberhöhe, in Trotha oder in der Südstadt, in anderen Städten auf dem Brünlasberg, auf dem Eichert, in der Warschauer Straße oder am Grevener Damm oder sonstwo ist, West wie Ost, Nord wie Süd: Nirgends sind mir diese Bewohnertreffen vor den Häusern gegenwärtig, nur hier in HaNeu.

Und so stehen sie da. Reden miteinander. Tauschen sich aus. Fremdeln, wenn sich einer der “Asylanten” dazustellt, so wie sie fremdelten als ich mich zum ersten Male ganz in Schwarz, vollbärtig und mit Kopftuch, dazustellte. Aber nach so einem entspannenden, reinigenden, abkühlenden Gewitter sind sie auch etwas milder gestimmt; und langsam, ganz langsam mischen sich zum alten Halleschen Dialekt, zum Fränkisch und Sächsisch und zum Mecklenburger Platt auch französische und andere Akzente. Es braucht nur Zeit. Damals, als HaNeu entstand, war die Zeit nicht. Und doch rauften sich alle zusammen, arbeiteten viele doch im gleichen Betrieb in Leuna oder Schkopau in der Chemie. Auch heute sind es viele, die ihr Geld von einundderselben Stelle bekommen, vom Jobcenter nämlich, und viele gehen arbeiten und bekommen trotzdem noch Geld von dort. Nach dem Gewitter stehen sie da und träumen davon, daß auch unter den Politikern und im Amt irgendwann einmal ein reinigendes Gewitter seine Wirkung haben wird, damit Diedaoben sich mal wieder an Diehierunten erinnern und endlich! auch etwas für Diehierunten gemacht wird. Aber vielleicht ist es auch bei den Politikern und im Amt so, daß zu viel heiße Luft den Durchzug eines reinigenden Gewitters verhindert …

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 30.05.2017 waren endlich wieder genug Kaffee im Haus, Regen und Gewitter, die Bestätigung, daß ich meine Kamera nur vergessen habe.
 
Die Tageskarte für morgen ist das As der Münzen.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

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8 Antworten zu Milieustudie nach Gewitter (2017: 150)

  1. petra ulbrich schreibt:

    Ich sage Danke fürs aufschreiben.

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  2. Arabella schreibt:

    Du denkst wie mein Nepomuk Hastik und der ist ja Teil von mir.

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  3. Gudrun schreibt:

    Eigentlich will ich wie ein Stein werden, wenn ich von einer ganz gewissen Problematik lese oder höre. Ja, wie ein Stein; aus Selbstschutz. Bei deinem Text gelingt es mir nicht, weil er mich sehr berührt.
    Gruß von nebenan.


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  4. wildgans schreibt:

    Wie ein Stein werden – Gott behüte…Doch manchmal „hat“ es mich…
    Sommers gibt es hier in der Gegend den „Hock“, da sitzen Nachbarn und ganze Grüppchen vor den Häusern und „dringge oiner zusamme“.
    Mir gefällt, wie du davon schreibst!


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