Was nie geschrieben werden sollte (2017: 159)

Ein fesselnder Buchbeginn.

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Sätze von gestern wurden zum Blog bzw. zu seinem Anstoß und brachten mir die “zornige Liebe” als Stichwort. Die Erinnerungen an ein Weib/ein weibliches Wesen lenken mich ab, machen mir Lust und Kopfkino. Wohin wird mich diese Melange an Phantasien noch bringen? Zum Schreiben, so hoffe ich. Das hoffe ich so inständig, daß es mein stummes inneres Gebet geworden ist und fast rund um die Uhr in mir murmelt. Nur selten kann ich mich davon lösen.

Ein angefangenes Buch hält mich mit seinen ersten Sätzen gefangen. Dabei schwor der Autor vor etwa 30 Jahren, daß er dieses Buch nie schreiben werde. Und nun liegt es hier. Eine Autobiografie. Es kann sein, daß mir die beiden vorhergehenden Bücher fehlen werden, um dieses zu verstehen. Egal, ich lese jetzt das vor zwanzig Jahren erschienene Werk. Und den “Vorwort”-Text, der so prägnant ist, den zitiere ich jetzt und hier. Er nämlich geht mir (mit den nachfolgenden zwei Seiten) nicht aus dem Kopf:

 

 


Frontansicht Gregor von Rezzori: Mir auf der Spur
 
Was ich hier betreibe, ist Paläontologie, Urzeitforschung. Schon was gestern geschehen ist, entzieht sich ins Geschichtliche. Vorgestern ist blasse Vorgeschichte. Vorvorgestern ist Mythenland.

Das Jahrhundert rast seinem Ende zu. Wer es durchlebt hat, fand es schwierig, mit dem Wechsel des Epochengeists Schritt zu halten. Erzählt er davon, so begibt er sich ins Reich der Schamanen. Er beschwört den Spuk von Wirklichkeiten, die unwirklich geworden sind.

Zeit ist das Verrieseln des Lebendigen. Aus ihr herauszuhören ist allein das Murmeln der Nornen. Wir stammeln dem nach, was davon in unserem Blut mitrauscht. Wir lauschen ins Blut, das mit unserer Zeit verflossen ist.

Gregor von Rezzori: Mir auf der Spur. S. 5
1. Auflage; genehmigte Taschenbuchausgabe Juni 1999.
btb Taschenbuch im Goldmann Verlag; © 1997 C. Bertelsmann Verlag,
beides Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH. ISBN 3-442-72494-5

 

 

Einer, der den größten Teil des 20. Jahrhundert erlebte, Gregor von Rezzori, schrieb dann doch noch seine Autobiografie. Beinahe auf den letzten Drücker. Und ich lese seit Tagen immer wieder das Vorwort und die ersten zwei Seiten … Aber seine vier “Idiotenführer durch die deutsche Gesellschaft.” muß ich irgendwann noch lesen, und seine “maghrebinischen” Werke. Ach, eigentlich alles.

Und nochwas. Zum Vergessen, Erzählen, Geschichtlichen. Denn seit letztem Sonntag weiß ich, daß ich als Kind bereits einmal in Leipzig das Völkerschlachtdenkmal bestieg; es gibt Fotos davon. Aber in mir keine, absolut keine abrufbare Erinnerung daran. Und ich bin noch nicht achtzig.

 

“Zeit ist das Verrieseln des Lebendigen.”

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 08.06.2017 waren ein nettes Gespräch mit viel Flachserei, geschaffte Musik, leckerer Linseneintopf.
 
Die Tageskarte für morgen ist VII – Der Wagen.

© 2017 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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3 Antworten zu Was nie geschrieben werden sollte (2017: 159)

  1. Ulli schreibt:

    Das sind tiefe und wahre Zeilen, die werde ich bestimmt auch noch mehrmals lesen. Seit ein paar Tagen frage ich mich auch wie es wäre, wenn ich wirklich einmal meine Biographie schreiben wollte … puh … ich ziehe meinen Hute vor Jedem, Jeder, der/die sich dem stellt- ob es mit der Zeit mehr Erinnerungen werden, quasi wenn man sich so richtig „einerinnert“ hat?

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